Selbstversuch

Eine Woche ohne Plastik: Jetzt muss ein Messer ran

Barbier Ahmad Hijazi bei der Arbeit. Sein Handschuh ist aus Gummi, nicht aus Plastik

Barbier Ahmad Hijazi bei der Arbeit. Sein Handschuh ist aus Gummi, nicht aus Plastik

Foto: Andreas Laible / HA

Abendblatt-Redakteur Heiner Schmidt verbannt Kunststoffverpackungen aus seinem Leben. Vierter Teil des Tagebuchs.

Hamburg.  Dienstag, 8 Uhr: Im Bad. Die Toilettenpapierrolle für 2,20 Euro passt auf den dafür vorgesehenen Halter. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Ich fände das zu privat. Allerletzte Bemerkung zu diesem Thema: Beim Schmökern gestern Abend in meinem neuen Ratgeberbuch „Besser leben ohne Plastik“ fand ich den Hinweis, wenn man gleich die gesamte Verbrauchsmenge eines Jahres ordere, würden die Rollen ohne Plastikverpackung angeliefert. Für den Bewohner einer Dreizimmerwohnung ist das ein unpraktikabler Tipp, meine ich. Soll ich für die Jahresration Klopapier das Bücherregal ausräumen?

Der Deo-Stift für 7,95 Euro ist etwas bröckelig und verströmt einen leichten Zitrusduft. Ich hatte bei der Note Nordic Timber mehr etwas in Richtung Fichtennadel erwartet. Ob dieses Feststoff-Anti-transpirant bewirkt, was es soll, werde ich sehen.

Diese neue Zahncreme (125 Gramm für 6,95 Euro) aus der Glasflasche mit Metallschraubverschluss schmeckt wie Pfefferminz-Kaugummi und scheint okay zu sein. Beim Blick in den Spiegel fällt mir auf, dass es nach der letzten Rasur am Sonnabend mal wieder Zeit wird. Ich habe aber immer noch keine Lösung mit plastikfreier Verpackung. Beim Putzen der Duschwanne betrüge ich mich selbst, indem ich den plastikhaltigen Pumpmechanismus vom Behälter schraube und den Bad­reiniger direkt aus dem Keramikspender aufs Metall gebe. Putzt tadellos.


8.30 Uhr: Frühstück. Endlich wieder nach dem Marmeladenbrot auch noch eines mit herzhaftem Käse. Den Kaffee trinke ich wegen des ungelösten Milchbehälterproblems immer noch schwarz. Aber wahrscheinlich gibt es eine Lösung. Es ist eine Pfandflasche. Man soll sie mit Deckel zurückgeben. Also wird auch der Deckel wiederverwendet, denke ich mal. Damit habe ich mit ihm kein Plastikproblem mehr.

Verstoß gegen die Regeln: Mir ist jedenfalls keiner wirklich bewusst. Ich habe den Eindruck, dass sich die ersten Stunden nach dem Aufstehen langsam wieder dem Normalzustand annähern.


9.30 Uhr: Auf dem Isemarkt steuere ich zuerst den Stand der Landschlachterei an. In Bio-Supermärkten scheint es an der Frischetheke nur Käse zu geben. Bei Wurst, Fleisch oder auch Tofu sieht es verpackungsmäßig meist genauso düster aus, wie in jeder normalen Supermarktfiliale. „Selbstverständlich“, sagt der Landschlachter zu meiner Transportbox und legt 100 Gramm feine Mettwurst hinein. „Für mich mit meinen drei Scheiben lohnt sich das ja nicht“, sagt die Dame neben mir. Es klingt fast, als wolle sie sich entschuldigen. Der Schlachter sagt noch in meine Richtung: „Wenn das jeder so machen würde, würden wir eine Menge Abfall sparen.“ Genau! Ich komme wieder.

Erster Teil des Tagebuchs

Zweiter Teil des Tagebuchs

Dritter Teil des Tagebuchs

9.45 Uhr: Am Krabbenstand. Eine mir sehr nahestehende Person, die meinen Plastikfrei-Versuch im Grundsatz begrüßt, aber in manchen Details für übertrieben hält, sagt, hier gebe es den besten Krabbensalat der Welt. Mag sein, aber was wirklich zählt, das ist: Füllt die Frau aus Büsum ihn auch in meinen mitgebrachten Behälter? Macht sie anstandslos. Sie nimmt einen 100-Gramm-Plastikbecher aus der Vitrine, füllt ihn um. Ha! „Und den Becher werfen Sie jetzt in den Müll?“ „Äh, ja!?“ Okay, das war wirklich eine eher dämliche Frage.

10 Uhr:
Noch schnell ein Stück Parmesan von den Pastafrauen holen. Der wird einfach in Papier eingeschlagen und über den Tresen gereicht. Im vergangenen Jahr, glaube ich, haben sie ihn noch zusätzlich in eine Plastiktüte gesteckt. Konnte ich schon immer drauf verzichten, hab’s aber nie getan.

Verstoß gegen die Regeln: Über den Krabbensalat kann man diskutieren. Aber wenn er die Akzeptanz des Selbstversuchs im familiären Nahfeld erhöht, muss so was einfach mal drin sein.


13 Uhr: Beim Barbier. Auf dem Weg ins Büro habe ich kurz in ein Rasiererfachgeschäft hineingeschaut. Denn mir war klar: Einen plastikfrei verpackten Elektrorasierer werde ich nicht finden. Nun also bei Hello Cut an der Hoheluftchaussee, einem dieser Walk-in-Friseure (Werbespruch: „Reinkommen, Drankommen“), der auch Nassrasur anbietet. Inhaber und Personal mit Migrationshintergrund. „Einmal rasieren bitte, ohne dass Sie etwas in Plastik verpacktes benutzen. Geht das?“ Es geht tatsächlich: Der Dachshaarpinsel wird in einem Keramikschälchen angefeuchtet, dann durch die Rasierseife in einem Metalldöschen gezogen, die auf Kinn, Hals und Wangen zu Schaum aufgeschlagen wird. Ein paar Minuten rasieren mit dem scharfen Messer – fertig. Denke ich. Doch dann folgen noch einige Sprühstöße Eau de Cologne – aus der Plastikflasche. Na ja, vielleicht hatte ich mich nicht klar genug ausgedrückt. Das Ganze kostet acht Euro, das finde ich angemessen. Aber werde ich künftig zwei-, dreimal pro Woche zum Barbier gehen? Ich fürchte, das Rasieren bleibt ein Problem.

19 Uhr: Wieder daheim schmökere ich erneut im Ratgeber und finde einen Hinweis auf eine alternative Frischhaltefolie mit Bienenwachs. Danach werde ich mal suchen. Das Nordic-Timber-Deo ist übrigens auch ganz okay.


22 Uhr: Im Schlafzimmer. Ein Blick in den Kleiderschrank zeigt, dass Handlungsbedarf besteht. Nur noch ein frisches Hemd, die zwölf aus der Reinigung hängen weiter in ihren dünnen Plastik-Schutzhüllen. Ich habe beschlossen, sie vorerst nicht zu tragen. Morgen muss ich ein paar neue kaufen.

Verstoß gegen die Regeln: Nicht, dass ich wüsste.


Lesen Sie morgen: Das Business-Hemd – eine Herausforderung.