Hamburg

„Theater braucht Förderung – egal, woher“

Bernd Reheuser, Johannes Langer, Rosana Cleve und Florian Bender bilden nur einen Teil des Ensembles in "Ghetto"

Bernd Reheuser, Johannes Langer, Rosana Cleve und Florian Bender bilden nur einen Teil des Ensembles in "Ghetto"

Foto: Klaus Lefebvre

Das Wolfgang Borchert Theater aus Münster eröffnet am Dienstag in Altona die Privattheatertage. Intendant Zanger über deren Wert.

Hamburg.  Die Theatersaison in Hamburg neigt sich dem Ende zu – gäbe es da nicht die Privattheatertage (PTT). Zum siebten Mal findet die Leistungsschau der privaten deutschen Bühnen von diesem Dienstag an in Hamburg statt. Zu den unter 87 Bewerbungen ausgewählten zwölf Bühnen gehört auch das Wolfgang Borchert Theater aus Münster, das schon beim ersten Festival 2012 dabei war und die Privattheatertage am Dienstag mit dem Stück ­„Ghetto“ erstmals eröffnen darf. Ein Gespräch mit Regisseur und Intendant Meinhard Zanger über den Stellenwert des Festivals sowie finanzielle und künstlerische Herausforderungen.

Festival-Initiator Axel Schneider findet, die Privattheatertage seien inzwischen „fester Bestandteil der deutschen Theaterlandschaft“ geworden. Ist das Festival für Sie seit 2012 auch schon Teil des Bühnenalltags?

Meinhard Zanger: Ja, das kann man sagen. Wir waren auch traurig, dass wir zweimal nicht dabei waren. Stattdessen waren wir zweimal mit je zwei Stücken dabei (lacht). Es ist ein Superfestival – auch, um zu zeigen, was die gesamte Privattheaterlandschaft auf der Pfanne hat, vor allem in seiner Vielfalt. Man sieht so unterschiedliche Ansätze von Aufführungen, das finde ich toll.

Was bedeutet die erneute Nominierung für das Wolfgang Borchert Theater?

Das ist für uns eine Klassewerbung, vor allem mit einem so wichtigen, politisch starken Stück wie „Ghetto“.

2016 haben Sie den Preis in der Kategorie Komödie für Shakespeares „Was ihr wollt“ bekommen. Was hat Ihnen diese Auszeichnung gebracht?

Kein Geld, keinen Zuschauer mehr – denn das Stück war bei uns immer ausverkauft (lacht) ...

Die Monica-Bleibtreu-Preise sind von jeher undotiert ...

Das ist auch nicht wesentlich. Die Nominierung bringt etwas für alle Theater, die nach Hamburg kommen. Ich finde das gut, dass der Preis ein Ehrenpreis ist. Alle zwölf Eingeladenen sind schon ausgezeichnet – ein sehr gutes Prinzip.

Als Mitglied des Künstlerischen Ausschusses im Deutschen Bühnenverein kennen Sie die Szene. In München bekommen Privattheater maximal 150.000 Euro pro Spielzeit an Zuschüssen von der Stadt, kam im Vorjahr bei der PTT-Gala kritisch zur Sprache. Wie sieht es in Münster aus?

Wir spielen ungefähr 55 Prozent unseres Etats selber ein. Dann haben wir einen Mäzen, Hendrik Snoek, in den 1970ern Europameister der Springreiter. Von der Familie kommt ein sechsstelliger Betrag, der Rest sind Zuschüsse von der Stadt und vom Land Nordrhein-Westfalen, etwas mehr als eine halbe Million Euro pro Spielzeit. Familie Snoek fördert das Theater seit über 20 Jahren, hat mehrere Millionen Euro reingesteckt!

Kann anspruchsvolles Privattheater nur dank solcher Gönner dauerhaft überleben?

Anspruchsvolles Privattheater kann sich nicht aus eigener Kraft finanzieren, das wusste schon Max Reinhardt. Es braucht finanzielle Unterstützung, Förderung. Egal, woher sie kommt.

In Hamburg leistet sich von den Privattheatern nur das jährlich mit mehr als zwei Millionen Euro subventionierte Ohnsorg ein festes Ensemble. Auch Sie haben eines – ein Privileg, ein Ausnahmefall in NRW?

Ja, wir haben ein festes Ensemble mit sechs Schauspielern. Was die Debatte um Gleichberechtigung angeht, sind wir führend in Deutschland, wir haben drei Männer und drei Frauen. Alle wesentlichen Abteilungen sind von Frauen mit Leitungsaufgaben besetzt. Von 88 Inszenierungen in meiner Zeit haben 58 Frauen gemacht, das sind 65 Prozent. Und in der Ausstattung ist die Quote noch höher. Es gibt auch keine unterschiedliche Bezahlung nach Geschlechtern, es geht nach sozialem Status, nach Berufszugehörigkeit, dementsprechend werden die Gagen verhandelt.

Und worin liegt die Herausforderung, „Ghetto“ auf die Bühne zu bringen – in Münster und hier im Altonaer Theater?

„Ghetto“ ist die größte Produktion, die wir als Borchert-Theater jemals gemacht haben – es wirken 17 Schauspieler und ein Chor mit 30 Kindern mit. Die haben auch schon alle die Genehmigung von ihren Eltern und von der Schule. Obwohl am nächsten Tag eine Klassenarbeit geschrieben werden sollte, haben die Lehrer ihnen freigegeben. Die zweite Herausforderung ist: Können und dürfen wir als Gojim, als Nichtjuden, auf der Bühne Juden darstellen? Ich bin der Auffassung, ja. Vor allem, wenn man sich dem Thema so widmet, wie wir das getan haben.

Weshalb spielen Sie nicht im einst jüdischen Grindel-Viertel in den Kammerspielen?

Das hängt allein mit der Größe der Bühne zusammen. Vom Symbolwert hätte es in den Kammerspielen gespielt werden müssen, aber es passt dort nicht rein. Wir spielen auf zwei Ebenen.

Peter Zadek brachte „Ghetto“ 1984 mit dem jungen Ulrich Tukur in Berlin zur Uraufführung, wenig später war es auch am Deutschen Schauspielhaus ein Erfolg.

1992 gab es eine Neufassung des Stücks. Zadek wurde vorgeworfen, zu sehr das Musicalhafte bedient zu haben. Auch gab es Vorwürfe wegen der im Stück thematisierten Kollaboration zwischen Juden und Nazis. Sobol hat hier überarbeitet, geschärft und präzisiert und in Essen die Neufassung selbst inszeniert. Da hatte ich mitgespielt und ihn kennengelernt. Ich habe das Stück danach zweimal inszeniert. Dadurch, dass die politischen Verhältnisse heute so sind wie sie sind, dass wir eine Zunahme an rechtem Gedankengut feststellen und das Stück zeigt, wohin das führen kann, müssen wir es unbedingt auf den Spielplan setzen, die Erinnerung wachhalten.

Programm der Privattheatertage

Zwölf Produktionen laufen bei den Privattheatertagen (PTT) vom 19.6. bis 1.7. in den Kategorien Drama, Klassiker und Komödie. Vor „Ghetto“ heute um 19.30 Uhr in Altona eröffnen Intendant Axel Schneider und Kultursenator Carsten Brosda das Festival – erstmals finanziert Hamburg die PTT mit, das Gros der Förderung kommt vom Bund. Die Stadt ist mit „Buten vör de ­Döör“ (20.6., Kammerspiele) vom Ohnsorg dabei, Stuttgart mit drei Stücken. Bis auf „Enigma“ (im TiZ, 24.6.) und „The Importance Of Being Earnest“ (26.6., Lichthof) gibt es noch Karten für alle Stücke (je 20 Uhr, nur „Hamlet“ 21.6., 19.30, EDT) und die Gala (So 1.7., 19.30, Kammerspiele). 9 ,- bis 29,-: HA-Geschäftsstelle, Großer Burstah 18–32, T. 30 30 98 98