Testserie

Praktische Erfindung aus dem Norden: Bilderrahmen mit Magnet

Gertrud und Bernd Langer präsentieren in einer Werkstatt der Lebenshilfe in Winsen (Luhe) die von ihnen erfundenen Bilderrahmen

Gertrud und Bernd Langer präsentieren in einer Werkstatt der Lebenshilfe in Winsen (Luhe) die von ihnen erfundenen Bilderrahmen

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Firmen in der Region überraschen mit neuen Produkten. Wir prüfen, wie gut sie sind. Heute: art&day aus Winsen (Luhe).

Winsen. Es duftet nach Holz. So wie es nur riecht, wenn es gerade verarbeitet wird. Heiko Spaller kommt mit einem ganzen Arm von Leisten in die Tischlerei. Kirsche, Ahorn, Nussbaum. Auf die richtige Länge zugeschnitten, bauen er und seine Kollegen bei der Lebenshilfe Lüneburg-Harburg daraus das Gerüst für Bilderrahmen. Zunächst ist das noch nichts Besonders. Wechselrahmen gibt es schließlich fast an jeder Ecke einer Großstadt, in allen Größen und Preisklassen. „Aber meistens ist es sehr zeitaufwendig, Fotos und Bilder auszutauschen“, sagt Bernd Langner. Ein Ärgernis für den Hobby-Fotografen und Tüftler. Also begab er sich auf die Suche nach einer Lösung.

Magnetbasierte Lösung

Das Ziel: „Nicht länger als ein paar Sekunden“ sollte ein Bilderwechsel dauern – und zwar ohne Werkzeug. „Wir haben schon viel herumprobiert“, sagt der 69-jährige Winsener. Wir, das sind seine Frau Gertrud und er. Gemeinsam entwickelten sie ein magnetbasiertes System, das die Bilder zwischen Rückwand und Passepartout fixiert. Zunächst produzierten sie Rahmen für individuelle Fotokalender, dann weiteten sie ihr Geschäft auf Bilderrahmen aus. Die Idee kommt an, inzwischen hat das Ehepaar die art&day GmbH gegründet – mit einer eigenen Internetseite, Onlineshop und sogar mit einem Facebook-Auftritt. „Wir sind ein Rentner-Start-up“, sagt Langner und lacht dabei.

Entwicklung dauerte sechs Monate

Jetzt steht er in der Werkstatt der Lebenshilfe am Stadtrand von Winsen (Luhe) im Landkreis Harburg. Auf einem Tisch liegen die verschiedenen Ausführungen seines Rahmensystems. Ein sanfter Druck auf das Bild reicht aus, dann hat Bernd Langner es aus einem der Holzrahmen gelöst. „Damit es funktioniert, sind in Rückwand und Passpartout an jeder Ecke ein kleiner Magnet eingelassen“, erklärt Langner die Funktionsweise. Ein halbes Jahr hat es gedauert, bis sein System reibungslos funktionierte. Der Mann ist Perfektionist, jahrelang saß der promovierte Chemiker bei der Hamburger Kupferhütte Aurubis im Vorstand. „Wichtig ist, dass Passepartout und Rückwand bei der Verarbeitung absolut plan bleiben, sonst klemmt das Bild nicht sicher.“

Inzwischen werden die unterschiedlichen Lagen des Rahmen-Innenlebens in der Lebenshilfe-Tischlerei erstellt. „Wir verkleben sie mit unserer Furnierpresse“, sagt Fachabteilungsleiter Thomas Jahn. Der Kontakt zu dem Betrieb kam über den behinderten Sohn der Langners. Heiko Spaller arbeitet ebenfalls in dem Betrieb. „Die Rahmenproduktion macht Spaß“, sagt er und legt die passenden Leisten in eine Maschine, die sie mit Metallklammern zusammenheftet. Auch Tischlermeister Jahn ist zufrieden. „Es ist ein Auftrag, bei dem unsere Leute viel ausprobieren können und wirklich handwerklich arbeiten.“

Das Ehepaar Langner sucht Partner für ihr Geschäft

Alles muss exakt sein. Vom Winkel der Leisten über das Kleben des Passepartouts bis zur Prägung des Firmenlogos. Produziert wird in Kleinserien, je nach Bestellungen. Die Langners haben mehrere Spezialgeräte für die Herstellung angeschafft. Rund 35.000 Euro haben sie investiert. Die Endbearbeitung machen sie noch selbst – zu Hause. Inzwischen haben sie mehrere Hundert Stück verkauft. Aktuell gibt es die art&day-Rahmen in sieben Ausführungen: Angeboten werden die Fotokalender und Bilderrahmen in verschiedenen Größen. „Vor allem anspruchsvolle Hobby-Fotografen und Künstler sind interessiert an unseren Produkten“, sagt Gertrud Langner. Das haben die Gründer bei Messen und bei Ausstellungen erlebt.

Im Moment schreibt ihr Start-up noch keine schwarzen Zahlen. Das soll sich ändern, auch wenn sie selbst nichts verdienen wollen, sondern später erwirtschaftete Überschüsse für gemeinnützige Zwecke spenden wollen. Im Moment sind die beiden auf der Suche nach Partnern. „Wir können uns Kooperationen mit Anbietern vorstellen, die Bilder verkaufen wollen“, sagt Bernd Langner. Denn, da ist der Unternehmer sicher, es gibt viele Entwicklungsmöglichkeiten für sein Produkt. Zum Beispiel Spezialkalender, etwa allgemein zum Thema Hamburg oder speziell zum HSV, bei dem dann zusätzlich zur Motivauswahl auch passende Termine vermerkt sind. Der Gebrauchsmusterschutz wurde inzwischen erteilt, ein Patent ist angemeldet.

Der Test:

Produkt:Das Rahmensystem wird in den drei Holzarten Ahorn, Kirsch und Nussbaum geliefert. Die Leistenbreite beträgt 1,5 Zentimeter. Zum Umfang gehören Rückwand und Passepartout. Die Rahmen wirken hochwertig und sind zudem angenehm leicht. Im Rahmen ist eine Aufhängemöglichkeit integriert. Erhältlich ist das System in zwei Varianten als Bilderrahmen und als Wechselkalender. Es ist geeignet für Fotos und Kunstwerke, die kein Rahmenglas brauchen.

Handhabung:
Die Rückwand des magnetbasierten Systems besteht aus einem festen Schaummaterial. Als erster Schritt muss das Bild, das gerahmt werden soll, auf der vorgezeichneten Einlegehilfe positioniert werden. Das dauert wenige Sekunden. Dann einfach den Rahmen mit Passepartout auflegen. Es klackt einmal, fertig. Gehalten werden Rückwand und Passepartout durch insgesamt acht Magneten, die in den jeweiligen Ecken eingelassen sind. Das Foto klemmt praktisch dazwischen fest. Das Produktversprechen, in wenigen Sekunden ein Bild wechseln zu können, wird gehalten.


Preise/Verfügbarkeit:
Das System gibt es in diversen Varianten. Die Fotokalender sind in verschiedenen Größen zu Preisen zwischen 39,50 Euro und 69,50 Euro erhältlich, inklusive Kalendarien bis Ende 2019. Die Bilderrahmen in Größen bis A2 kosten ab 29,50 Euro. Neu ist ein Rahmen mit Ausschnitten für zwei Bilder, etwa für Fotos von Gebäuden (historisch und heute). Passepartouts und Kalendarien zum Wechseln sind auch einzeln erhältlich. Sonderkalender gibt es auf Anfrage.


Fazit:
Das System funktioniert verblüffend einfach. Es ist für Hobbyfotografen und -künstler, aber auch für Kinderzeichnungen geeignet. Positiv schlägt die Produktion in einer Behindertenwerkstatt zu Buche. Einziger Minuspunkt: Nicht verwendbar für Bilder, die durch ein Glas geschützt werden müssen. Das Abendblatt-Urteil lautet: vier von fünf Sternen.

Der Abendblatt-Test – jeden Dienstag. Alle bisherigen Folgen gibt es online unter www.abendblatt.de/testserie