Hamburg

Die Zerstörung von Alt-Barmbek

Der dritte Großangriff vom 29. auf den 30. Juli vernichtet einen Stadtteil mit einer ganz speziellen Identität. Teil 8 unserer Serie zum 75. Jahrestag der „Operation Gomorrha“

Die totale Vernichtung von Hammerbrook, Rothenburgsort und Hamm lässt manchmal vergessen, dass Stadtteile wie Borgfelde und Wandsbek ähnlich stark zerstört wurden. Wer heute durch die an vielen Stellen öden Rotklinkerwüsten dieser Gegenden geht, kann sich nicht mehr vorstellen, dass hier einst unzählige Jugendstilhäuser standen. Eilbek und Hohenfelde wären heute aufgrund ihrer citynahen, sonnigen Lage vermutlich so teuer und begehrt wie Harvestehude und hätten Läden, Restaurants und Cafés zu bieten wie Eppendorf. Man muss sich klarmachen: Hamburgs schicke, lebendige Altbauviertel liegen am westlichen beziehungsweise nördlichen Alsterufer.
Doch wer sich heute von der Mundsburger Brücke aus nach Norden beziehungsweise Nordosten bewegt, findet fast nur noch Nachkriegsbauten. Die Bebauung an der Hamburger Straße und dem Barmbeker Markt hat keinerlei Ähnlichkeit mehr mit der aus der Zeit vor dem Sommer 1943. Der Grünstreifen zwischen Hamburger Straße und Oberaltenallee, das als Beispiel, war auf beiden Seiten mit Gründerzeit-Häusern bebaut. Geblieben sind zwei Durchgangsstraßen.
Die totale Zerstörung des alten Barmbek ist in vielerlei Hinsicht eine Tragödie. Der Stadtteil war über Jahrzehnte durch proletarisches Selbstbewusstsein geprägt und genoss innerhalb Hamburgs eine gewisse Prominenz. Als verrucht galt Barmbek lange, als reine Arbeitergegend, in der es mal rau, mal derb-herzlich zuging. „Barmbek basch“ – das umschrieb Frechheit, Mut, Gewitztheit. Von Barmbeker Jungs wurde gesagt, dass sie sich viel „kloppten“, aber nie vor Angst wegliefen. Die ungezählten, terrassenartig bebauten Höfe, Kleinbetriebe und Spelunken waren den feineren Hamburgern nicht geheuer. Und das, obwohl vor allem auf der Grenze zu Eilbek und auch im Norden zahlreiche geradezu gutbürgerliche Straßenzüge standen. Stolzer Barmbeker zu sein – das war eine ganz spezielle Visitenkarte.

Übrigens: Auch in Barmbek gab es viel Unterstützung für das NS-Regime. Aber etliche von denen, die im Bombenhagel umkamen, gehörten dem „roten“ Arbeitermilieu an und waren alles andere als begeisterte Nazis.

Barmbek hatte im Jahr 1939 mehr als 223.000 Einwohner und war damit im Vergleich zu anderen Hamburger Stadtteilen geradezu riesig. Eine Zählung von 1944 ergab dann vorübergehend nun noch 15.000 Einwohner. Zwei Zahlen, zwischen denen eine Katastrophe lag.

Am 29. Juli um 23.59 Uhr beginnen die 726 einfliegenden Bomber ihr zerstörerisches Werk. Die Kombination aus Spreng- und Brandbomben funktioniert auch jetzt perfekt, der Wahnsinn geht bei diesem dritten Großangriff wieder von vorne los.

Rund sechs Quadratkilometer Fläche stehen in Flammen

Bis viertel nach zwei Uhr dauert das Bombardement, bei dem nach einer in dem Buch „Barmbeck basch“ abgedruckten Schätzung 2230 Sprengbomben und 325.000 Brandbomben abgeworfen werden: Binnen kurzer Zeit stehen rund sechs Quadratkilometer Fläche in Flammen. Tragisch: Vermutlich hätten viele Feuer gelöscht werden können, aber die Gegend ist aus nachvollziehbaren Gründen längst entvölkert. Rund 120.000 Menschen waren noch am Abend aus dem Stadtteil geflüchtet – gerade noch rechtzeitig, wie sich jetzt zeigt.

Nach einigen Quellen soll der Kreisleiter von Barmbek/Uhlenhorst schon am 27. Juli eigenmächtig den Befehl gegeben haben, dass alle Bewohner das Gebiet bis um 18 Uhr zu räumen hätten. Von einer offiziellen Anordnung ist am 29. aber keine Rede mehr – jedenfalls wissen längst nicht alle Menschen vor Ort davon. Zeitzeuge Friedrich Nelles, der nach der Zerstörung der Familienwohnung in Hoheluft mit seiner Mutter bei den Großeltern an der Humboldtstraße Zuflucht gesucht hatte und nun wieder flüchten muss, erinnert sich: „Das Gerücht, Barmbek sei als Nächstes dran, machte die Runde. Vielleicht gab es eine undichte Stelle, vielleicht einen offiziellen Plan. Als wir auf die Hamburger Straße kamen, waren jedenfalls Tausende unterwegs. Wir gingen durch völlig intakte Straßenzüge. Vom Bahnhof Dehnhaide ging es per Bahn zum Meiendorfer Weg und dann zu Fuß in den Volksdorfer Wald. An Schlaf war nicht zu denken. Wir hörten wieder die entsetzlichen Flugzeuggeräusche und spürten trotz der großen Entfernung die Erschütterungen der Bombenabwürfe. Dann sahen wir, wie die Stadt ein einziges Feuermeer wurde – schon wieder.“

Ralph Giordano setzte ein literarisches Denkmal

Was bleibt, ist eine rauchende Trümmerwüste. Weidenstraße, Dehnhaide, Hufnerstraße, Reesestraße, Heitmann­straße und Barmbeker Markt – ein paar Beispiele von vielen – sind völlig zerstört. Die Opferzahlen schwanken stark. Einige Quellen nennen knapp 1000, in dem Buch „Hamburg im Bombenkrieg 1940 bis 1945“ ist von 9666 die Rede. Eine andere Bilanz – aus dem Buch „Barmbek im Wandel“: Von 9282 Großwohnhäusern in Barmbek-Uhlenhorst sind 6996 zerstört, 980 schwer und 1274 leicht beschädigt. Andere Quellen nennen 8781 Gebäude. Eine Randnotiz: An der Hufnerstraße brennt in dieser Nacht das letzte Stormarner Bauernhaus, der Lembckesche Hof, aus der Zeit des alten, namensgebenden „Bernebeke“ nieder.

Viele haben es ähnlich erlebt, wie von Ralph Giordano in seinem Buch „Die Bertinis“ beschrieben: „Vom Himmel dröhnend bedroht, vom Feuer ringsum an der entsetzten Erde gehalten, krächzend, wimmernd, stammelnd, so rutschten sie Meter um Meter heraus aus dem zerfallenden, platzenden Barmbeker Häusermeer an den Rand des Stadtparks, wo der Phosphor weniger Nahrung fand, aber die Erde von unzähligen Bombeneinschlägen wie eine von unten hochgedrückte Haut bebte.“

Die Bombardierung des alten Barmbek war auch ein prägendes Ereignis im langen Leben von Altbundeskanzler Helmut Schmidt. Der gebürtige Barmbeker wuchs an der Richardstraße auf, kannte die Gegend wie seine Westentasche. Die Großeltern mütterlicherseits hatten einen Laden an der Mundsburg, der andere Großvater lebte in einer Kate an der Hufnerstraße, und kurz nach der Hochzeit mit Loki zog das Paar in eine Wohnung an der Gluckstraße. Kein einziges dieser Häuser ist mehr erhalten. Immer wieder hat Schmidt darüber berichtet, wie er seine alte Heimat per Fahrrad abfuhr und nur noch auf Trümmer stieß. In einem Fernsehinterview schilderte er mit versteinerter Mine die Eindrücke vor Ort und benutzte ein Wort, das damals viele kannten. Alles sei „aufgebrannt“.

Das Karstadt-Kaufhaus an der Ecke Hamburger Straße/Rönnhaidstraße (heute: Adolph-Schönfelder-Straße), ein wunderschöner Art-déco-Bau mit großer Dachterrasse, wird zum Schauplatz einer fürchterlichen Tragödie. 370 Barmbeker hatten sich in den Kaufhausbunker geflüchtet, als kurz nach 1 Uhr morgens eine erste Sprengbombe in den Lichthof fällt, weitere folgen. Gegen 2 Uhr stürzt die Fassade auf drei Seiten ein, wobei der Eingang zum Luftschutzbunker verschüttet wird. Alle 370 Menschen erstickten. Zeitzeuge Wilfried von Rautenkranz erinnert daran, dass unter den Toten auch die Cousine seiner Großmutter und deren Tochter waren, die in dem Bunker Schutz gesucht hatten. Tragisch: Die beiden Frauen waren zunächst immer in einem Keller in der Nähe der Desenißstraße untergekommen und hatten sich dann überreden lassen, in den Karstadt-Bunker zu wechseln, in dem es angeblich sicherer war.

Die Namen der Bombenopfer werden kaum noch genannt

370 Tote. Eine solche Katastrophe würde heute monatelang die Öffentlichkeit beschäftigen, aber damals ist sie nur eine von vielen, die sich abspielen – nicht nur in Hamburg. Mittlerweile erinnert ein Denkmal am Anfang der Hamburger Straße an die Toten, die laut Inschrift „mahnen“ – und zwar: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“. Ihre Namen sind dort aber nicht verzeichnet, so wie das Gedenken an die Bombenopfer in Hamburg generell merkwürdig unpersönlich gestaltet ist.

In einer Stadtteilzeitung wurden vor rund 20 Jahren Erinnerungen an das alte Barmbek abgedruckt. In einem Beitrag erinnert eine Frau an die Bewohner des Hauses Feßlerstraße 2, die alle im Keller umkamen. Das Haus gehörte dem Ehepaar Först, das im Erdgeschoss eine Bäckerei betrieb. „Jede Verkäuferin wurde wie eine Tochter behandelt“, steht in dem Beitrag. „Diese alten netten Leute waren so gut zu anderen Menschen, dass sie noch heute eine Medaille verdient hätten.“ Medaillen gab es nie für die Bombenopfer, auch Straßen hat man nicht nach ihnen benannt. Die meisten mussten in Massengräbern verscharrt werden – sortiert nach Stadtteilen.

2282 Opfer sind in der „Bombenopfer-Einzelanlage“ auf dem Ohlsdorfer Friedhof bestattet. Auch auf dem Altonaer Friedhof gibt es ein solches Gräberfeld. Doch die Namen der Menschen, die damals getötet wurden, verwittern auf den Grabsteinen, und in wenigen Jahren gibt es niemanden mehr, der sich noch persönlich an sie erinnern kann.