Hamburg

Sprechstunde beim Pflanzenarzt:Tomaten bitte streicheln!

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Elisabeth Jessen
Der Pflanzenarzt René Wadas in  Planten un Blomen, wo dieses Jahr alles besonders üppig wächst

Der Pflanzenarzt René Wadas in Planten un Blomen, wo dieses Jahr alles besonders üppig wächst

Foto: Michael Rauhe

Bestsellerautor René Wadas behandelt am Wochenende Notfälle beim „Langen Tag der Stadtnatur“. Einsätze führen ihn sogar nach Mallorca.

Hamburg.  Seine grüne Tasche mit dem weißen Kreuz hat René Wadas immer dabei. So eine Arzttasche schafft ja auch Vertrauen. Und viele Leute, die den 48-Jährigen anrufen, sind wirklich sehr verzweifelt. Da muss der Pflanzenarzt ran. So nennt sich der gelernte Gärtner seit 1997, denn Notfälle im grünen Bereich gibt es, glaubt man dem Experten, reichlich.

In seiner großen grünen Arzttasche hat Wadas ein elek­tronisches Messgerät, mit dem er den pH-Wert im Boden messen kann, eine Lupe, um genau hinsehen zu können, eine scharfe Rosenschere und ein Messer für schnelle „Amputationen“. Außerdem hat er stets eine kleine Pflanzenapotheke bei sich, zudem Handschuhe und Desinfektionsmittel, damit er keine Krankheiten weiterverbreitet.

Sein Buch „Hausbesuch beim Pflanzenarzt. Tipps und Tricks für Garten und Balkon“, das kürzlich erschienen ist, ist bereits ein Bestseller. „Und das, wo es doch 1000 andere Bücher gibt“, sagt Wadas aus dem niedersächsischen Börßum und ist immer noch erstaunt, dass gerade sein Werk so erfolgreich ist. Vielen Norddeutschen ist er bereits aus Beiträgen im NDR-Fernsehen bekannt, und sein Foto ist auch Teil des Buchcovers.

Über Jahre viele Schadbilder im Kopf gespeichert

Montags und dienstags hält er nachmittags in Börßum bei Braunschweig üblicherweise seine Pflanzensprechstunde ab. An diesem Wochenende kommt Wadas aber dafür nach Hamburg. Beim Langen Tag der Stadtnatur am Sonnabend und Sonntag können Hamburger Hobbygärtner mit ihren Pflanzen, die ihnen Kummer machen, vorbeikommen und Rat einholen.

Das Wichtigste seien seine Augen, sagt Wadas, „die erkennen erste Symptome sofort“. Über die Jahre habe er viele Schadbilder im Kopf abgespeichert. Termine werden für die Sprechstunde nicht vergeben, aber jeder kommt dran, verspricht Wadas (Details siehe unten). Die Beratung ist kostenlos.

Wadas ist in der Großstadt aufgewachsen, in Berlin-Kreuzberg, bis seine Familie nach Börßum umzog. Weil er nach der Schule nach Ansicht seines Stiefvaters etwas Anständiges lernen sollte, begann er eine Klempner-Lehre in einem Betrieb, der jedoch kurz vor der Pleite stand. „Weil kaum etwas zu tun war, ließ mich mein Lehrherr die Gartenarbeit machen – der Betrieb war in seinem Wohnhaus untergebracht“, erzählt Wadas. Und so sattelte der Klempnerlehrling um und fing eine Gärtnerlehre an. Nach seiner Meisterprüfung habe er schließlich angefangen, den Umgang mit der Natur und den Pflanzen zu überdenken.

Wadas arbeitet mit Wirkstoffen aus der Natur. „In der Natur ist für jedes Zipperlein ein Kraut gewachsen“, sagt der Pflanzenarzt. In seiner Gärtnerei, auch Pflanzenklinik genannt, probiert er alle Hilfsmittel aus – an Tomaten, Paprika, Zimmerpflanzen, Orchideen etc. „Ich habe ein breites Wissen, aber es ist nicht so tief“, sagt Wadas. Deshalb arbeite er auch mit Biologen zusammen.

Das Streicheln übernimmt sonst der Wind

Viele Erkenntnisse habe er aber nach dem Prinzip „Learning by doing“ gewonnen. Die gängigsten Probleme umschreibt der Pflanzenarzt folgendermaßen: „Oft ist es der Mensch. Zu viel Wasser, zu wenig Dünger, viele Pflanzen stehen zu dunkel.“ Da müsse man Abhilfe schaffen: „Eine LED-Lampe über der Pflanze funktioniert sogar im Gästeklo.“

Und manchmal müsse man sich den Pflanzen einfach etwas mehr zuwenden. Tomatenpflanzen beispielsweise solle man sanft streicheln, besonders, wenn man sie auf der Fensterbank vorzieht. In der Natur mache das der Wind, das könne man als Mensch unterstützen. „Dann werden sie kompakt und wachsen gut. Pflanzen merken das, wenn man sie streichelt.“

Das Wachstum sei in diesem Frühjahr aber ohnehin außergewöhnlich gewesen. Wegen der großen Wärme verblühten zwar viele Pflanzen schneller, dafür könnten viele Pilzkrankheiten gar nicht ausbrechen. „Sonne tut den Pflanzen gut. Man sieht es ihnen ja an.“

Jeder Einsatz kostet 95 Euro pro Stunde

Trotzdem hat Wadas, der selbst einen 5000 Quadratmeter großen Garten an seinem Wohnhaus besitzt, immer viel zu tun. Seine Einsätze führen ihn durch ganz Deutschland, und sogar auf Mallorca ist seine Pflanzenheilkunst gefragt.

Welche Menschen sind denn bereit, einen Stundensatz von 95 Euro plus An- und Abfahrt zu bezahlen? „Meistens rufen Leute an, wenn ein gewisser Wert daran hängt“, sagt Wadas. Entweder weil die Pflanzen in der Anschaffung sehr teuer waren oder weil ein großer ideeller Wert damit verbunden ist.“ Aber auch Kommunen beauftragen ihn beispielsweise für Baumgutachten.

Eines will Wadas Gartenliebhabern unbedingt noch mit auf den Weg geben: „Wenn ich einen Garten habe, muss ich bereit sein zu teilen. Ich kann nicht auf 100 Prozent bestehen. Ich persönlich bin immer bereit, einen Teil meiner Ernte der Natur zu überlassen.“ Also beispielsweise Insekten, Käfern, Schnecken oder Vögeln. Die wollen schließlich auch leben.

Lesung von René Wadas am 16. Juni, 17–18.30 Uhr, bei Thalia, Elbe Einkaufszen­trum, Osdorfer Landstraße 131, Eintritt frei.Pflanzensprechstunden: 16. Juni, 12–15 Uhr und 17. Juni, 12–16 Uhr, Pressehaus Gruner & Jahr, Am Baumwall 11. Weitere Informationen und Angebote zum Langen Tag der Stadtnatur unter www.tagderstadtnaturhamburg.de

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