Werbung

Waffe im Anschlag – wirbt Hamburgs Polizei zu martialisch?

Zielsichere Kampagne? Das Foto eines Beamten mit gezogener Schusswaffe sorgt für politischen Zündstoff

Zielsichere Kampagne? Das Foto eines Beamten mit gezogener Schusswaffe sorgt für politischen Zündstoff

Foto: Polizei Hamburg

Die neue Nachwuchskampagne stößt nicht nur bei der Linken auf Kritik – Frauen würden zum „schmückenden Beiwerk“.

Hamburg. Die Hamburger Polizei benötigt dringend Nachwuchs – in den kommenden Jahren geht ein Drittel der Polizeimitarbeiter in den Ruhestand und muss ersetzt werden. Auf der Suche nach neuem Personal hat die Polizei deshalb eine Werbekampagne gestartet, die jetzt für politischen Zündstoff sorgt. Kritik äußert vor allem die Linke. „Hier wird ein Leitbild einer militärischen Polizei gezeichnet, das sich seit dem G-20-Gipfel mehr und mehr herausbildet“, sagt Linken-Politiker Christiane Schneider. „Die Bilder von männlichen, militärisch ausgestatteten Kämpfern sprechen Bände darüber, wen die Polizei ansprechen will und wie sie sich selbst sieht“, so Schneider weiter.

„Baywatcher“ lautet beispielsweise der Slogan auf einem der Werbebilder, das zwei junge Polizisten, lässig mit Sonnenbrillen, auf einem Schnellboot vor der Elbphilharmonie zeigt. Ein schlafendes Baby mit einer Häkelmütze, ein Beamter, der vor der Davidwache mit gezogener Schusswaffe – Slogan „Zielsicher“ – steht und drei schwer bewaffnete Angehörige des Sondereinsatzkommandos mit Maschinenpistolen im Anschlag sind weitere Beispiele der Kampagne zur Nachwuchsgewinnung.

GdP-Chef hält Schneiders Kritik für „überzogen“

Von einer Militarisierung der Polizei will Rafael Behr, Professor an der Hamburger Polizeiakademie, zwar nicht sprechen, eine derartige Zuschreibung gäben die Bilder nicht her. In der Tendenz habe Schneider jedoch recht. „Die Polizei erscheint hier deutlich durchsetzfähiger, dominanter und waffenmächtiger als in früheren Kampagnen“, sagte Behr dem Abendblatt. Die Zivilgesellschaft, der Bürger also, spiele hier keine Rolle mehr. „Die Bürgerorientierung ist bei der Werbeaktion verloren gegangen, im Mittelpunkt steht allein die Interventionsaufgabe der Polizei“, so Behr.

Der Beruf bringe es mit sich, dass Polizisten oft in schwierige Konflikte gerieten, die sie körperlich, psychisch und moralisch meistern müssten, sagt Karl Peter Fischer, Professor für Werbepsychologie an der Hochschule für angewandtes Management bei München. „Dazu benötigt man Menschen, die von ihrer Persönlichkeitsstruktur beherrscht, ruhig und deeskalierend auftreten und Konfliktsituationen in den Griff bekommen“, so Fischer. Die Kampagne scheine jedoch einen „anderen Typ Mensch anzusprechen“. Fischer: „Harte, starke Männer, vor denen man Respekt hat. Markante Gesichter, stramme Uniform. Martialisch stehen sie schützend vor der Kollegin. Die ist schmückendes Beiwerk – sie darf telefonieren.“ An diesem Punkt setzt auch die weitere Kritik an der Kampagne an: das vermittelte Geschlechterbild. Es seien nur Männer, die eine Waffe aktionsbereit in den Händen hielten – dies belege, dass die Kampagne einem „sehr konservativen Geschlechterbild“ folge, sagt Polizeisoziologe Behr. „Eine moderne staatliche Institution sollte ein starkes und unabhängiges Frauenbild zeichnen“, sagt Christiane Schneider von der Linken-Bürgerschaftsfraktion.

Für Gerhard Kirsch, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), ist die Kampagne der Polizei vor allem pragmatisch – Schneiders Kritik hält er für überzogen. „Die können sich von mir aus wieder hinlegen“, sagt Kirsch. „So einen Popanz zu veranstalten wegen einer im Vergleich zu früheren Kampagnen etwas weniger konservativen, ist völlig abwegig.“ Schneiders Vorwurf, hier werde das Leitbild einer „militärischen Polizei“ gezeichnet“, weist Kirsch zurück. „Das ist lächerlich, jeder weiß doch, wer hier wirbt.“ Um den dringend benötigten Nachwuchs zu bekommen, müsse man mal andere Wege beschreiten, und das sei auch „völlig legitim“.

CDU hält Kritik für überzogen

Auch der Landesvorsitzende der CDU, Roland Heintze, hält die Kritik an der Kampagne für überzogen: „Die Linke scheint mal wieder nur das zu sehen, was sie sehen will. Ich kann nicht erkennen, was an einem Säugling mit einer Wollpolizeimütze militärisch anmutet. Ansonsten zeigt unsere Polizei mit ihrer Nachwuchsanwerbung, wie vielfältig der Beruf ist.“

Grünen-Politiker Farid Müller sagt: „Die Kampagne bemüht sich um einen modernen Look. Ich halte dabei nicht jedes Motiv für gelungen. Ich kann verstehen, dass Anklänge an männliche Heldenmotive mit Waffen besonders ,cool‘ wirken sollen, aber die Bildsprache der Kampagne führt die Jugendlichen auf eine falsche Fährte.“ Das sieht Sören Schumacher, innenpolitischer Sprecher der SPD, anders: „Eine Werbekampagne soll in erster Linie auffallen.“ Da die Polizeischüler im Rahmen ihrer Ausbildung intensiv und unter Berücksichtigung hoher Qualitätsstandards auf ihren Dienst vorbereitet würden und sich zudem der Frauenanteil kontinuierlich erhöht hat, sei es „gänzlich überzogen, der Hamburger Polizei ein überkommenes Rollenbild und Militarismus vorzuwerfen“, so Schumacher.

Die Polizei selbst steht voll hinter der Aktion

„Bei dieser Werbekampagne werden unterschiedliche polizeibezogene Motive verwandt, um ein möglichst breites Spektrum potenzieller Interessenten für den Polizeiberuf anzusprechen und bei der jungen Generation Interesse zu wecken. Durch diese Vielfalt an verschiedenen Aufgaben soll einer der spannendsten Berufe der Welt in den Blick gerückt werden“, sagt Polizeisprecher Ulf Wundrack. Werbepsychologieprofessor Fischer gibt indes zu bedenken: „Die Machart der Kampagne ist amerikanisiert und technisch perfekt.“ Ob damit das Ziel erreicht werde, den geeigneten Nachwuchs für diesen Beruf zu generieren, sei für ihn „mehr als fraglich“.

Die auch in den sozialen Netzwerken kontrovers diskutierte, 360.000 Euro teure Kampagne startete Ende Juni, sie löste nach sieben Jahren die Werbeaktion „Gesucht! Gefunden“ ab. Entwickelt wurde sie von der Hamburger Werbeagentur Crone. Die Zielgruppe – vor allem junge Berufseinsteiger – soll mit einem Mix aus konventioneller Plakatwerbung, über Kinos und die über soziale Netzwerke verbreiteten Clips auf „emotionale, prägnante und manchmal auch ein wenig provokante Weise“ angesprochen werden, sagte Polizeipräsident Ralf Martin Meyer bei der Präsentation im Juni.