Hamburg

Das erste diebstahlsichere Fahrrad?

Auf St. Pauli haben Studenten ihre Erfindung jetzt vorgestellt. Unser mehrfach bestohlener Autor hat sie sich angesehen

Hamburg. Mein erstes Mal war mit 17. Ich kam aus der Schule, und mein Fahrrad war weg. Mein letztes Mal war mit 57, im April am Bahnhof Altona. Vorerst letztes Mal wäre ehrlicher. Denn wer weiß schon, wie lange ich noch Freude an meinem neuen Citybike haben werde? Das Fahrrad, das mir im April geklaut wurde, war exakt fünf Tage in meinem Besitz, damit büßten mein Sohn und ich binnen zwölf Monaten vier Räder ein. Und nein, wir hatten die Fahrräder nicht einfach gegen Laternenpfähle oder Bäume gelehnt, allesamt waren sie angeschlossen. Das letzte Schloss kostete 106,85 Euro. Der Fahrradhändler sagte: „Das Ding können selbst Profis nicht einfach knacken, das Schloss kann man nur aufflexen.“ Weg war das Rad trotzdem. Dass ich mein Schicksal mit Tausenden Hamburgern teile – 2017 wurden in der Hansestadt 14.470 Diebstähle angezeigt – ist kein Trost.

Daher reagiere ich auf Versprechen wie „diebstahlsicheres Fahrrad“ so misstrauisch wie auf die „Ich bin aber sauber“-Beteuerungen im Teilnehmerfeld der dopingverseuchten Tour de France. Der Mann, der von sich behauptet, er habe mit Freunden das quasi unklaubare Rad erfunden, heißt Andrés Roi, ein 25 Jahre alter Ingenieur-Student aus Chile mit deutschen Wurzeln. Auf seiner globalen Werbetour übernachtet er vornehmlich bei Verwandten oder in preiswerten Hostels. Wir verstehen uns gleich gut, schließlich sind wir Leidensgenossen. Roi wurden in Santiago zwei Räder geklaut. Der feine Unterschied: Während ich in meiner Wut im Internet nach Schlössern mit eingebauten Mini-sprengsätzen fahndete, machte sich Roi mit zwei Kommilitonen Gedanken über ein völlig neues Sicherheitssystem. Der Clou: Das Fahrrad selbst wird zum Schloss. Im Studiengang Design bohrte und sägte das Trio viele Räder auf, bis die Idee Kontur annahm: Die Rahmenstrebe zwischen Lenkstange und Tretlager wird aufgeklappt, die Sattelstange verbindet beide Enden und wird um eine Laterne oder einen Bügel geschlossen. Der erste Lohn an der Uni: die Note „sehr gut“.

Doch das reichte den Studenten nicht. Über die Familie, eine Internet-kampagne sowie Kontakte zu vermögenden Investoren sammelten sie 500.000 Euro ein und feilten zwei Jahre an ihrer Erfindung. Schließlich nützt das beste Schloss herzlich wenig, wenn die Klappstrebe unter der Last eines schwergewichtigen Radlers zusammenbricht. Roi checkte Materialien in China, den USA und in Italien, engagierte Spezialisten. Nur der Name blieb: Yerka. So hatte sich damals die Projektgruppe an der Uni getauft. „Den Namen fanden wir einfach cool“, sagt Roi.

Wer das Schloss aufbricht, macht das Rad kaputt

Razak Steinbrich, Inhaber des Fahrrad-Cafés St. Pauli an der Detlev-Bremer- Straße, hält das Rad nun für ausgereift. Sein Urteil hat Gewicht. Jeden Tag stürmen im Schnitt mindestens entnervte zwei Kunden seinen Laden, denen ein Fahrrad geklaut wurde und die nun ein neues Bike mit einem entsprechend guten Schloss suchen. Steinbrich verkauft zwar auch Billigvarianten, rät aber dringend davon ab: „Die taugen nur als Geschenkband und können mit einfachen Mitteln binnen Sekunden geknackt werden.“ Sehr gute Schlösser kosten mitunter mehr als 100 Euro und haben einen weiteren Nachteil: Sie wiegen bis zu zwei Kilo.

Die Erfindung der jungen Chilenen hält er schlicht für „genial“. Dabei geht es Steinbrich vor allem um die Details, etwa die Konstruktion des Schlosses an Rahmen und Sattelstange: „Man kann das Schloss zwar aufbohren, aber dann beschädigt man das Fahrrad.“ Genau dies würde professionelle Diebe abschrecken: „Die klauen Fahrräder, um sie möglichst schnell über das Internet zu verkaufen.“ Auch ein erster Alltagstest beeindruckt: Selbst mit meinen beiden linken Händen kann ich das Fahrrad binnen weniger Sekunden ab- und aufschließen. Das Rad fährt sich gut, die Drei-Gang-Schaltung reicht für Fahrten in der Stadt. Und es ist schick durch sein minimalistisches Design. Allerdings: Die Sicherheit hat ihren Preis. Je nach Rahmengröße – angeboten werden drei Varianten – kostet das Yerka-Bike zwischen 549 und 645 Euro. „Wir liefern schnell“, verspricht Roi, binnen einer Woche würden die Räder in der Regel verschickt, inklusive Link zu einem Video, in dem der Zusammenbau erklärt wird. Wer mag, kann dies auch den Profis im Fahrrad-Café für einen Aufpreis von 75 Euro überlassen, erwägenswert, da man gleich die vorgeschriebene Lichtanlage und Schutzbleche montieren lassen kann.

„Wir haben mehr als 1000 Fahrräder verkauft, es ist noch nicht eines geklaut worden“, sagt Roi. Allerdings können auch Yerka-Bikes zum Opfer von Vandalismus werden, womöglich erhöht gerade die Diebstahlsicherheit den Reiz für üble Zeitgenossen, ihren Frust genau an diesen Rädern auszulassen.

Ich vertraue jedenfalls zunächst weiter meinem teuren Schloss an meinem feinen Citybike. Ich stelle es auch nicht mehr im Umfeld des Altonaer Bahnhofs ab. Sollte es dennoch geklaut werden, würde ich über den Kauf eines Yerka-Bikes aber zumindest nachdenken.

Die Fahrräder können unter www.yerkabikes. com bestellt werden. Ansehen kann man sie im Fahrrad-Café St. Pauli, Detlev-Bremer-Straße 37, Telefon 60 78 38 05, www.fc-sp.de.