Hamburg

„Ans Sterben dachten wir nie“

Der Großangriff am 27. Juli 1943 war für Ron Tomlin aus Birmingham der erste Feindflug. Der heute 94-Jährige ist einer der letzten noch lebenden Veteranen. Teil 9 unserer Serie über die „Operation Gomorrha“

Alexander Schuller

Der englische Bomberpilot, der in sein Flugzeug steigt, ist kein Unmensch. Er ist ein junger Mann, vielleicht erst 19 oder 20 Jahre alt, und bereit zu sterben. Ab 1943 standen die Chancen einer Besatzung, einen Einsatz zu überleben, bei etwa 6:1, manchmal auch nur bei 3:1. Von den rund 130.000 Fliegern des Royal Air Force Bomber Command sind knapp die Hälfte gefallen. „Die Wahrscheinlichkeit, in einem Bomber den Tod zu finden, war also weitaus höher als für den Soldaten am Boden“, sagt der Historiker Jörg Friedrich, Autor des Werks „Der Brand“.

Ron Tomlin, Spitzname „Pinky“, 1923 im englischen Birmingham geboren, ist einer dieser 130.000 jungen Männer. Er ist 19 Jahre alt, als er am 27. Juli 1943 gegen 20 Uhr auf dem Melbourne-Flugfeld bei Seaton Ross in der nordöstlichen Grafschaft Yorkshire seinen Platz als „Observer“ auf einer schmalen Pritsche in der verglasten Nase eines viermotorigen Handley-Page-Halifax-Bombers MK III einnimmt. Es ist sein erster Feindeinsatz, das Angriffsziel heißt Hamburg. „Ich war zum Bombenschützen und Navigator ausgebildet worden“, sagt Ron Tomlin. Die Besatzung besteht aus sieben jungen Männern, Pilot Bob Dibben ist 23 Jahre alt. Fünf von ihnen, darunter Ron Tomlin, kennen sich schon seit Monaten. Sie sind 1942 auf einem mittelschweren zweimotorigen Vickers-Wellington-Bomber geschult worden. Aber für die „Operation Gomorrha“ stehen dank eines industriellen Kraftakts genügend viermotorige Halifax- und Avro-Lancaster-Bomber zur Verfügung, die mit sechseinhalb Tonnen mehr als das Doppelte an Bombenlast mitschleppen können als die zweimotorige „Wimpy“. „Unsere Crew bekam zwei Mann dazu und erhielt dann eine relativ kurze Einweisung für den Halifax“, sagt Tomlin.

Der britische Premierminister Wins­ton Churchill und der Chef des Bomber Command, Marshal Air General Arthur T. Harris, haben zu diesem Zeitpunkt ihre Strategie im Luftkrieg gegen Hitler geändert: Sie wollen mit massiven Flächenbombardements die deutschen Städte in Schutt und Asche legen, um die Moral des Feindes und seine Kriegsindustrie entscheidend zu schwächen. Denn Menschen, so die Überlegung, seien schwerer zu ersetzen als Maschinen. Das Bomber Command geht in einer internen Hochrechnung von 900.000 Toten, einer Million Schwerverletzten und acht Millionen zerstörter Wohnungen im Deutschen Reich aus. „Zahlen haben sie uns aber nie genannt“, sagt Ron Tomlin, „wir erfuhren auch nicht, wie viele unserer eigenen Flugzeuge abgeschossen wurden.“ Als man sie der 10. Squadron zuteilte, mussten sie warten, bis in der Unterkunft die persönliche Habe der Jungs zusammengepackt war, die vom ersten Angriff auf Hamburg zwei Nächte zuvor nicht zurückgekehrt waren. „Keine Ahnung, ob sie noch lebten und gefangen genommen worden waren. Ihre Sachen wurden an die Eltern geschickt. ‚So funktioniert das also‘, dachte ich beim Zusehen“, erzählt er. Man müsse bedenken, dass er damals erst 19 Jahre alt war. Tomlin: „Da fühlt man sich unverwundbar. Man lebt als wilder Haufen zusammen, man schlägt gemeinsam die Zeit tot, man geht gemeinsam in den Pub auf ein Bier – man verdrängt die Angst vor dem Tod.“

Hamburg will der 94-Jährige unbedingt noch besuchen

In diesem Moment betritt Ron Tomlins Ehefrau Frida die Terrasse. Sie kommt vom Golfspielen, dreimal in der Woche geht die 88-Jährige über den Platz und sieht eher aus wie 66. Im Gegensatz zu ihrem 94-jährigen Mann fährt sie auch noch Auto, „aber nur kurze Strecken“, sagt sie einschränkend, bevor sie, wie es sich für Engländer gehört, Tee anbietet.

Die Tomlins sind seit 62 Jahren verheiratet. Einer ihrer beiden Söhne lebt in Wales, der andere in Norwegen. Sie wohnen in einem Einfamilienhaus in einer aufgeräumten Siedlung bei Birmingham, umgeben von gepflegten Gärten und perfekt geschnittenen Rasenkanten, etwa 45 Autominuten vom Zentrum der zweitgrößten englischen Stadt entfernt. Hier wohnt die typische englische Mittelschicht. Nach dem Krieg hat es Ron Tomlin als Vertreter für eine Möbelfirma zu bescheidenem Wohlstand gebracht, der es ihnen ermöglichte, viel zu reisen, auch nach Deutschland. Doch Hamburg haben sie sich gemeinsam noch nicht angesehen. „Das steht aber noch auf unserem Zettel“, sagt Ron Tomlin und lächelt ein bisschen verlegen, denn eigentlich ist er ja schon dreimal nach Hamburg geflogen - am 27. Juli 1943 zum ersten Mal.

Zwischen 20.30 und 21 Uhr starten 739 Bomber von verschiedenen englischen Flugfeldern und formieren sich über der Nordsee zu einem schier endlosen Bomberstrom. Ihre Maschine hebt erst gegen 21.30 Uhr ab. Die 10. Squadron gehört zur zweiten, kleineren Angriffswelle. Sie sollen 20 bis 30 Minuten nach dem Hauptangriff mit weiteren Sprengbomben „nachlegen“, die zum Teil mit Zeitzündern bestückt sind, um Löschversuche am Boden zu verhindern. Die Stadt soll lichterloh brennen – sie soll zum schlimmsten Feind ihrer eigenen Bewohner werden.

Dass die englischen Brandbomben in dieser heißen Julinacht aufgrund der einzigartigen klimatischen Verhältnisse einen Feuersturm von einem bisher nie gekannten Ausmaß entfachen werden, in dem bis zu 40.000 Hamburger verbrennen, ersticken, zermalmt oder in einigen Schutzräumen schier zerkocht werden; dass weitere Zehntausende fürchterliche Splitter- und Brandwunden davontragen werden; dass die Stadtviertel Borgfelde, Hammerbrook und Rothenburgsort praktisch ausradiert und in Eilbek, Hamm, Hohenfelde und Wandsbek die Hälfte aller Wohnungen zerstört werden, kann zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen.

Auch Ron Tomlin nicht, der aus 7000 Metern Höhe schon beim Überfliegen der deutschen Nordseeküste den Feuerschein des brennenden Hamburg ausmachen kann. „Unser erster Einsatz verlief perfekt. Anders kann man das nicht sagen“, meint er. „Wir hatten die Flugabwehr mit ‚Düppeln‘ lahmgelegt, deutsche Nachtjäger waren kaum in der Luft. Ich hatte weder Angst, abgeschossen zu werden, noch dachte ich darüber nach, was dort unten geschah. Ich hatte mich ja ausschließlich auf meine Aufgaben zu konzentrieren; auf die Funksprüche des ‚Master Bombers‘, der vorausflog und die leuchtenden Abwurfmarkierungen setzte.“

Als Pilot eignet er sich nicht, Tomlin wird Navigator

Sämtliche Mitglieder seiner Crew wissen, wie es sich anfühlt, wenn es Bomben regnet. Alle haben bereits einen oder mehrere Luftangriffe der Deutschen überlebt. Ron Tomlin, der, wie er sagt, aus bitterarmen Verhältnissen stammt, eine Schreinerlehre absolviert hat und 1942 gemeinsam mit seinem Cousin in einer Bombenfabrik in Birmingham arbeitet, erlebt mit, wie viele seiner Arbeitskollegen nach mehreren Volltreffern sterben – darunter sein Cousin. Nach diesem Angriff der Deutschen Luftwaffe stellt man ihn vor die Wahl, entweder monatelang den Schutt der zerstörten Fabrik wegzuräumen oder bei der RAF zu unterschreiben, die händeringend junge Männer sucht, die den Tod nicht scheuen.

Ron Tomlin entscheidet sich fürs Piloten-Trainingsprogramm. „Aber ich dachte dabei überhaupt nicht an Vergeltung“, sagt er, „sondern eher daran, dass meine Zähne so schlecht waren und mir die RAF erst einmal insgesamt 18 Inlays und Kronen spendiert hat.“ Schon nach den ersten Flugstunden ist klar, dass Ron Tomlin für den Pilotensitz nicht geeignet ist. Deshalb durchläuft er in den folgenden neun Monaten eine Ausbildung zum Bombenschützen und Navigator.

Nach diesem 27. Juli fliegt er mit seiner Crew auch den dritten und vierten nächtlichen Großangriff der RAF auf Hamburg. Den dritten Angriff müssen sie wegen eines technischen Problems mit den Sauerstoffmasken abbrechen (sie werfen ihre Bomben in die Nordsee), der vierte Angriff in der Nacht vom 2. auf den 3. August wird wegen schwerer Gewitter über der Stadt zu einem Misserfolg). Sein vierter Einsatz führt ihn nach Mannheim; nach seinem fünften Einsatz über Nürnberg in der Nacht vom 10. auf den 11. August 1943 ist die Fliegerei für Ron Tomlin vorbei: Auf dem Rückflug kassiert ihr Bomber mehrere Treffer der deutschen Flugabwehr im französischen Dieppe.

„Wir mussten im Kanal notlanden, etwa in der Mitte zwischen Frankreich und England. Ich weiß noch genau, dass es Punkt 4.15 Uhr war, als wir aufs Wasser knallten.“ Alle sieben Besatzungsmitglieder überleben die Notlandung unverletzt, doch ihr Schlauchboot ist von Granatsplittern durchlöchert. „Wir hielten uns außenbords an unserem schlaffen Dinghi fest und benutzten unsere Finger als Korken“, sagt Ron Tomlin, „und da bekam ich doch große Angst, in die Nordsee hinauszutreiben, wo man uns vielleicht nicht mehr finden würde.“

20 Monate verbringt er in Kriegsgefangenschaft

Nach 18 Stunden im Wasser tauchen zwei „Spitfire“-Jäger auf, die sich auf dem Rückflug von Frankreich nach England befinden. „Wir schossen rote Leuchtkugeln, und sie haben uns mit wackelnden Flügen signalisiert, dass sie uns gesehen hatten. Doch dann kam ein französisches Fischerboot längsseits, leider mit deutschen Soldaten an Bord. Sie hatten unsere Leuchtkugeln dummerweise auch gesehen.“

Bis zum Herbst 1944 sitzt die Crew gemeinsam in einem Kriegsgefangenenlager in Litauen. „Wir sind von den Deutschen im Großen und Ganzen gut behandelt worden. Wir bekamen in der Regel genauso viel oder wenig zu essen wie unsere Bewacher selbst. Aber es war schlimm, hilflos dabei zusehen zu müssen, wie sie die russischen Gefangenen behandelt haben – die wurden wie Arbeitssklaven gehalten.“

Als die Ostfront zusammenbricht und die russische Armee immer näher rückt, werden die Gefangenen in Richtung Westen verlegt. Anfang 1945 brechen sie aus Polen mit den Wachmannschaften zu einem 700 Kilometer langen Marsch auf und erreichen nach 56 Tagen, so gut wie ohne Verpflegung, ein offenes Kriegsgefangenenlager bei Fallingbostel. „Dort haben uns unsere Truppen dann am 16. April 1945 befreit, einen Tag nach der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen“, sagt Ron Tomlin. „Unsere Crew kehrte zwar bis auf die Knochen abgemagert, aber unverletzt und glücklich nach England heim. Nach dem Krieg hielten wir über den Veteranenverband Kontakt, doch jetzt bin ich der Letzte.“

Von der sogenannten „Hamburgisierung“ habe er erst viel später erfahren. Ron Tomlin überlegt einen Moment. „Ich habe viel über die ,Operation Gomorrha‘ gelesen“, sagt er dann. „Es besteht kein Zweifel, wie furchtbar das alles gewesen ist, und ja, ich war dabei. Aber ich habe kein schlechtes Gewissen, denn ich sage mir immer, schließlich hat Hitler den Krieg begonnen.“ Und dann sagt er: „Ich habe nie jemanden gehasst, weder die Deutschen noch irgendein anderes Volk oder eine Rasse.“