Fluggesellschaft

Ryanair-Streiks: Was Passagiere wissen sollten

Wie geht es nun mit Blick auf die Streiks weiter? Ryanair-Chef Michael O'Leary ist gefordert

Wie geht es nun mit Blick auf die Streiks weiter? Ryanair-Chef Michael O'Leary ist gefordert

Foto: dpa Picture-Alliance / Henning Kaiser / picture alliance / dpa

Beim irischen Billigflieger beginnt heute ein Arbeitskampf. Auch Hamburg könnte davon bald betroffen sein. Die wichtigsten Fragen.

Hamburg.  Bei Ryanair lief es in den vergangenen Monaten nicht rund. Im vergangenen Herbst musste die irische Billigfluglinie wegen Fehler in der Urlaubsplanung der Piloten rund 20.000 Verbindungen streichen. Ein gewaltiger Imageschaden war die Folge. Ryanair-Chef Michael O’Leary reagierte und kündigte einen spektakulären Strategiewechsel ein. Der bis dato strikt antigewerkschaftliche Kurs wurde aufgegeben, Gewerkschaften wurden erstmals in der 33 Jahre alten Unternehmensgeschichte anerkannt und Verhandlungen mit dem fliegenden Personal angestrebt.

In der Zwischenzeit kam es in einigen Ländern zu ersten Einigungen, aber es gibt in den nächsten Wochen auch Arbeitskampfmaßnahmen – und die dürften sich auf Passagiere auswirken. Das Abendblatt beantwortet die wichtigsten Fragen zum bevorstehenden heißen Sommer bei Ryanair.


Wann und wo wird gestreikt?
Den Anfang machen heute die irischen Piloten von Ryanair. 24 Stunden lang wollen sie die Arbeit niederlegen. Für Streiks hätten in einer Urabstimmung 99 Prozent der Flugzeugführer gestimmt, teilte die irische Gewerkschaft IALPA am Monatsanfang mit. Im Kern geht es den Piloten um eine elf Punkte umfassende Vereinbarung, mit der die Bezahlung nach Berufsjahren und Flugerfahrung geregelt werden soll.

Aber nicht nur in Irland, sondern auch noch in weiteren Ländern wird es Arbeitskämpfe geben. Ende Juli wird das Kabinenpersonal in vier Staaten in den Ausstand treten. Am 25. Juli sollen die Flugbegleiter in Italien für 24 Stunden die Arbeit niederlegen. In Spanien, Portugal und Belgien soll an diesem Tag sogar ein 48-stündiger Streik beginnen, teilten fünf Gewerkschaften aus diesen Ländern mit. Als Grund gaben sie niedrige Löhne, geringe Sozialleistungen und die mangelnde Gesprächsbereitschaft der irischen Fluggesellschaft an.


Kann Deutschland betroffen sein?

Grundsätzlich ist die Luftfahrt ein international vernetztes System. Ryanair betreibt in Europa 86 Basen, an denen die Fluglinie Maschinen und Crews stationiert hat. Nur ein Teil der Verbindungen der irischen Fluglinie von und zu deutschen Flughäfen wird von in der Bundesrepublik stationiertem Personal durchgeführt. „Auf Flügen, die morgens früh landen und abends spät starten, sitzen beispielsweise Crews, die nicht hier stationiert sind“, sagt der Hamburger Luftfahrt­experte Cord Schellenberg.

Von daher ist es gut möglich, dass es auch in Deutschland zu Flugstreichungen kommen kann. Das Ausmaß werde entscheidend von der Streikbereitschaft der Ryanair­-Mitarbeiter abhängen. Wie hoch deren Organisationsgrad nach dem jahrzehntelangen Anti-Gewerkschaftskurs aber bereits ist, hält Schellenberg für nicht überschaubar.

Einen Effekt bei den Streiks des Kabinenpersonals Ende Juli erwartet Christoph Drescher. „Wenn in allen vier Ländern gleichzeitig gestreikt wird, wird es sicherlich Auswirkungen in Deutschland geben“, sagt der Vorstand der Unabhängigen Flugbegleiter Organisation (UFO), der zudem Präsident des europäischen Dachverbands European Cabin Crew Association (Eurecca) ist. „Das Ausmaß ist aber schwierig vorauszusehen.“ Zumindest in Portugal sei die Streikbereitschaft hoch. Über Ostern habe es einen drei Tage langen Streik gegeben, der zu 50 Prozent Flugausfällen und Verspätungen geführt habe, sagt Drescher.

Es gebe drei Kernforderungen der Gewerkschaften in den vier Ländern. Ryanair solle erstens die Tarifverhandlungen mit den Arbeitnehmervertretern aufnehmen. Zweitens sollen die Iren alle Kabinenmitglieder und nicht nur die Purser (Chefstewards) direkt anstellen und nicht wie bisher über eine Agentur indirekt. Drittens solle die Billigfluglinie akzeptieren, dass bei Rechtsfragen nationales Recht gelte und der Gerichtsstand im Inland sei – sonst sei es für Arbeitnehmer kaum möglich, ihre Forderungen einzuklagen.

Sind Streiks in Deutschland geplant?
Drescher gibt von seiner Seite aus zumindest für die Sommerferien Entwarnung. Man stehe mit dem Unternehmen noch nicht in Tarifverhandlungen, von daher seien Streiks frühestens im Herbst möglich. Wie viele Ryanair-Flugbegleiter UFO vertrete, ließ er offen und sagte nur: „Eine große Anzahl“.

Ungemach könnte aber von den Piloten drohen. Die Vereinigung Cockpit startete vor Kurzem eine Urabstimmung unter ihren Mitgliedern, ob sie für ihre Forderungen nach höherer Bezahlung und besseren Arbeitsbedingungen notfalls in einen unbefristeten Ausstand treten würden. Bis Ende Juli können die Flugzeugführer abstimmen. Wie viele der rund 400 Ryanair-Piloten in Deutschland bei Cockpit organisiert sind, teilt die Gewerkschaft nicht mit.


Wie aktiv ist Ryanair in Hamburg?

Die Iren sind die hinter der Lufthansa und deren Billigtochter Eurowings die drittgrößte Airline am Helmut-Schmidt-Flughafen. Sie betreiben eine der insgesamt 86 Basen hier. Seit Winter 2016 sind zwei Boeing 737 in Fuhlsbüttel stationiert. In diesem Sommer bieten sie 24 Ziele von Hamburg aus an. In dieser Woche heben 110-mal Ryanair-Maschinen in Fuhlsbüttel ab. Mit je 14 Verbindungen sind Palma de Mallorca und London-Stansted die meist angeflogenen Ziele.

Nach Dublin sind heute eine Ankunft und ein Abflug geplant. Sie sollen trotz des Streiks der irischen Piloten stattfinden. Laut Ryanair beteiligen sich nur 27 Prozent der mehr als 350 irischen Piloten an dem Streik. Um die Auswirkungen für die in den Urlaub nach Südeuropa startenden Iren gering zu halten, habe man ausschließlich Verbindungen zwischen Irland und Großbritannien gestrichen. Rund 30 von 290 Flügen sollen zwischen den Inseln ausfallen.


Was passiert bei Flugstreichungen?

Über die heutigen Flugausfälle hat Ryanair­ laut eigener Auskunft alle betroffenen Kunden bis spätestens gestern Vormittag informiert. Grundsätzlich müssen Airlines versuchen, die Kunden unter vergleichbaren Bedingungen an den Zielort zu bringen, zum Beispiel durch eine Umsteig- statt einer Direktverbindung. Gelingt das nicht, muss laut Experten der Ticketpreis erstattet werden.

Dennoch haben Urlauber schlechte Karten, die ihren Trip selbst als Bausteine zusammenstellten, also Flug, Hotel und Mietwagen separat buchten, sagt Schellenberg. Bei ihnen könnte es lange Gesichter geben, weil sie ihr Hotel trotz Flugausfalls bezahlen müssen. Schellenberg: „Das ist das Risiko bei Einzelbuchungen.“ Kaum Sorgen haben Pauschaltouristen. Der Reiseveranstalter muss sich um eine Ersatzbeförderung kümmern, sollte Ryanair den Flug streichen. Das sei ein Vorteil des Klassikers, sagt Schellenberg: „Pauschalreisen geben ein Stück Sicherheit.“