Digitalisierung

Ein Kindergarten für Erwachsene im Hühnerposten

Der will doch nur dienen: Roboter Pepper begrüßt die Gäste und holt auf Wunsch auch Kaffee

Der will doch nur dienen: Roboter Pepper begrüßt die Gäste und holt auf Wunsch auch Kaffee

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Mit einem ungewöhnlichen Projekt soll Hamburgern die Angst vor der digitalen Zukunft genommen werden.

Hamburg.  Es geht um das Kind in uns allen, um den Spieltrieb und die Neugier, die in jedem von uns stecken. „Traut euch bitte genau wie Kinder, Fragen zu stellen, wenn ihr etwas nicht versteht. Keine falsche Scham. Wir wollen euch die Angst vor der Zukunft nehmen“, erklärte Nick Sohnemann von Future Candy, einem der Veranstalter des eintägigen Digital Kindergartens, bei der Eröffnung Donnerstagfrüh.

1000 Besucher waren in den Hühnerposten gekommen, um Vorträge zu Techtrends zu hören und neue Spielereien auszuprobieren. Ein Empfangsroboter beispielsweise, der einem Kaffee bringt, ein motorisierter Roller, den man auf einem Parcour testen konnte, oder ein Digitarium. Dabei handelt es sich um ein digitales Aquarium, ein Schaukasten, in dem ein reales Produkt liegt, das aber mit ganz vielen digitalen Informationen über einen Touchscreen versehen wird. In diesem Fall liegt der YT-1300 im Aquarium und viele rasante Filme verdeutlichen die Einsetzbarkeit des Raumfrachters, der von der Corellianischen Ingenieursgesellschaft entwickelt wurde.

Viele erklärungsbedürftige Produkte

Die Star-Wars-Fans unter den Besuchern sind begeistert, aber natürlich hat diese Spielerei einen ganz konkreten Nutzen. „Es gibt so viele erklärungsbedürftige Produkte oder Maschinen, die viel zu groß sind, um sie auf Messen zu bringen. Wir können Dinge heute nicht mehr wie vor 20 Jahren bewerben, wir müssen dem Konsumenten eine Geschichte drumherum erzählen“, sagt Stephan Beck vom RTS Rieger Team.

Besser verkaufen würden sich Produkte auch durch eine Objekterkennung auf einem Multi-Touchscreen, glaubt David Pajung von eyefactive, einem Unternehmen aus Wedel. Er stellt eine Cremedose auf den Bildschirm und schon sieht man alle Informationen zu der Gesichtspflege. „Dadurch, dass ich das Produkt in der Hand halte, verliere ich nie den Bezug, ich bin ihm viel näher.“ Und gleichzeitig ganz modern unterwegs. So wollen Kunden angeblich in der Zukunft angesprochen werden. Aale Dieter vom Fischmarkt würde bei der Vorstellung ausrasten.

An zwei Orten gleichzeitig

Plötzlich fährt das Gesicht von Nick Sohnemanns, der gerade noch einen Vortrag hielt, in einem Telepräsenzroboter an einem vorbei. Beam heißt das Ding, mit dem man an zwei Orten gleichzeitig sein kann. Wenn ein Manager eines globalen Unternehmens beispielsweise keine Lust mehr hat, ständig hin und her zu fliegen, dann rollert er künftig mit Beam durch die ausländischen Abteilungen. „Gerade die deutschen Unternehmen agieren bei Innovationen oft zurückhaltend, dabei könnte ihnen die neue Technologie so viel erleichtern“, sagt Sohnemann, der die Messe mit Weischer.Media und der Agentur achtung! ins Leben gerufen hat. „Hierzulande gilt Stabilität als Wert, wer aber die Zukunft erobern will, der muss sich ständig verändern.“

Man braucht etwa keine Konferenzräume und teuer aufgestellte Beamer mehr, sondern kann mithilfe eines Sony Xperia Touch jede helle Oberfläche für eine Präsentation nutzen. Oder um darauf Klavier zu spielen, oder WM-Spiele zu gucken, oder, oder, oder. Zugegeben: All das auszuprobieren macht Spaß – wie ein Disneyland für Erwachsene (der Eintritt kostet übrigens ähnlich viel, aber im Hühnerposten sind Getränke und Essen inklusive).

„Diese Tech-Messe ist toll, sie nimmt den Leuten die Angst vor der digitalen Transformation, diesem Schreckgespenst, unter dem sich viele nichts vorstellen können“, findet Tom Vollmer von Collective Brain. Der Hamburger hat selbst eine recht moderne Idee zu seinem Geschäft gemacht, er führt eine Marketingagentur, die kaum mehr fest angestellte Mitarbeiter hat, sondern über eine sogenannte digitale Workforce verfügt, also über viele freie Mitarbeiter.

Nicht alles funktioniert

Sehr viele. „1,4 Millionen Menschen weltweit sind bei uns angeschlossen, wir arbeiten über alle Zeitzonen hinweg, und unser Kreativitätslevel ist viel höher als das einer klassischen Agentur. Die Masse schlägt alle“, sagt Vollmer und setzt sich eine Virtual Reality Brille auf, um zu lernen, wie man ein Auto zusammen baut. Beim virtuellen Montagetraining von Daimler Protics setzt er Kofferraumabstützungen ein, verschraubt Schlösser und hantiert mit Akuschraubern.

Er steht an einem Ausstellungsstand im Hühnerposten, aber er sieht eine große Fabrikhalle und fühlt sich wie ein Autobauer. Die Virtual Reality Technik eignet sich so gut für Schulungszwecke, weil sie auch das muskuläre Gedächtnis trainiert. Man macht die Handgriffe wirklich – in vielen Unternehmen wäre das für Auszubildende sonst gar nicht möglich. Mal eben eine tonnenschwere Düsenturbine auseinanderschrauben, um zu verstehen, wie sie aufgebaut ist, wer möchte schon so viel Zeit und Geld investieren? Virtuell alles kein Problem.

Dennoch funktioniert natürlich auch die coole neue Tech-Welt nicht immer. Beim Vortrag von Sascha Pallenberg über die Autos der Zukunft funktioniert weder sein Headseat noch der Beamer. Irgendwann nehmen sogar seine Präsentationsfolien ein Eigenleben an und stellen sich von alleine immer schneller weiter. Großes Gelächter im Publikum. Pallenberg, der in Taipeh wohnt und jede technische Neuerfindung fast eher kennt als seine Entwickler, gibt belustigt auf: „Ich komme zu dem Moment, in dem ich ein Bier vertragen könnte.“ Es ist 11 Uhr morgens. Die Zukunft beginnt früh.