Ausstellung

Farbintensiv und radikal: Duo-Auftritt in den Deichtorhallen

Charline von Heyl 2018 in ihrem New Yorker Atelier

Charline von Heyl 2018 in ihrem New Yorker Atelier

Foto: Ralph Mecke

Die Deichtorhallen in Hamburg zeigen Werke der deutschen Künstlerin Charline von Heyl und des Dänen Asger Jorn.

Hamburg.  Entweder als Malerin weltberühmt werden oder ein Leben lang Kellnerin sein – mit dem Gefühl, dass alles in ihrem Leben geschehen kann, siedelte Charline von Heyl 1981 von Bern nach Hamburg um. In die Stadt, die „von Natur aus cool und arrogant ist“. Wie sehr, wusste sie, als die „School Of Cool“, die Hochschule für bildende Künste sie nicht annahm, in ihren Augen „ein Fehler im Weltschema“. Charline von Heyl richtete dennoch, gegen die Widerstände der Bürokratie, ihren Schreibtisch zusammen mit den anderen Studierenden ein und wurde – nicht Kellnerin.

Heute gehört die 58-Jährige zu den einflussreichsten Malerinnen der Gegenwart. Ihre großformatigen, meist farbintensiven Bilder sind in bedeutenden Sammlungen vertreten, zum Beispiel in der Londoner Tate Modern, im Musée d’Art Moderne in Paris und dem Guggenheim Museum in New York, wo die Künstlerin aktuell auch lebt.

von Heyl: "Nie werden meine Bilder besser wirken als hier"

Für ihre erste große Einzelausstellung „Snake Eyes“ (Schlangenaugen), die in Kooperation mit dem Hirshhorn Museum in Washington, D.C. und dem belgischen Museum Dhont-Dhaenens organisiert wurde, ist Charline von Heyl zurück nach Hamburg gekommen, in die Deichtorhallen, die für sie „die schönsten Hallen der Welt“ sind. „Nie werden meine Bilder besser wirken als hier“, sagte die Malerin bei der Pressekonferenz.

Dass eigentlich jeder Betrachter in ihren Ausstellungen das Bild findet, das ihn persönlich anspricht, davon können sich Besucher in der Halle für aktuelle Kunst ab sofort selbst überzeugen. Werke wie „Plato’s Pharmacy“, „Dunesday“ oder „Old Fish New Fish“ wechseln zwischen reiner Malerei, grafischen Drucken und Zitaten aus Literatur und Popwelt und schaffen so eine außergewöhnliche Gegenwärtigkeit.

Einen Künstlerkollegen im Geiste kann man nebenan besichtigen: wild und ungestüm, radikal und emotional – das war Asger Jorn, der bedeutendste dänische Maler des 20. Jahrhunderts (1914–1973), der Charline von Heyl mit einer eigenen Schau zur Seite gestellt ist. Sie umfasst 60 Werke mit Leihgaben aus Museen in Kopenhagen, Bergen, ­Oslo sowie dem Museum Jorn in Silkeborg und mehreren Privatsammlungen.

Jorn bezieht Intellektuelles und Politisches in seine Arbeit ein

Der Künstler, der sowohl mit Ölgemälden wie „Im Anfang war das Bild“ und „Sans bornes“ berühmt wurde, später Decollagen und Skulpturen schuf, als Designer tätig war und mehrere Schriften zur Kunst verfasste, prägte nachfolgende Künstlergenerationen, ­indem er das Intellektuelle und Politische in seine Arbeit einbezog.

Auch Charline von Heyl trage sein Buch „Die Gedanken eines Künstlers“ schon sehr lange mit sich herum, noch bevor es das Internet gab, sagte die Künstlerin bei der Pressekonferenz am Donnerstag. Seine „organische Linie, das Dekorative, seine Sprachkraft“ fasziniere sie.

Ebenso wie von Heyl verfügte auch ­Jorn über großen kreativen Willen und überwand einige Widerstände auf seinem Weg. Nach einer Ausbildung zum Lehrer reiste er auf dem Motorrad mit dem Fernziel Paris durch Deutschland, um Fernand Légers Malereischule zu besuchen und Teil der europäischen Künstlerszene zu werden. Als der Däne den Text „Heil und Zufall“ mit dem ­Antrag auf Dissertation an die Kopen­hagener Universität schickte, wurde dieser als zu unwissenschaftlich abgelehnt. Auch seiner Mitarbeit am Neuen Bauhaus in Ulm erteilte man 1954 eine Absage, woraufhin Jorn eine eigene Bauhaus-Bewegung gründete. Der Ausstellungstitel „Without Boundaries“ (Ohne Grenzen) trifft also auf das Leben wie auch auf das Schaffen Asger Jorns zu.

Charline von Heyl und Asger Jorn, sie hätten sich prima verstanden. Auch in ihrem Zugang zur Kunst. „Aus dem Bauch heraus und doch vom Kopf ­gesteuert zu malen“, wie Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow es ­beschreibt. So treffen sich die Malerkollegen ­zumindest räumlich und zeigen mit diesem Duo-Auftritt eine neue Richtung auf, die die Deichtorhallen künftig verfolgen wollen: zeitgenössische mit ­klassischen Positionen zu kombinieren.

„Snake Eyes“ / „Without Boundaries“ bis 23. September Di–So 11–18 Uhr, jeden ersten Do im Monat 11–21 Uhr, www.deichtorhallen.de