Hamburg

Flughäfen – wo Hamburg im deutschen Vergleich steht

Erreichbarkeit, Wachstum und Service, Wartezeiten, Auszeichnungen und Nonstop-Verbindungen – das Abendblatt hat alle wichtigen Fakten der großen Airports zusammengestellt. Die Ergebnisse sind überraschend

Kofferchaos 2017, viele Verspätungen 2018, weit mehr als 100.000 Lärmbeschwerden binnen eines Jahres und ein Stromausfall, der am 3. Juni den kompletten Flughafen lahmlegte: Ist es wirklich so schlimm am Hamburg Airport? Ein Blick auf andere deutsche Flughäfen relativiert den Blick auf Probleme in der Hansestadt, jeder Airport hat seine Vor- und seine Nachteile. Das Abendblatt hat zehn deutsche Flughäfen sehr unterschiedlicher Größe miteinander verglichen, darunter auch die anderen Airports im Norden – Bremen und Hannover.

Größe

Zweitgrößte Stadt, fünftgrößter Airport – der Status des Hamburger Flughafens passt nicht ganz zur Stellung der Stadt. Mit 17,62 Millionen Passagieren pro Jahr (2017) und 159.780 Flugbewegungen sucht Hamburg nur Anschluss an die Spitzengruppe. Die wird dominiert vom Fraport in Frankfurt mit 64,5 Millionen Passagieren und 475.537 Flugbewegungen – Deutschlands größter Flughafen, der viertgrößte Europas, der 13.-größte der Welt. Ein bedeutendes Drehkreuz ist auch der Münchner Flughafen Franz Josef Strauß, die Nummer zwei hierzulande mit 44,6 Millionen Passagieren und 404.505 Flügen. Auf Rang drei folgt Düsseldorf mit 24,62 Millionen Gästen und 221.635 Flugbewegungen. Berlin-Tegel hat 20,5 Millionen Gäste pro Jahr bei 173.713 Flugbewegungen, der zweite Hauptstadtflughafen Schönefeld wurde von 12,9 Millionen Passagieren genutzt bei 101.301 Flugbewegungen. In Köln/Bonn stiegen 12,4 Millionen Passagiere ein oder aus, 141.338 Flugbewegungen. In Stuttgart verzeichnete man elf Millionen Gäste bei 128.147 Flugbewegungen. Im Norden zählt Hannover 5,9 Millionen Passagiere (75.256 Flüge), und Bremen kommt auf 2,54 Millionen Passagiere bei 37.233 Flugbewegungen.

Entfernung zum Zentrum

Hamburgs oft beschriebene Stärke als zentrumsnaher Flughafen wird von Bremen und Düsseldorf getoppt. Bremens Airport ist mit einer Entfernung von 3,3 Kilometern zum Rathaus der zentrumsnahste. Auch der Airport Düsseldorf (acht Kilometer) liegt dichter am Stadtzentrum. In Hamburg liegen zwischen Rathaus und Airport zwölf Kilometer. In Frankfurt und Stuttgart sind es jeweils 13 Kilometer, in Berlin sind es zwölf nach Tegel, 20 Kilometer nach Schönefeld. Hannover (14 Kilometer) und Köln-Bonn (15 Kilometer) sind durchaus auch zentrumsnah. Ausreißer ist der Franz-Josef-Strauß-Airport vor den Toren Münchens. Vom Rathaus zum Terminal sind es 37,5 Kilometer.

Erreichbarkeit ÖPNV

Groß und klein gewinnen: In Bremen geht es mit der Straßenbahn in knapp 20 Minuten vom Rathaus (Zentrum) zum Flughafen, auch in Frankfurt ist man mit der S-Bahn in 20 Minuten am Ziel. Alle deutschen Flughäfen haben eigene Bahn- oder Bushaltestellen. In Hamburg hält alle zehn Minuten eine ­S-Bahn, gut 30 Minuten beträgt die Fahrzeit ab Rathaus, wenn man U- und ­S-Bahn kombiniert. Mit U-Bahn und Bus dauert es 38 Minuten. Trotz seiner Zentrumsnähe ist der Düsseldorfer Airport mit U-Bahn und Bus (20-Minuten-Takt) in nur 36 Minuten zu erreichen. In Berlin fährt man mit Bus und U-Bahn in etwa 45 Minuten im Zehn-Minuten-Takt nach Tegel. Alle zehn Minuten verkehren ­U-Bahn und Bus nach Schönefeld, Fahrtzeit: knapp eine Stunde. Den Flughafen Hannover erreicht man mit U- und ­S-Bahn jede halbe Stunde in 40 Minuten. Mit U-Bahn und Bus dauert es eine Stunde. In Stuttgart fahren alle 20 Minuten U- und S-Bahn in 50 Minuten zum Airport. Mit dem Bus dauert es zehn Minuten länger. Knapp unter einer halben Stunde bleibt die Anreise von Köln zum Airport: Alle 10 Minuten fährt eine S-Bahn (28 Minuten), ein Bus alle 20 Minuten (27 Minuten Fahrzeit). Am längsten braucht man zum entlegenen Münchner Airport, alle 15 Minuten ein Flughafenbus (50 Minuten), zwei S-Bahnen brauchen 50 Minuten (einen Transrapid, siehe: Edmund Stoiber, gibt es nicht).

Wachstum

Den größten Passagierzuwachs hatte im Vorjahr der Flughafen Berlin-Schönefeld. 2017 verzeichnete er mit 12,9 Millionen Fluggästen ein Plus von 10,4 Prozent. In Berlin-Tegel nahm das Aufkommen vor allem durch die Insolvenz von Air Berlin jedoch um 3,7 Prozent ab, sodass Berlin insgesamt nur auf ein Plus von 1,3 Prozent kommt. Nach dieser Rechnung liegt der höchste Zuwachs in Hamburg. 17,6 Millionen Passagiere bedeuteten ein Plus von 8,6 Prozent. Kurz dahinter kommt Hannover (+8,5 Prozent). Frankfurt wuchs um 6,1 Prozent im Vergleich zu 2016. Es folgen München (44,6 Millionen, +5,5 Prozent), Düsseldorf (24,6 Millionen, +4,8 Prozent), Köln/Bonn (12,38 Millionen, +4,1) und Stuttgart (10,98 Millionen, +3,1). Bremen verlor wie Tegel Passagiere; 2,54 Millionen bedeuten ein Minus von 1,3 Prozent.

Parkgebühren

Mit besonders günstigen Parkgebühren am Terminal punktet laut Fluggastportal airhelp.com der Flughafen Hannover (75 Euro pro Woche). Danach folgen in dieser Kategorie Bremen (83 Euro), Stuttgart (121 Euro), Frankfurt (130 Euro), Berlin-Schönefeld (139 Euro), Tegel (159 Euro), Hamburg (196 Euro), Köln/Bonn (210), München (219) und Düsseldorf (238).

Nonstop-Verbindungen

Die größte Vielfalt hat erwartungsgemäß Deutschlands größter Flughafen. In Frankfurt starten 89 Airlines zu weltweit 262 Flugzielen in 100 Ländern. 128 Ziele liegen außerhalb Europas. Ähnlich vielfältig ist das Angebot in München, wo 102 Airlines zu 266 Zielen in 74 Ländern fliegen. Darunter sind 68 Interkontinentalflüge. Von Hamburg aus erreicht man nonstop immerhin 130 Ziele, meist innerhalb Europas (siehe Status: Regionalflughafen), es geht aber auch nach Marokko, in den Iran oder nach Ägypten. Nur zwei Langstrecken bietet Hamburg: Dubai und New York (saisonal). Als drittgrößter Flughafen Deutschlands verbindet dagegen der Airport Düsseldorf die Rheinstadt mit 190 Zielen weltweit. Darunter auch Langstrecken nach Japan, Grönland (saisonal), Kanada und Mexiko. Von beiden Berliner Flughäfen geht es direkt insgesamt zu 195 Zielen. Darunter auch Langstrecken von Tegel nach Singapur, Toronto und New York. Von Hannover geht es mit knapp 100 Direktverbindungen vor allem ins europäische Ausland, aber auch nach Dubai, Ägypten oder Tunesien. Sogar nach Kasachstan gibt es eine Verbindung. Stuttgart fliegt gut 120 Ziele in ganz Europa direkt an, aber auch Atlanta (USA) oder die Kapverden. Mit knapp 50 Nonstop-Zielen in 20 Ländern Europas und Nordafrikas bietet der Bremen Airport ein dürftiges Angebot. Andererseits: Er gilt als schnellster Abflughafen Europas. Etwas Besonderes bietet Köln/Bonn: Der Flughafen hat sich auf Langstreckenflüge von Low-Cost-Airlines spezialisiert, ist Basis von Eurowings. Fast 30 Airlines fliegen zu 129 Zielen, auch in Länder wie Kuba, Jamaika oder Mauritius.

Service für Passagiere

Viel zu bieten hat der Flughafen Frankfurt. Dort gibt es beispielsweise eine Movie World mit acht separaten TV-Nischen, in denen die Besucher aus einem breiten Film- und Doku-Angebot wählen können. In der Gaming World können die neuesten Computerspiele ausprobiert und in den zwei Yoga-Räumen kann entspannt werden. Ein innovatives Angebot hat kürzlich der Flughafen Hannover eingeführt: Der Family Comfort Service übernimmt für Familien mit Kindern unter zwölf Jahren den Check-in und bei Bedarf auch das Parken des Autos. Zudem gibt es Überraschungspakete für die Kleinen und McDonald’s-Gutscheine. Der Service hat allerdings einen stolzen Preis: 99 Euro. In München setzt man mit den Recreation-Areas, also kostenlosen Lounges, auf Entspannung. Fluggäste aus China oder dem arabischsprachigen Raum können sich beim Einkaufen Hilfe von sogenannten Shopping Assistants holen. In Hamburg wird gerade der Gate-Delivery-Service getestet: Passagiere können Getränke und Snacks online vorbestellen und sich ohne Aufpreis direkt ans Gate liefern lassen. Zudem können Fluggäste kostenlos Trinkwasser zapfen, nicht nur in einer Kapelle, sondern auch in einer Moschee beten, die Sanitärbereiche direkt per Touchscreen bewerten oder in der Arte Gallery ein Kunstwerk für 99 bis 10.000 Euro erstehen.

Wartezeiten Check-in

Wie hoch die Wartezeiten im Durchschnitt sind, konnte keiner der Flughäfen sagen. Dies variiere zu stark je nach Tages- und Jahreszeit, hieß es. Auch eine maximale Wartezeit, die nicht überschritten werden sollte, gibt es nicht. Allein der Flughafen Frankfurt gibt eine Zielzahl für die Wartezeit an der Sicherheitskontrolle vor. Diese soll laut Sprecherin durchschnittlich unter 20 Minuten, im Bestfall unter zehn Minuten liegen. In Hamburg können Passagiere das Warten zumindest planen: Die aktuelle Wartezeit an den Kontrollen kann online in Echtzeit abgerufen werden. „Der Hamburg Airport ist der erste Flughafen bundesweit mit diesem digitalen Service“, sagt Sprecherin Katja Bromm.

Rankings

Hamburgs Flughafen ist bei den Skytrax World Airport Awards aktuell zum besten Regionalflughafen Europas gewählt worden. Es ist das vierte Mal nach 2011, 2012 und 2017 in der Kategorie der Flughäfen, die vor allem nationale und kontinentale Verbindungen bieten. Bewertet wurden servicerelevante Kriterien wie Verkehrsanbindung, Freundlichkeit, Wartezeiten, Shopping-Möglichkeiten sowie die Gastronomiepreise. In der gleichen Kategorie belegt Düsseldorf Platz 3, Köln/Bonn Platz 4. Im Gesamtranking „The World’s Top 100 Airports 2018“ ist der Helmut-Schmidt-Airport auf Platz 25 gelistet. Von den deutschen Flughäfen belegt München weltweit Platz 6, Frankfurt Platz 10, Düsseldorf Platz 30 und Köln/Bonn Rang 31.

Laut Airhelp.com, einem Portal für Fluggastrechte, ist der Flughafen Köln/Bonn in puncto Pünktlichkeit, Service und Passagierzufriedenheit (Twit­ter­analyse) der beste in Deutschland (Note 8,61 von 10). In dieser Liste folgen Stuttgart (8,18), Hannover (8,07), München (7,79), Frankfurt (7,38), Düsseldorf (6,86), Berlin-Schönefeld (6,48). Wertet man dagegen 70.000 Google- und Facebookbewertungen von Passagieren aus, wie es die Berliner Agentur Webbosaurus gemacht hat, landet der Hamburger Airport auf einer Fünf-Sterne-Skala mit einer 3,6 auf einem unteren Mittelfeldplatz (15). „Bemängelt werden die Wartezeiten sowie das teils unfreundliche Personal. Für einige Nutzer versprüht Hamburg den Charakter eines Provinzflughafens“, so die Autoren. „Positiv wird die Sauberkeit hervorgehoben.“ Beliebtester Flughafen in diesem Ranking ist der übersichtliche und schnelle Airport in Nürnberg vor Dresden und Hannover. Am schlechtesten: beide Berliner Flughäfen.

Pilotenlieblinge

Bei der Pilotenvereinigung Cockpit mit rund 10.000 Mitgliedern liegt der Hamburger Flughafen mit der Gesamtnote 2,7 im unteren Mittelfeld. Im Flughafencheck wurden im vergangenen Jahr 28 deutsche Flughäfen einbezogen. Den Piloten geht es dabei vor allem um flugsicherheitsrelevante Kriterien, die unter anderem den Landeanflug und das Rollfeld betreffen, das Rollen oder „Taxiing“, also die langsame Bewegung eines Flugzeugs auf dem Boden, die allgemeine Ausrüstung und auch, ob der Flughafen Experten der Pilotenvereinigung in sicherheitsrelevante Treffen und Fragen mit einbezieht. Da Hamburg die Vereinigung Cockpit nicht mit einbezieht, gibt es dafür Punktabzug. Mit der Note 1,6 schneidet Hamburg bei der allgemeinen Ausrüstung im Vergleich gut ab. Der Flughafen mit der Bestnote ist Leipzig/Halle mit der Note 1,6, gefolgt von Bremen und Stuttgart mit jeweils einer 1,7. „Grundsätzlich sind alle deutschen Flughäfen sicher“, sagt Peter Drichel von der Vereinigung Cockpit. „Wir Piloten wünschen uns jedoch etwa ein Entfernungsmessgerät am Flughafen, beleuchtete Windsäcke an allen Bahnköpfen sowie Bremskoeffizientenmessungen bei schlüpfrigen Bahnen.“ Bei der Einbeziehung der Pilotenvereinigung in die Local Runway Safety Teams habe Hamburg noch Nachholbedarf. „Folgte der Airport den Vorgaben und gäbe es die von der Politik vorgegebene Einschränkung der Bahnwahl nicht, könnte die von uns vergebene Gesamtnote auf 1,7 verbessert werden“, so Drichel.

Besitzverhältnisse

Der einzige Flughafen, der privatwirtschaftlich betrieben ist, ist Frankfurt – er gehört zu 100 Prozent der Fraport AG. Sechs Flughäfen befinden sich in öffentlicher Hand, dazu gehören Bremen, Köln/Bonn, München (Bayern 51 Prozent, BRD 26, Stadt München 23), Stuttgart (Baden-Württemberg 65, Stuttgart 35) und die beiden Berliner (Berlin und Brandenburg je 37, BRD 26). Gemischt betrieben werden Hamburg (Stadt 51, AviAlliance GmbH 49), Hannover (Stadt, Niedersachsen je 35, Fraport AG 30) und Düsseldorf (Stadt 50, Airport Partners GmbH 50).

Wirtschaftlichkeit

Größter Flughafen gleich größter Umsatz: Frankfurt erwirtschaftete 2017 Umsatzerlöse in Höhe von 2,9 Milliarden Euro, der Gewinn lag bei 359,7 Millionen Euro. Es folgen München mit einem Konzernumsatz von knapp 1,5 Milliarden und einem Jahresergebnis von 155 Millionen Euro, Düsseldorf (482,8 Millionen Euro Umsatz, 60,1 Millionen Euro Jahresergebnis), Hamburg (264,5 Millionen Euro Umsatz, 46,6 Millionen Euro Jahresergebnis) und Hannover (147,6 Millionen Euro Umsatz, 3,9 Millionen Euro Ergebnis). Einen Konzernfehlbetrag von -83,6 Millionen Euro musste dagegen die Flughafen Berlin Brandenburg GmbH hinnehmen – auch hier schlug die Insolvenz von Air Berlin durch. Auch Stuttgart machte überraschenderweise Minus. Schuld war hier aber ein Sondereffekt: Nach der Zahlung einer Rate von 71,4 Millionen Euro für das Bahnprojekt Stuttgart–Ulm, an dem sich der Flughafen beteiligt, lag das Ergebnis mit 34,8 Millionen Euro im Minus. Köln/Bonn (319,1 Millionen Euro Umsatz, 6,3 Millionen Euro Ergebnis) und Bremen (42,6 Millionen Euro Umsatz, 2,434 Millionen Euro Verlust) haben bislang nur die Zahlen für 2016 vorliegen.