Kiel

Wallers erste Oper: Schwung, Niveau und ordentlich Jubel

Kann also auch Oper: St.-Pauli-Theater-Intendant Ulrich Waller

Kann also auch Oper: St.-Pauli-Theater-Intendant Ulrich Waller

Foto: dpa Picture-Alliance / Georg Wen / picture alliance / dpa

Der Hamburger Intendant überzeugt in Kiel auf ganzer Linie. Seine unbekannte Barockoper versetzt er ins Venedig der 50er-Jahre.

Kiel.  Als selbst Venus sich irgendwann nicht mehr auskennt in dem erotischen Chaos, da setzt sich die Bühne in Bewegung. Dreht und dreht sich und gibt den Blick frei auf immer neue ­Venus-Doppelgängerinnen, jede blondgelockt und im Vamp-roten Kleid und zugange mit einem maskierten Galan. Und die Liebesgöttin steht davor und besingt die schmerzliche Verwirrung ihrer Gefühle. Der abgründige venezi­anische Karneval steht emblematisch für Ulrich Wallers Deutung der Oper „Die Aufteilung der Welt“ von Giovanni Legrenzi. Am Sonnabend hatte das Stück Premiere an der Oper Kiel. Waller, Intendant des St. Pauli Theaters, hat zum ersten Mal eine Oper inszeniert. Den boulevardesken Schwung aber hat er an die Förde mitgenommen.

Slapstick wechselt mit anrührenden Momenten

Der Name Legrenzi sagt heutzutage nur Eingeweihten etwas. Im Venedig des 17. Jahrhunderts jedoch war „La divisione del mondo“ ein Hit. Der treulose Ehemann Jupiter schaut Venus’ Rockzipfel hinterher, seine Gattin Juno schäumt vor Eifersucht, Venus will eigentlich mehrere Liebhaber, aber nicht Jupiter, und so weiter: Es geht wie so oft darum, wer mit wem und warum nicht. Derlei Seifenopern über die Zustände im Götterhimmel waren in der Barockzeit Standard, diese aber ist außergewöhnlich lebendig und temporeich. Legrenzi und sein Librettist Giulio Cesare Corradi lassen Slapstick mit anrührend ernsten Momenten wechseln. Sowohl der Text als auch die vielgestaltige Musik zeichnen die Figuren in Lebensgröße und mit allen Widersprüchen. Die Beweggründe der antiken Götter sind eben zutiefst menschlich.

Anstatt die Geschichte platt zu aktualisieren, versetzt Waller die Handlung ins Venedig der 50er-Jahre. Es wimmelt von Petticoatkleidern und Borsalino-Hüten. Virtuos führt der Regisseur sein Personal durch die verzwickten Ensembleszenen, er und seine Choreografin Kim Duddy tanzen mühelos auf dem Grat zwischen Klamauk und Banalität, ohne abzustürzen. Die Truppe des Balletts Kiel bringt ordentlich Revuecharakter hinein, indem sie mal als Jeunesse dorée an den Lido zieht, mal als Auftragskiller die Maschinen­gewehre in die Höhe reckt. Klar, dass das den meisten Zwischenapplaus gibt.

Beeindruckendes Niveau

Das Herz der Produktion aber schlägt im Graben. Der römische Originalklangspezialist Alessandro Quarta eskortiert die Beteiligten präzise und kenntnisreich durchs Geschehen. Die Sopranistin Sonia Tedla Chebreab ist hörbar zu Hause in der barocken Tonsprache mit ihren ungewohnten Rhythmusverschiebungen und Verzierungen. Die betrogene Juno ist bei ihr nicht nur keifende, sondern auch fühlende Ehefrau. Auch wenn es bei den übrigen Säimmer wieder mal klappert in der Abstimmung mit dem Graben, das stimmliche Niveau ist insgesamt beeindruckend. Allein die vielen Hosenrollen! Respekt auch dafür, wie weit das Philharmonische Orchester Kiel sich der Epoche stilistisch angenähert hat. Schlank im Ton und lebendig in Arti­kulation und Phrasierung, entrollen die Musiker einen ganzes Kaleidoskop an Stimmungen.

Am Ende zieht sich „Die Aufteilung der Welt“ in die Länge, da ziehen alle noch mal so richtig Bilanz, das machte man damals so. Dem Publikumsjubel tut das keinen Abbruch.

„Die Aufteilung der Welt“ Die nächsten Vorstellungen: 16.6., 3. und 6.7., jeweils 19.00, Oper Kiel, Kartentelefon: 0431/90 19 01