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Streamingdienste bieten ihren Nutzern immer mehr Auswahl

Live längst nicht so oft zu erleben, wie es nun online möglich ist: Anna Netrebko, hier bei einem Konzert in Moskau

Live längst nicht so oft zu erleben, wie es nun online möglich ist: Anna Netrebko, hier bei einem Konzert in Moskau

Foto: picture alliance

Klassik satt, als Audio und Video: Der Streaming-Markt wächst rasant. Zwei besondere Anbieter sind Idagio und takt1.

Hamburg. Das Herbeireden der ach so verheerenden Klassik-Krise ist nicht ganz so alt wie der Quintenzirkel. Aber fast. Und richtig ist es auch nur bedingt. Kürzlich legte die „FAZ“ statistisch ­begründeten Einspruch ein: steigende Nachfrage, mehr Abos, „in Deutschland hören so viele Menschen klassische ­Musik wie nie ­zuvor“. Online allerdings ist das noch immer nicht so einfach. Denn weder der schwedische Streaming-Gigant Spotify (159 Millionen Nutzer) noch die US-Konkurrenz Apple Music sind auf die besonderen Gegebenheiten klassischer, oft mehrsätziger Kompositionen ausgelegt. Dort wird in Songs und Hits gedacht – eine Klaviersonate, Sinfonie oder eine Oper mit diversen Interpreten, ­Orchester und Dirigent fällt durch ­anders gedachte Metadaten-Suchraster. Für Klassik lohnt sich der Mehraufwand schlicht nicht.

Der Streaming-Markt wächst unterdessen rasant: 2017 betrug der Klassikanteil daran laut Bundesverband ­Musikwirtschaft zwar nur fünf Prozent, doch die Steigerungsrate wurde mit steilen 88 Prozent angegeben. Vorgestern erst wurde bekannt, dass erstmals mit Streaming mehr Umsatz ­gemacht wird als mit CDs. Der Branchenverband Bitkom hat bei einer ­Umfrage herausgefunden, dass die Zahlbereitschaft für Streaming von 19 Prozent im Jahr 2015 auf 34 Prozent gestiegen sei. Mit einem Satz: Musik mit Opuszahlen ist ein Wachstumsmarkt. Erst recht, weil Klassiknutzer offenbar schneller bereit sind, regelmäßig mehr für entsprechend praktische und hochwertige Angebote auszugeben. Ähnlich wie im Pop sind Klassik-CD-Einspielungen meistens nur noch Visitenkarten, die Gewinnmargen sind geschrumpft. Ein Top-Ten-Platz ist mit kleineren Mengen schneller erreicht als früher.

Exklusive Angebote sollen Kunden anlocken

Die Streaming-Plattform Idagio, bei den Salzburger Festspielen 2015 gestartet und jetzt mit Sitz in Berlin, ist ein besonders aktiver Klassik-Anbieter 3.0. Einer der Gründer ist Till Janczukowicz. Mit um die 50 ist er weit vom üblichen Start-up-Altersdurchschnitt entfernt – studierter Pianist, Direktor der Meisterkurse beim Schleswig-Holstein Musik Festival, später war er auch Manager des Dirigenten Christian Thielemann, bevor er 2008 nach Abu Dhabi ging, um dort für sehr gutes Geld sehr ­illustre Klassik-Events zu organisieren. „Ich möchte den ultimativen Streamingdienst für klassische Musik weltweit anbieten“, sagt er.

Die Chancen dafür sind nicht schlecht, denn einigen kleineren Vorgängern sind bereits Puste und Bares ausgegangen. 2017 hat Janczukowiczs Unternehmen acht Millionen Euro von Investoren eingesammelt, um sich längerfristig zu finanzieren. Idagio hat durch Verträge mit 600 Labels über 850.000 Titel auf den Repertoire-Servern geparkt, wöchentlich kommen mehr als 20.000 hinzu. Es gibt kuratierte Playlists und Empfehlungen für Stimmungslagen und Geschmacksvorlieben. Exklusive Einspielungen von Stars wie den Wiener Philharmonikern sollen Kunden anlocken und binden; 2016 ­erschienen die ersten Aufnahmen des Pianisten Ivo Pogorelich dort und nicht mehr bei einer Plattenfirma. Auch bei der Entlohnung der Künstler geht man andere Wege: Sie werden nicht pro ­gehörtem Song vergütet, sondern – der oft längeren Dauer wegen – pro gehörter Stück-Sekunde. Noch reicht sich das nicht, um weggebrochene CD-Ein­nahmen auszugleichen. Dabeisein ist wichtiger.

Die Tarife

Anfang 2018 wurde eine Kooperation mit dem Label Deutsche Grammophon vereinbart, kürzlich kam eine weitere mit Sonos dazu, um diesen Streamingdienst mit deren Lautsprechern zu verknüpfen. Momentan nutzen laut Firmenangaben mehr als 100.000 User in 130 Ländern Idagio. „Lebte Karajan noch, der wäre sicher schon seit zehn Jahren in Silicon Valley unterwegs“, hatte Janczukowicz selbstbewusst ­gesagt, als er an den Start ging.

Hin zum Live-Erlebnis

Nur einen Klick weiter gibt es ­wochenlang Bilder zum Ton, geliefert von einer Streaming-Plattform aus Dortmund. takt1 will dort hin, „wo die Menschen an die Wasserstelle kommen“, beschreibt Holger Noltze, Journalist und Professor für Musik und Medien an der TU Dortmund, einen wichtigen Teil des Konzepts: Hin zum Live-Erlebnis, auch wenn man nicht in Sichtweite der Elbphilharmonie wohnt. Seit 2016 ist takt1 online, als Grund nannte Noltze damals „Unzufriedenheit: Der Eindruck, dass das Thema klassische Musik im Internet zwar reichlich vorkommt, aber die Chancen dieses Mediums bislang kaum genutzt werden“. Ein takt1-Gründungsmitglied ist der Ex-Hamburger Benedikt Stampa, der nach seiner Zeit als Intendant der Laeisz­halle das Konzerthaus Dortmund übernahm und nun ans Festspielhaus Baden-Baden wechselt. Die Finanzierung dieser Plattform ist dank der Klassik-Begeisterung mittelständischer Dortmunder Unternehmer gesichert.

Bis zum Herbst will man 2000 Klassik-Videos anbieten können, sie sind nach Genres, Komponisten und Epochen sortiert. Weitere ­Bestandteile des von Plattenfirmen unabhängig urteilenden Portals sind täglich frische Texte mit Datumsbezug, Kolumnen, ­bewusst kurze CD-Empfehlungen und sogar Links zu Noten. Auch bei takt1 blickt man optimistisch in die Zukunft jenseits des deutschen Marktes: Rund die Hälfte der Interessenten kommen aus dem englischsprachigen Raum, besonders viele aus den USA, sagt Noltze. ­Aktueller Coup, von dem man sich den nächsten Wachstumsschub erhofft, ist die Kooperation mit dem Konzerthaus Wien. Ende Juni wurde ein Konzert mit Teodor Currentzis von dort live ge­streamt, er dirigierte Mahlers Vierte. Für acht Euro virtuellen Eintritt soll dieser Auftritt drei Monate lang abrufbar sein. Tickets für Premium-Videos seien immer 30 Tage lang gültig.

Gespräche mit Top-Adressen wie dem Concertgebouw in Amsterdam laufen, berichtet Noltze. Während ein ­Angebot wie die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker gebäude- und orchestergebunden ist, will man von Dortmund aus Neuland betreten: kürzlich ein Konzert aus Köln, etwas mit dem Mahler Chamber Orchestra, demnächst vielleicht Oper aus Salzburg? Technisch einfach ist das nicht, wo immer möglich, nutzt man die Infrastruktur vor Ort. „Ich sehe uns als Avantgarde“, betont Noltze. Wovon er spricht, weiß er – in seinem Buch „Die Leichtigkeitslüge“ hatte er 2010 ein Plädoyer gehalten, dass die Auseinandersetzung mit Klassik nicht immer einfach ist und sich vielleicht nicht immer ­sofort auszahlt, sich aber immer lohnt.