Abendblatt-Serie

Ärzte, Patienten und Promille: Eine Nacht in der Notaufnahme

Nachtschicht! Wir haben die Ärzte Dr. Philipp Schreibmüller und Dr. Inga Pohlenz in der Asklepios-Klinik Altona begleitet

Nachtschicht! Wir haben die Ärzte Dr. Philipp Schreibmüller und Dr. Inga Pohlenz in der Asklepios-Klinik Altona begleitet

Foto: Marcelo Hernandez

Wenn die Stadt schläft, meistern die Internisten des AK Altona heikle Situationen mit nicht immer einfachen Patienten. Ein Ortsbesuch.

Schwester Karolina ist seit einer Stunde im Dienst, als das rote Telefon zum ersten Mal klingelt. Die Rettungsleitstelle West meldet einen schwer verletzten Patienten an. „Männlich, 23 Jahre, Hochrasanztrauma, Frontalzusammenstoß bei 50 km/h“, fasst die 34-Jährige die Fakten zusammen. Um 23.00 Uhr soll der Rettungswagen eintreffen. „Ruft bitte zehn Minuten vorher noch mal an“, sagt die erfahrene Krankenschwester, die in dieser Sonnabendnacht für die Ersteinschätzung der Patienten in der Zentralen Notaufnahme (ZNA) in der Asklepios Klinik Altona zuständig ist. Es geht um Leben und Tod. Schwester Karolina, die eigentlich Karolina Steeger heißt, alarmiert per Rundruf das Team. Wenn der Schwerverletzte kommt, zählt jede Minute.

Dann dreht sie sich um. Obwohl das Ganze nur wenige Momente dauerte, hat sich am Eingang schon wieder eine Warteschlange gebildet. Drei Rettungswagen sind angekommen: eine ältere Frau im Rollstuhl mit Herzproblemen, ein Mann mit Klebstoff im Auge und ein Betrunkener, den sie erst mal pusten lässt. Zwei Promille. Die Schwester sortiert nach Dringlichkeit und verteilt die Patienten in Behandlungsräume.

Patient hat schon einige Stunden gewartet

Ein paar Schritte weiter sitzt Daved Kalya in einem kleinen Zimmer, in dem Schwester Karolina die Beschwerden der Patienten aufnimmt. Der Iraker hat schon einige Stunden gewartet, jetzt drückt er einen Eisbeutel an seinen dick geschwollenen Fuß. Ursache ist ein Insektenstich am Vortag. Mit Händen und Füßen versucht die Krankenschwester ihm klarzumachen, ob er ein Schmerzmittel braucht. „Aua, Aua, Schluck – kein Aua.“ Der junge Mann nickt. Dankbar.

Als draußen vor dem Fenster ein Rettungswagen vorfährt, blickt Schwester Karolina unruhig auf. Nur noch wenige Minuten, bis der angekündigte Schwerverletzte eintreffen soll. Dann klingelt auch schon das rote Telefon. Der Insektenstich muss zunächst warten. Der Rettungswagen ist fast da. Insgesamt werden sich knapp ein Dutzend Ärzte und Pflegekräfte versammelt haben, als die Sanitäter den jungen Mann kurz darauf reinrollen. Die Atmosphäre in Schockraum 1, dem Herzstück der ZNA, ausgestattet mit umfangreichem medizinischem Equipment, ist ruhig und konzentriert. Kurz darauf verlassen Notarzt und Rettungsteam den Raum. Der Apparat läuft.

Schwester Karolina sortiert die Patienten nach Dringlichkeit

„Emergency Room“ – Millionen TV-Zuschauer haben die US-Serie verfolgt, die in der Notaufnahme einer fiktiven Klinik in Chicago spielt und den oft dramatischen Arbeitsalltag des medizinischen Personals in die Wohnzimmer holt. In der Altonaer ZNA ist Inga Pohlenz in dieser Nacht die leitende Ärztin für internistische Notfälle, mit ihr arbeiten zwei weitere Internisten, zwei Unfallchirurginnen, sechs Pflegekräfte und eine Verwaltungskraft in der Schicht. Die Notaufnahme gehörte zu den ersten, die das sogenannte Triage-System eingeführt haben. Danach werden Patienten sofort nach Eintreffen Behandlungsprioritäten zugewiesen. „Wir haben die Verantwortung, dass wir uns alle Patienten anschauen“, sagt die 32-jährige Assistenzärztin in Weiterbildung, die seit Februar 2017 in der Klinik arbeitet. „Aber wir brauchen eine Vorsortierung nach Dringlichkeit, um alle mit unseren Ressourcen optimal versorgen zu können.“

Seit Jahren schon steigt die Zahl derer, die mit vergleichsweise leichten Erkrankungen und Beschwerden kommen und die Notambulanzen der Stadt erheblich belasten. Ein Dauerthema. 160 Notfall-Patienten und mehr innerhalb von 24 Stunden sind der Normalfall. Insgesamt sind es in den Asklepios-Notaufnahmen in Altona, Barmbek, Harburg, Heidberg und Wandsbek bis zu 60.000 Patientenkontakte pro Jahr. Dazu kommen 75.000 Notfallpatienten im UKE.

„Jeder Mensch ist verschieden, auch darin, was er denkt, was ein Notfall ist“, sagt Pohlenz. Gerade hat sie mit einer Patientin zu tun, die mit Schmerzen im Bein gekommen war. Es habe sich herausgestellt, dass sie bereits seit ihrer Kindheit daran leidet. „Ich habe ihr empfohlen, einen Hausarzt aufzusuchen und sie nach Hause geschickt“, sagt die Medizinerin. Aber es kann auch anders sein, wie bei der 81-Jährigen am Vortag, die mit Brustschmerzen kam. „Bei der Untersuchung hat sich herausgestellt, dass es wahrscheinlich ein leichter Infarkt war.“ Dann guckt Pohlenz auf ihren Monitor, der ihr die Wartenden sortiert in vier Stufen zwischen rot (Lebensgefahr, sofortige Behandlung) und blau (niedrige Behandlungsdringlichkeit, binnen vier Stunden) anzeigt. Noch ist es ruhig. „Wir haben eine Chance heute Nacht“, sagt sie. Das klingt mehr nach Hoffnung als nach Glauben. Eines der Telefone in der Brusttasche ihres Kittels läutet.

Bändchen wie bei einem Festival

Überall in den Wartezonen sitzen inzwischen Menschen. Schmerzen im Unterbauch, dick geschwollener Arm, eine Schnittwunde. Jeder hat ein weißes Papierband mit den Aufnahmedaten um das Armgelenk, wie sonst bei einem Musikfestival. Frank Schmitz wartet vor dem Röntgenraum. Gemeinsam mit Freunden ist der Mönchengladbacher zu einem Konzertbesuch nach Hamburg gekommen und bei einer Tour durch die Stadt vom Rad gestürzt. „Das habe ich mir selbst zuzuschreiben“, sagt der Mittfünfziger und guckt bedröppelt. Es ist kurz vor Mitternacht. Den Abend hatten sie sich anders vorgestellt. Wenig später weiß er, dass der Arm gebrochen ist. Es dauert noch mal eine halbe Stunde, dann kommt Pfleger Kilian Thätmeyer, um Schmitz eine Armschiene anzulegen. „Das muss jetzt 20 Minuten aushärten“, sagt der 46-Jährige, als er sie mit einer roten Binde umwickelt.

Die ZNA in Altona gehört zu den großen Notaufnahmen Hamburgs. Vor dem Eingang sind Parkplätze für Rettungswagen. Wenige Meter weiter ist der Landeplatz für den Rettungshubschrauber. Die Notaufnahme ist rund um die Uhr geöffnet. In dieser Nacht registriert Tosca Syleijman im Servicecenter am Eingang 39 Patienten. „Das ist eine Menge“, sagt sie. Dazu kommen die, die auf den Zimmern der Überwachungsstation liegen und von Philipp Schreibmüller, auch Assistenzarzt kurz vor der Facharztprüfung, betreut werden. Jeder Patient hier hat seine eigene Geschichte, Schmerzen und Ängste. Die Ambulanz ist ein Kosmos für sich mit einer durchgetakteten Struktur. Die Welt draußen – hier drinnen ist sie weit weg.

Aufrechte Patienten werden "Fußgänger" genannt

Während das Ärzteteam im Schockraum das schwer verletzte Unfallopfer für eine Operation vorbereitet, die Unfallchirurgin einem Mann nach einer Prügelei das lädierte Gesicht verarztet und eine junge Frau aus Bulgarien auf den Urologen wartet, sitzen im Eingangsbereich neue „Fußgänger“. So werden die genannt, die so fit sind, dass sie eigenständig gekommen sind. Nach und nach ruft Schwester Karolina sie zur Ersteinschätzung herein. „Das sind die, die oft am ungeduldigsten sind“, sagt sie.

Parallel wird am Eingang mit dem Rettungswagen ein junger Italiener eingeliefert, der orientierungslos am Fischmarkt aufgefunden wurde. Er wird zur Überwachung in ein Behandlungszimmer geschoben. „Wir wissen nicht, was er genommen hat“, sagt die Schwester, die seit zwölf Jahren in der ZNA arbeitet. Sie ist immer da, die Angst, Fehler zu machen oder etwas zu übersehen. Kurz vorher hat die Leitstelle über das rote Telefon eine Frau mit akuten Herzproblemen angekündigt. Zeit für eine Pause? Vielleicht später.

Inzwischen sind die Ausnüchterungsräume, im Klinik-Deutsch A-Boxen genannt, fast voll. Direkt daneben sind am Wochenende zwei Sicherheitskräfte stationiert, weil es immer wieder zu Ausfällen und sogar zu Angriffen kommt. In einem der Kabuffs liegen drei junge Frauen im Partydress und mit verlaufendem Make-up auf den Matratzen.

"Hat sie Drogen genommen?"

Einer von ihnen ging es nach einem Alkoholexzess so schlecht, dass sie gemeinsam Angst bekommen haben. „Hat sie Drogen genommen?“, fragt Doktor Pohlenz in die Runde. Kollektives Kopfschütteln, aber 1,7 Promille waren eben einfach zu viel. Die Ärztin bleibt ruhig und freundlich, professionell. Sie mag ihren Beruf, auch Schichtarbeit ist für sie in Ordnung. Aber, das wird sie später sagen, in solchen Nächten mit vielen vermeidbaren Fällen kämen schon mal Zweifel. „Man lernt, Distanz zu halten“, sagt sie.

Um halb zwei stehen die Rettungswagen wieder Schlange. Im Zwei-Minuten-Takt kommen ein Mann mit ramponiertem Gesicht und blutbeflecktem T-Shirt, eine betrunkene Frau, die schwer gefallen ist und wild um sich schlägt. Und Heinz-Peter Barkam. Der 64-Jährige klagt über starke Schmerzen in Unterbauch und Leistengegend, Übelkeit und Erbrechen. „Um 21.30 Uhr ging gar nichts mehr“, sagt der Münsteraner, der seinem Sohn beim Umzug geholfen hatte. Er rief den Rettungswagen und wartete drei Stunden. Jetzt hat er Schmerzmittel bekommen und liegt in einem Behandlungszimmer. Die erste Vermutung, es könne Verdacht auf eine Blindentzündung sein, schließt Doktor Pohlenz schnell aus. Die Medizinerin tippt auf eine Nierenkolik und ordnet eine Computertomographie an.

In der A-Box randaliert die betrunkene Frau

In der A-Box randaliert die betrunkene Frau mit dem aufgeschlagenen Gesicht, drückt die Klingel im Dauerton. Die Ärzte lässt sie nicht an sich ran. Aber gehen lassen können sie sie auch nicht, weil sie sich selbst und andere gefährden könnte. Im Wartezimmer sitzt ein elegantes Paar. Die Frau im Abendkleid hat eine Schnittverletzung an der Hand. Es wird mehr als zwei Stunden dauern, bis die Wunde genäht ist. Auch weil viele Patienten mit Lappalien, eingebildeten Krankheiten und großer Anspruchshaltung kommen, ist die Zeit für Notfälle knapp. „Das liegt auch an Google“, sagt Inga Pohlenz. Oft klinge das, was man sich im Netz zu Symptomen zusammensuche, dramatischer, als es sei. Und immer mehr Menschen fehlt das Basiswissen über den eigenen Körper und über Hausmittel bei leichten Erkrankungen. Oder sie fühlen sich von ihrem Arzt nicht gut betreut. „Die versuchen es dann bei uns.“ Doktor-Hopping nennt sie das.

Gegen 5.00 Uhr ist das Ergebnis der Computertomographie von Hans-Peter Barkam da. Der Urologe im Bereitschaftsdienst schläft noch, aber Inga Pohlenz sieht auf dem Bild einen recht großen Nierenstein. „Das könnte die Ursache für eine Kolik sein“, sagt sie. Draußen ist es schon fast wieder hell.

Um 5.30 Uhr kommt der Putzdienst

Zwei junge Männer werden mit Platzwunden eingeliefert. Sie hatten bis in den Morgen gefeiert und waren auf dem Nachhauseweg mit dem Rad gestürzt. Schwester Karolina lässt sie in Behandlungszimmer bringen. Die Betrunkene im Ausnüchterungsraum schläft. Aus den anderen Boxen konnten die ersten inzwischen nach Hause geschickt werden. „Um 5.30 Uhr will ich alle leer haben“, sagt sie. Dann kommt der Putzdienst. Die ganze Nacht ist sie professionell und sehr freundlich gewesen, jetzt macht sich in ihrem Gesicht die Anstrengung bemerkbar. Bis sie schlafen kann, wird es noch einige Zeit dauern.

Auch Ärztin Inga Pohlenz freut sich auf den Feierabend. Die Nachtdienste fielen ihr immer schwerer, sagt sie. Jetzt sitzt sie im Arztzimmer vor einem Computer, um die Dokumentation zu tippen, Daten weiterzuleiten und die nächsten Hilfesuchenden zu sichten. Der Schwerverletzte vom Abend ist operiert und auf die Intensivstation verlegt. Aktuell sind alle Patienten im grünen Bereich. „Aber“, sagt sie, „das kann sich schnell ändern.“ Ihr Dienst geht bis 7.30 Uhr.

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