Zweiter Weltkrieg

Munitionsreste: Die Gefahr lauert in Hamburgs Böden

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André Zand-Vakili
Sprengmeister Peter Bodes mit einer Deutschen Panzerfaust aus dem Zweiten Weltkrieg

Sprengmeister Peter Bodes mit einer Deutschen Panzerfaust aus dem Zweiten Weltkrieg

Foto: André Zand-Vakili

Der Kampfmittelräumdienst wird fast täglich alarmiert. Munition aus dem Krieg könnten auch in Wilhelmsburg explodiert sein.

Hamburg.  Die Untersuchung geht vom heutigen Montag an in die entscheidende Phase. Das Bezirksamt Mitte will Experten verschiedener Disziplinen versammeln, um der Ursache der Explosion in der Nacht zum Freitag unter der Straße Pollhornbogen in Wilhelmsburg auf die Spur zu kommen. Die unterirdische Explosion hatte so eine Wucht, dass die Fahrbahn um bis zu 30 Zentimeter angehoben wurde. Waren Faulgase in einem Abwassersiel explodiert? Gab es einen Brand an einer unterirdischen Stromleitung? Oder gingen Munitionsreste aus dem Zweiten Weltkrieg hoch? Wenn die Straße aufgegraben wird, werden jedenfalls auch Experten des Kampfmittelräumdienstes dabei sein. Sie werden dann nach Resten wie Splittern suchen.

Die Gefahr durch Munitionsreste wird in Hamburg oft unterschätzt. Dabei liegen mehr als sieben Jahrzehnte nach Kriegsende nicht nur große Blindgänger wie Fliegerbomben im Boden, sondern noch tonnenweise Munition sowie Überreste von Flakgeschossen.

Immer noch große Mengen an Munition

Fast täglich wird deshalb in Hamburg der Kampfmittelräumdienst alarmiert, um die Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkrieges zu beseitigen.

Wie oft es sich um Munition handelt, zeigt die Statistik der Feuerwehr für das vergangene Jahr. 2017 wurden in Hamburg 118 Granaten, 103 Panzerfäuste, 28 Handgranaten, fünf Minen und 15,5 Tonnen Gewehr- und Pistolen­munition gefunden. „Wir haben in den vergangenen Jahren beispielsweise immer wieder Minen beseitigt, die noch gefechtsmäßig verlegt wurden“, sagt der Leiter des Kampfmittelräumdienstes, Peter Bodes.

Der Grund für die großen Mengen an Munition: Hamburg war kurz vor Kriegsende zur Festung erklärt worden und sollte in blutigen Straßenkämpfen verteidigt werden. Dazu wurde ein Verteidigungsring um Hamburg eingerichtet, der in einem Halbkreis etwa von der Ortschaft Over bis nach Francop reichte. Gekämpft wurde noch. Allerdings nur im Bereich der Stadtgrenze bei Vahrendorf und im Bereich der heutigen Autobahnanschlussstelle Lürade. Am 26. April 1945 griff eine Kompanie SS-Division „Hitlerjugend“, unterstützt von Sturmgeschützen der Fallschirm­jäger und Marinesoldaten, in Vahrendorf liegende Einheiten der 7. Britischen Panzerdivision an. Von den 120 deutschen Soldaten kehrte die Hälfte nicht zurück. 44 von ihnen, darunter viele Jugendliche, sind auf dem kleinen Soldatenfriedhof in Alvesen beigesetzt. Die Engländer beklagten etwa 90 Mann Verluste. Die SS-Einheit wurde wenig später nach Schleswig-Holstein verlegt. Man befürchtete, dass sie die Kapitulation der Stadt ignoriert hätte. Am 3. Mai 1945 marschierten die Engländer kampflos in Hamburg ein.

Vor allem Angehörige des sogenannten Volkssturms, alte Männer und Jugendliche, aber auch andere Soldaten, entledigten sich ihrer Waffen. „Viel wurde in Löcher und Gräben, aber vor allem in Teiche, Seen oder Kanäle versenkt“, sagt Bodes. Viele Soldaten wollten Waffen und Munition nicht an den Sammelstellen ablegen.

Komplizierte Zünder

Die Munition ist laut Bodes noch immer „hoch brisant“. Oft wird sie als so gefährlich eingestuft, dass sie direkt am Fundort gesprengt werden muss. Dabei sind nicht nur empfindliche Zünder ein Problem, sondern auch chemische Reaktionen in den Geschossen, die die Munition zur Explosion bringen kann.

Ein besonderes Problem sind die Granaten der schweren Flakgeschütze, von denen Hunderte in und um ganz Hamburg standen, unter anderem auf den großen beiden ehemaligen Flaktürmen am Heiligengeistfeld und in Wilhelmsburg. Solche Granaten wurden millionenfach verschossen. Sie waren mit einem Zeitzünder bestückt, einem Uhrwerk, das die Geschosse in einer vorbestimmten Höhe zur Explosion bringen sollte.

„Diese Zünder sind kompliziert“, sagt Bodes. „In den letzten Jahren des Krieges waren viele Facharbeiter an der Front. Die Qualität bei der Produktion ließ nach. Es gab auch Sabotage. Das hat die Zahl der Blindgänger deutlich erhöht.“ Solche Zünder sind oft noch intakt, manchmal nur verhakt. Erschütterung, aber auch Materialermüdung kann sie freigeben und die Granate zur Explosion bringen.

Präventiv gesucht wird nach diesen brisanten Kriegshinterlassenschaften nicht mehr. Nach der Privatisierung der Kampfmittelräumung unter dem ehemaligen CDU-geführten Senat kam diese Art der Kampfmittelsuche zum Erliegen. Heute werden Munition oder Bombenblindgänger in den meisten Fällen im Rahmen von geplanten Bauvorhaben entdeckt.

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