Hamburg

Neues Schulfach zur Frage "Was will ich werden?"

Schulsenator Thies Rabe in der Schule Humboldt-Straße

Schulsenator Thies Rabe in der Schule Humboldt-Straße

Foto: Roland Magunia

„Berufs- und Studienorientierung“ wird ab August in gymnasialer Oberstufe unterrichtet – und auch benotet.

Hamburg.  Wie weiter nach dem Abitur? „Viele junge Menschen sind ein bisschen ratlos vor einer als unübersichtlich empfundenen Welt“, sagte Schulsenator Ties Rabe (SPD) bei der Vorstellung des neuen Unterrichtshandbuchs zur Studien- und Berufsorientierung für die Oberstufe. Vielleicht sei das auch verständlich angesichts eines Angebots von 18.000 Bachelor- und Masterstudiengängen sowie mehreren Hundert Berufen.

Was aber ein Abiturient über seinen Abschlussjahrgang am Rande einer Kultusministerkonferenz erzählte, hat Rabe dann doch ziemlich überrascht. „Er sagte, dass zwei von den 86 Abiturienten seiner Schule eine Berufsausbildung und sechs ein Studium beginnen wollten. Aber 79 Schülerinnen und Schüler wussten schlicht nicht, was sie machen sollten. Vielleicht ein wenig Work & Travel oder ein Freiwilliges Soziales Jahr“, erzählte Rabe.

Als erstes Bundesland

Eine Konsequenz: Hamburg wird vom nächsten Schuljahr an als erstes Bundesland das Schulfach Berufs- und Studienorientierung in der Oberstufe einführen. Alle Schüler müssen auf dem Weg zum Abitur das Fach belegen. Die Schulen entscheiden selbst über die Organisationsform. Eingeplant sind 34 Unterrichtsstunden, die mit zwei Stunden pro Woche in einem Semester gegeben, auf zwei Semester verteilt oder kompakt innerhalb einer Woche erteilt werden können.

Die Leistungen der Schüler sollen auch benotet werden und fließen somit in die Abiturnote ein. „Damit habe ich mich gegen Bedenken in meiner Behörde durchgesetzt“, sagte der Senator schmunzelnd. Damit das neue Fach erfolgreich werde, würden nun vor allem „geeignete Lehrer und geeignetes Lehrmaterial“ benötigt.

Die Schulen entscheiden selbst, welche Pädagogen den Unterricht im neuen Schulfach übernehmen. „Geeignet könnten zum Beispiel Lehrer sein, die aufgrund ihrer eigenen Berufsbiografie Einblicke in unterschiedliche Bereiche haben“, sagte Rabe.

Neues Handbuch zum Thema

Das neue Handbuch „Berufliche Orientierung wirksam begleiten“ präsentiert auf 360 Seiten 50 Unterrichtseinheiten und wurde von der Stiftung der Deutschen Wirtschaft, der Agentur für Arbeit und der Schulbehörde gemeinsam entwickelt. „Mit dem neuen Rahmenkonzept zur beruflichen Orientierung in der Oberstufe und dem Handbuch wollen wir alle rund 24.000 Oberstufenschüler dazu befähigen, eine fundierte Berufswahlentscheidung zu treffen“, sagte Rabe.

„Eine umfassende Orientierung der jungen Menschen zu einem frühen Zeitpunkt ist besonders wichtig. Die Studien- und Berufswahl ist eine der wichtigsten, aber auch planbarsten Lebensentscheidungen“, sagte Sönke Fock, Chef der Agentur für Arbeit Hamburg. Heute konkurrierten Unternehmen, Studienangebote und duale Studiengänge um Abiturienten. „56 Prozent eines Jahrgangs machen heute Abitur, und 40 Prozent der Auszubildenden haben Abitur“, sagte Fock. „Ein anspruchsvoller Berufseinstieg ist nicht mehr nur über ein Studium zu realisieren.“ Fock verwies darauf, dass es an den Stadtteilschulen bereits eine eng verzahnte und etablierte Berufsberatung für Schüler mit Haupt- und Realschulabschluss gebe. „Daher begrüße ich ausdrücklich, dass die Berufs- und Studienberatung in der Oberstufe an unseren Gymnasien, Stadtteilschulen und beruflichen Gymnasien intensiviert wird“, sagte Fock.

Die Ida-Ehre-Schule hat Pionierarbeit geleistet

„Der größte Teil der Unterrichtseinheiten ist in Bayern entwickelt worden, und alle sind bereits ausprobiert worden“, sagte Saskia Wittmer-Gerber von der Stiftung der Deutschen Wirtschaft. Die Lehrer seien mehr Begleiter eines Entwicklungsprozesses der Schüler, für einzelne Abschnitte würden Experten wie zum Beispiel Personalberater hinzugezogen. Die Ida-Ehre-Stadtteilschule in Hoheluft sieht sich als „Pionierschule“ in Sachen Berufs- und Studienorientierung.

„Seit mehr als 20 Jahren wird bei uns die Berufs- und Studienorientierung intensiv schulintern und unter Einbeziehung externer Kooperationspartner weiterentwickelt“, sagte Schulleiter Kevin Amberg. Die Erfahrungen der Schule sind in das Handbuch eingeflossen. „Noch nach fünf oder zehn Jahren kommen ehemalige Schüler, um zu erzählen, welchen beruflichen Weg sie eingeschlagen haben und inwieweit sie der Unterricht dabei beeinflusst hat“, sagte Andreas Franke-Thiele, der das Programm als Koordinator Berufsorientierung der Oberstufe an der Schule maßgeblich mit aufgebaut hat.