G-20-Gipfel in Hamburg

Beispiellose Jagd nach Randalierern und Plünderern

Kriminaldirektor Jan Hieber leitet die Soko „Schwarzer Block“ mit aktuell 140 Beamten

Kriminaldirektor Jan Hieber leitet die Soko „Schwarzer Block“ mit aktuell 140 Beamten

Foto: dpa Picture-Alliance / Daniel Bockwoldt / picture alliance / Daniel Bockwo

Sonderkommission stellte Hunderte Fahndungsfotos ins Internet – Razzien gegen Verdächtige im In- und Ausland.

Hamburg.  Aus der Gefangenensammelstelle wurde das Hauptquartier für die Ermittler: In Hallen und Containern an der Schlachthofstraße in Harburg wurde direkt nach dem G-20-Gipfel die Soko „Schwarzer Block“ mit anfangs 170 Beamten untergebracht, um die Randalierer und Plünderer zu fassen.

Der aufstrebende Kriminaldirektor Jan Hieber wurde als Leiter der umfangreichsten Ermittlungen in der Hamburger Kriminalgeschichte ausgewählt. „Wir werden viele von euch kriegen. Ganz sicher“, sagte Hieber im September 2017 direkt an die Adresse der Täter gerichtet.

Die meisten Anhaltspunkte erhielten die Ermittler durch das extrem umfangreiche Bildmaterial von Polizeieinheiten und Zeugen aus den Tagen des G-20­-Gipfels. Die Beamten werteten sieben Terabyte an Datenmaterial und rund 6000 valide Hinweise aus der Bevölkerung aus. Inzwischen laufen mehr als 3200 Verfahren, gegen mehr als 700 Personen wird namentlich ermittelt – davon etwa 140 aus dem Ausland. Nach Abendblatt-Informationen sind neben Franzosen, Spaniern, Schweizern und Italienern auch Nicht-EU-Ausländer unter den Tatverdächtigen.

Auch wegen des Verdachts auf Polizeigewalt wird ermittelt

Anfangs gelang es der Soko vor allem, die Gelegenheitstäter und Mitläufer der Krawalle aufzuspüren. Ab September fanden mehrere Razzien statt, um Beweismaterial wie Handys zu sichern. Die gefährlichsten Krawallmacher von der Elbchaussee und aus dem Schanzenviertel wechselten jedoch vor und nach ihren Taten mehrfach die Kleidung, entsorgten diese anschließend und sprachen sich offenbar nur in kleinen Zirkeln untereinander ab, in die die Polizei zuvor keinen Einblick hatte. „Das ist im wahrsten Sinne eine ,Black Box‘ und für die Kollegen schwer zu knacken“, sagt ein Hamburger Polizeibeamter.

Lesen Sie hier das Dossier: Drei Tage im Juli – der G-20-Gipfel in Hamburg

Im Dezember 2017 entschied sich die Polizei zu einem drastischen Schritt: Auf einen Schlag wurden mehr als 100 Fahndungsfotos zu mutmaßlichen Randalierern veröffentlicht; Medien und Vertreter der linken Szene sprachen von einer „Menschenjagd“. Rund ein Drittel der abgebildeten Personen konnten jedoch anhand von Hinweisen identifiziert werden – 3,8 Millionen Besucher sahen die Bilder allein auf der Website der Polizei. Innerhalb eines Monats nach einer zweiten Welle der Öffentlichkeitsfahndung mit 100 neuen Bildern wurden nach Polizeiangaben weitere 18 Tatverdächtige ermittelt.

Seit dem Frühjahr ist die Soko nun erstmals auch etwa dem „Schwarzen Mob“ von der Elbchaussee dicht auf der Spur. So fanden Razzien gegen konkrete Beschuldigte in Italien, Frankreich und der Schweiz statt – bei weiteren Durchsuchungen in Frankfurt und Offenbach gegen vier junge Deutsche gab es Ende Juni die ersten Verhaftungen. Auch eine 19-Jährige aus Köln, die sich an den Plünderungen am Abend des 7. Juli 2017 im Schanzenviertel beteiligt haben soll, wurde festgenommen.

Innensenator Andy Grote (SPD) sprach davon, dass die Täter dank der Soko auch „Monate oder Jahre später“ noch mit einer Überführung rechnen müssten, sagte Grote. Das müsse jeder, der bei politischen Auseinandersetzungen auf der Straße Straftaten verübe, bedenken. „Das ist eine klare Botschaft an die Szene: Überlegt euch das gut. Und wenn ihr das machen wollt, macht lieber einen Bogen um Hamburg“, so Grote.

Parallel arbeitet eine Sondereinheit im Dezernat Interne Ermittlungen (DIE) die möglichen Übergriffe von Polizisten auf Demonstranten auf. Es wurden 150 Verfahren eingeleitet, aber bislang keine Anklage erhoben.