Hamburg

18.000 kommen zum Fanfest – und sind frustriert

Aus der Verabredung zum Jubel auf dem Heiligengeistfeld wird ein Abend der langen Gesichter. Auch der Veranstalter bangt.

Hamburg. Natürlich haben sie alle auf diesen Moment gewartet, auf das erlösende Ding. Müller zieht aus 20 Metern ab, der Ball zappelt im Netz. Tooor!

Aber, nun ja, es kam ganz anders.

15 Minuten vor Beginn des Auftaktspiels der DFB-Elf gegen Mexiko stehen Patrick, Vanessa und Tochter Isabella Hinz auf dem Heiligengeistfeld, zusammen mit rund 18.000 Besuchern des Fanfestes. Patrick tippt 3:1 für Deutschland. Es ist auch das Wunschresultat von Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD). Dass am Ende die Besucher des Fanfestes (und wohl auch Tschentscher) die Köpfe hängen lassen müssen, weil Jogis Jungs Mexiko mit 0:1 unterliegen – damit hatte kaum jemand gerechnet. Vermutlich auch nicht die wenigen mexikanischen Fans, die bei jeder gelungenen Aktion ihrer Nationalmannschaft ein launiges Tänzchen hinlegen.

Bevor das deutsche Team am Sonntagnachmittag in die WM startet, bilden sich vor dem Eingang lange Schlangen. Neben einigen Dutzend Bereitschaftspolizisten sind 110 Wachleute im Einsatz, die akribisch jede Jacke, jeden Rucksack und jede Tasche kontrollieren. Das Problem: Taschen, die größer sind als ein DIN-A4-Papier, müssen aus Sicherheitsgründen abgegeben werden. Die Folge: Wer seine Habseligkeiten nach dem Spiel holen möchte, braucht eine Extraportion Geduld.

Bürgermeister kommt mit Fanschal

Bum, bum, bum! Zehn Minuten bis zum Anstoß. Tim Toupet pulst mit seinem Song „Allee, Allee“ aus den Boxen-Batterien beidseits der riesigen Leinwand. Auf der Bühne steht Bürgermeister Tschentscher, er trägt ein graues Sakko und im farblich-fröhlichen Kontrast dazu einen Schal in den Nationalfarben. Um 16.55 Uhr stehen hier Tausende Besucher, die sich zum kollektiven Durchdrehen verabredet haben. Allein: Vor vier Jahren waren es mehr als doppelt so viele. Mit „Humba, Täterä“ singen sie sich warm, mit aufblasbaren Klatschstangen bringen sie sich in Stimmung.

Modisch ist am Sonntag nicht viel zu holen, da läuft kaum jemand in Alltagsklamotten herum. Optisch gibt es nur ein Statement – Schlaaannd! Auf dem Heiligengeistfeld regieren Perücken, Shirts und Blumenkränze in Schland-Farben. Doch während die Fans euphorisch für ihre Mannschaft brennen, springt in 90 Minuten bei der DFB-Elf der Funke so gar nicht über: Hier ein Kroos mit der Chance auf dem Fuß, da ein Brandt, der den Ball gegen den Pfosten hämmert. Chancen ja, Tore nein: Grande Tristesse auf dem Heiligengeistfeld.

Besucher müssen erstmals Eintritt zahlen

Anders als bei früheren Weltmeisterschaften werden diesmal beim Public Viewing nur die deutschen Spiele gezeigt. Sollte die DFB-Elf nach der Vorrunde ausscheiden, wäre auch auf dem Heiligengeistfeld finito. Für Uwe Bergmann, den Veranstalter des Spektakels, wäre eine Schlappe der deutschen Mannschaft wohl ein finanzielles Fiasko. Weil sich kein Hauptsponsor gefunden hat, ist das Fanfest für Bergmann ohnehin ein riskantes Geschäft. Erstmals muss er Eintritt erheben – in Form einer Sicherheitsgebühr von 2 Euro. Dafür genießen die Fans die Spiele nun im XXL-Format, die Leinwand misst 126 Quadratmeter, sie ist 40 Prozent größer als bei der WM im Jahr 2014. Der geringe Betrag von 2 Euro stört indes nur wenige Fans. Was die Menge am Sonntag stört, hat 22 Beine, aber keinen Tor- Instinkt­. „Hochbezahlte Fußballmillionäre, und die liefern so ein Mistspiel ab“, erbost sich ein junger Mann. So oder so: Beim nächsten Spiel werde er auf dem Heiligengeistfeld wieder die Daumen drücken. Vielleicht hilft’s ja.

Vorerst übertragen werden nur Spiele der DFB-Auswahl gegen Schweden (23.6., 20 Uhr) und Südkorea (27.6., 16 Uhr). Eintritt für Besucher ab 16 Jahre: 2 Euro; ein Platz im VIP-Zelt kostet 88 Euro. Taschen, die größer sind als ein DIN-A4-Blatt, dürfen nicht rein.