Hamburg

„Ich sah Menschen im Feuersturm vorbeitreiben“

Gesprcächrunde Zeitzeugen Gomorrha. Edgar Orth

Gesprcächrunde Zeitzeugen Gomorrha. Edgar Orth

Foto: Marcelo Hernandez

Edgar Orth: Als gerade 16-Jähriger habe ich den Feuersturm hautnah miterlebt. Mein Vater war Hausmeister einer Schule an der Wendenstraße, wir lebten in der Hausmeisterwohnung Wendenstraße 162.

Bis dahin hatte es zwar immer wieder Angriffe gegeben, ab und zu fiel mal eine Bombe. Aber einen Feuersturm, der ganze Stadtteile verwüsten würde, hätten wir nie für möglich gehalten.

In dem Sommer gehörte ich einem Feuerwehrschnellkommando unter der Leitung eines Polizisten an, das ansonsten nur aus Jugendlichen bestand. Wir waren mit einem Pkw und einem Feuerlöschanhänger ausgerüstet und hatten am 25. Juli noch einen Einsatz in Hamm gehabt – wir mussten Brandbomben mit der Feuerpatsche ausschlagen. Das empfanden wir eher als Abenteuer. Wir wussten ja nicht, was noch kommen würde.

Am Abend des 27. Juli waren wir in einem behelfsmäßig ausgebauten Luftschutzkeller der Schule an der Wenden­straße 268 untergekommen, in der sich heute die Staatliche Gewerbeschule Transport und Verkehr befindet. In dem Keller wurde es immer heißer, und immer mehr Rauch breitete sich aus. Uns wurde klar: Hier waren wir nicht mehr lange sicher. Deshalb halfen wir den Menschen, aus dem Fenster herauszuklettern. Ich war der Letzte und sah das Feuer, das um uns tobte. Ich stieg noch schnell in ein Fass Wasser, setzte meinen Stahlhelm auf und krabbelte klitschnass aus dem Fenster – sonst wäre ich wohl bald verbrannt. Wir hatten Anweisung, zum Sorbenpark zu laufen. Doch als ich auf die Straße kam, wurde ich von einem unfassbaren Sturm erfasst, der mich in die entgegengesetzte Richtung zum Grevenweg trieb.

Sie müssen sich den Feuersturm wie einen Schneesturm vorstellen – nur in rot. Ich konnte nur laufen, laufen, laufen, so schnell wie der Sturm, die Richtung gab der Orkan vor. Ich trieb Richtung Eiffestraße über eine Brücke. Ich wollte ins Wasser springen, aber der Feuersturm war zu stark – erst im Schatten eines Hauses hatte sich ein Windloch gebildet, in das ich mich retten konnte. Dort sah ich, wie der Sturm Richtung Berliner Tor tobte. Ich sah Menschen vorbeitreiben, manche brachen zusammen und verbrannten. Während des Feuersturms war es infernalisch laut, meine Kleidung war schnell trocken. Schließlich gelang es mir, auf allen Vieren zum Kanal zu kriechen und über eine Leiter in der Kaimauer ins Wasser zu klettern. Das Wasser war warm wie in einer Badewanne, unter mir lag ein versunkenes Schiff. Ich setzte mich auf das Wrack, nur mein Kopf ragte aus dem Wasser, und harrte Stunden aus. Es waren noch andere Menschen im Wasser, aber ich sprach kein Wort. Nach einigen Stunden konnte ich aus dem Kanal klettern, eine Entwarnung hatte ich nicht gehört. Alles rauchte, der Himmel wurde nicht mehr hell und ich bin zu unserer ausgebrannten Wohnung gelaufen. Dort im Keller hatten Menschen ausgeharrt, die durch mein Klopfen ins Freie gelockt wurden. Sie hatten nicht mitbekommen, dass sich der Feuersturm gelegt hatte. Am Hals hatte ich eine Brandblase, weil der heiße Stahlhelm in meinen Nacken gerutscht war. Später ging mir auf: Ich war der einzige aus meiner Gruppe, der überlebt hatte.

Meine Mutter und ich wurden umgehend nach Lübtheen in Mecklenburg zu Verwandten evakuiert, da der Stadtteil wegen Seuchengefahr verlassen werden musste. Damals war ich mir sicher, dass in Hamburg kein Haus mehr steht.