Hamburg

Kampf gegen HIV – der Durchbruch?

Rot-Grün und Bundesministerium finanzieren Hamburger Forscherteam weltweit erste Gen-Therapie zur Heilung

Hamburg. Marc Hasse

Mit einer neuen Gen- und Zelltherapie wollen Hamburger Forscher HIV-Patienten heilen. Doch bislang fehlte dem Expertenteam vom Heinrich-Pette-Institut Hamburg mit Professor Joachim Hauber an der Spitze und den Kooperationspartnern von der TU Dresden dafür die notwendigen Fördermittel. Jetzt aber dürfte es grünes Licht für ein Start-up-Unternehmen geben, das die weltweit erste Gen-Therapie zur Heilung von HIV erprobt und die Technik dafür bereitstellt. Das Unternehmen soll als „Provirex GmbH“ firmieren und aus den wissenschaftlichen Teams des Heinrich-Pette-Instituts und der TU Dresden bestehen.

Der Hamburgischen Bürgerschaft liegt ein gemeinsamer Antrag der Grünen- und SPD-Fraktion vor. Wenn das Parlament diesem Antrag folgt, steht die Finanzierung der Provirex GmbH auf solidem Fundament. „Hamburg hat die große Chance, ein einzigartiges und gesellschaftlich relevantes Forschungsprojekt zu fördern und im Bereich der Infektionsforschung eine Vorreiterrolle zu übernehmen“, sagte Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grüne) dem Abendblatt.

Nachdem sich das Heinrich-Pette-Institut vergeblich international um Privatinvestoren bemüht hatte, kann nun eine staatliche Anschubfinanzierung erfolgen. Alle Etappen sollen mit insgesamt 11,3 Millionen Euro finanziert werden. Darin enthalten ist eine Förderung aus dem Bundesforschungsministerium von 5,3 Millionen Euro.

Der Antrag fordert die Bürgerschaft dazu auf, dass Hamburg drei Millionen Euro zur Verfügung stellt. Die Deckungslücke könnte nach Abendblatt-Informationen von weiteren Investoren übernommen werden. Dass die Bürgerschaft diesem Antrag zustimmt, gilt als sicher.

Farid Müller, Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen-Bürgerschaftsfraktion, bewertet die bisherige Forschungsarbeit als „historischen Schritt auf dem Weg zur Heilung von HIV und Aids.“ Der rot-grüne Senat sowie die beiden Fraktionen hätten einen Weg gefunden, Bundes- und Landesmittel bereitzustellen. Hamburg baue damit seinen Anspruch aus, Wissenschaftsmetropole zu sein.

Wie Sven Tode, wissenschaftspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, betont, werden unter dem Dach der Provirex GmbH die Fachkompetenz unter anderem des Heinrich-Pette-Instituts und des UKE gebündelt. „Die Hansestadt erhält damit die Chance, ein weltweit bedeutender Standort für eine Zukunftstechnologie zur Gen-Therapie zu sein.“

Zurzeit sind 37 Millionen Menschen weltweit mit dem HI-Virus infiziert; jährlich kommen zwei Millionen Ne­uinfektionen hinzu. Zwar wird die Infektion heute im Idealfall mit einer Kombination anti­retroviraler Medi­kamente behandelt, die das Virus in Schach halten und so den Ausbruch von Aids erheblich verzögern oder verhindern – ein gewaltiger Fortschritt gegenüber den 80er-Jahren, als Ärzte weitestgehend hilflos zusehen mussten, wie die Infizierten irgendwann an den Folgen von Aids starben.

Allerdings müssen Patienten die nunmehr verfüg­baren Pillen lebenslang schlucken. Nach längerer Zeit kommt es oft zu Nebenwirkungen. Ganz loswerden können die Betroffenen den Erreger bisher nicht. Die Wissenschaftler um Joachim Hauber hatten zusammen mit Dresdener Forschern eine 2007 vorgestellte sogenannte molekulare Schere so weiterentwickelt, dass sie das Erbgut des Virus aus infizierten menschlichen Zellen herausschneidet – allerdings in Versuchen an Mäusen, denen menschliche Zellen mit HI-Viren implantiert worden waren, sowie an Zellkulturen von HIV-positiven Patienten. Funktioniere dieses Verfahren nicht nur im Labor, sondern auch im menschlichen Organismus, ließe sich damit womöglich erstmals eine Heilung erzielen.

Die notwendigen Klinischen Studien sind jetzt möglich

Und das soll, vereinfacht dargestellt, so funktionieren: Zunächst wird dem Patienten Blut abgenommen, aus dem blutbildende Stammzellen isoliert werden. In diese Stammzellen wird dann im Labor mittels einer sogenannten Genfähre die molekulare Schere namens „Brec 1“ eingeführt. Im nächsten Schritt erhält der Patient das eigene Blut wieder zurück. Sodann sollen die Stammzellen neue Zellen bilden, in deren Erbgut der Bauplan für die molekulare Schere enthalten ist – sowie ein Schalter, der bei Anwesenheit von HI-Viren die Produktion von Brec1 auslöst. Brec1 wird also nur produziert, wenn die Zelle mit dem Virus infiziert ist.

Mit der geplanten Förderung kann nun das Heinrich-Pette-Institut die notwendigen Klinischen Studien realisieren. „Wir sind vor allem der Grünen-Bürgerschaftsfraktion für die außerordentliche Unterstützung dankbar“, sagte Privatdozent Jan Chemnitz vom Institut dem Abendblatt.