Umweltschutz

Selbstversuch: Eine Woche ohne Plastik

Einkauf im Drogeriemarkt. Unrasiert und mit Plastikkorb

Einkauf im Drogeriemarkt. Unrasiert und mit Plastikkorb

Foto: Roland Magunia / HA

Abendblatt-Redakteur Heiner Schmidt verbannt Kunststoffverpackungen aus seinem Leben. Das Tagebuch.

Hamburg.  Freitag, 1. Juni, 8 Uhr:
Mein Projekt „Eine Woche ohne Plastik“ hat vor gut einer Stunde begonnen, und ich bin hungrig, ungeduscht und verspüre das Bedürfnis, mir die Zähne zu putzen. Aber die Grundsätze, nach denen ich in den nächsten sieben Tagen leben will, erlauben mir im Moment weder nennenswerte Nahrungsaufnahme noch umfassende Körperpflege. Die Grundsätze lauten: Du darfst eine Woche lang nichts kaufen, was in Plastik eingepackt ist, und: Du darfst nichts benutzen, was in Plastik eingepackt ist oder war. Zwei einfache Regeln mit geradezu dramatischen Konsequenzen, wie ich binnen gut 60 Minuten lerne. Ich bin nicht vorbereitet, der Entschluss für diesen Selbstversuch fiel spontan am Vorabend unter dem Eindruck der Berichte darüber, wie die EU die Plastikflut (ein wenig und mit langen Übergangsfristen) eindämmen will. Ich will mehr, ich will zumindest keinen Verpackungsmüll mehr verursachen. Und das sofort. Es dürfte sehr, sehr schwer werden.

Das zeigt sich gleich nach dem Aufstehen im Bad: Das Duschgel ist in einer Plastikflasche, die ich zwar nicht jedesmal neu kaufe, sondern nachfülle – aber aus einem Plastikbeutel. Die Zahnpasta ist in einer Plastiktube, die Zahnbürste ist komplett aus Plastik und war in einer Plastikverpackung. Es bleibt einstweilen nur eine Katzenwäsche. Kein Deo. Der Roller besteht fast zur Hälfte aus dem bösen Material. Rasieren fällt aus. Die Schaumdose hat einen Plastiksprühkopf, der Rasierer selbst ist bis auf die Klingen Vollplastik. So ein Einwegteil aus der Plastiktüte. Ich schäme mich.

Verstoß beim Toilettenpapier

Beim Versuch eines Frühstücks wird es eher noch schlimmer: Letztlich bleibt es bei schwarzem Kaffee und einigen Teelöffeln selbst gekochter Marmelade aus dem Glas. Die Bestandsaufnahme in Kühlschrank, Schrank und Brotbox ergibt: zwei Scheiben Körnertoast in Plastiktüte, Bio-Finnkorn-Toasties in Plastik, Bio-Müsli Krunchy pur aus Dinkel und nur mit Reissirup gesüßt (Öko-Test-Urteil: sehr gut) in – ja genau – Plastiktüte. Bio-H-Milch (1,5 Prozent Fett) im Te­trapack mit Plastikschraubverschluss. Zudem: Paprika-Schafskäsecreme, Hummus, Bio-Käse Frankendammer, Tomaten, Kiwi, Orangensaft. Alles ganz oder teilweise in Plastik verpackt. Dieser Hummus hatte, wenn ich mich recht erinnere, sogar noch eine Schutzfolie unter dem Deckel. Es ist höchste Zeit, einkaufen zu gehen. Immerhin brauche ich keine Margarine. Sie ist in Alufolie eingeschlagen und innen mit etwas beschichtet, das nach Papier aussieht und sich auch so anfühlt. Verstoß gegen die Regeln: Das Toilettenpapier stammt aus einer Zehn-Rollen-Packung in einer Plastikhülle. Das ist mir zu spät eingefallen.


10.30 Uhr: Bin zurück vom Bäcker. Er schlägt das Brot in Papier ein. Außerdem war ich im Drogeriemarkt meines Vertrauens und habe die Hemden aus der Reinigung geholt. Zum Glück hat sich im Bad vorher noch eine wenig benutzte Zahnbürste mit Bambusstiel angefunden. Sie steckte mal in einer Pappschachtel und hat Plastikborsten. Aber das ist ja keine Verpackung. Die chemische Reinigung war ein einziges Desaster. Je vier der zwölf Hemden stecken in einer dünnen Schutzhülle. Kann man nichts machen. Ist das in irgendeiner Reinigung in dieser Stadt anders? Wichtiger: Darf ich die Hemden jetzt überhaupt anziehen?

Aus dem Drogeriemarkt trage ich in einer Jutetasche – aus dem reichhaltigen Beutelbestand in unserem Schrank – Folgendes nach Hause: ein Stück Schwarzkümmelölseife in Papier. Kostet leider 6,99 Euro, lässt sich dafür aber auch zur Rasierschaumzubereitung nutzen. Normale Seife im Pappkarton gab es schon für 60 Cent. Und auch eine günstigere Rasierseife. Aber die hatte – warum auch immer – einen Fuß aus Plastik. Ein Stück Haarseife (statt Shampoo) mit Papierbanderole, Zahncreme in Pappschachtel und Blechtube. Zehn kompostierbare Bio-Papierbeutel für den Müll. Da passen nur zehn Liter hinein, aber ich werde ja künftig kaum noch Müll produzieren. Eine Packung Recycling-Papierhandtücher – gehalten von einer Papierbanderole – kommt auch noch in die Jutetasche.

Gedankenlos Plastik-Einkaufskorb gegriffen

Die Verkäuferin hat meinen Vorsatz gelobt („Gute Idee“) und mir bei der Suche nach plastikfrei verpackten Alternativprodukten sehr geholfen. Sie sagt aber auch, dass es keine gute Idee sei, die Papierhandtücher als Klopapier zu nutzen. „Das löst sich nicht auf und verstopft Ihre Toilette.“ Ich werde probieren, ob sie als Küchentücher taugen. Passen muss die Verkäuferin bei einem Rasierer und Deo. Selbst bei Naturkosmetikprodukten ist an der Glasflasche immer irgendetwas aus Plastik. Da muss ich mir schnell etwas einfallen lassen.

Die Rolle Butterbrotpapier (statt Frischhaltefolie) bleibt im Regal, weil sie in Plastik eingeschweißt ist. Und auch die Öko-Spülmaschinentabs in wasserlöslicher Einzelhülle aus dem Pappkarton lasse ich vorerst im Laden. Darüber muss ich mehr wissen, womöglich würde ich Mikroplastik ins Abwasser spülen. Erst an der Kasse fällt mir auf: Gedankenlos habe ich mir am Eingang einen Plastik-Einkaufskorb gegriffen. Aber das ist ja nicht wirklich eine Verpackung. Dennoch hätte ich die Artikel auch schon im Geschäft in meinen Jutebeutel legen können. Zum Abschied hat die Verkäuferin noch zwei Tipps: In der Filiale in der Rindermarkthalle gibt es Nachfüllstationen für Spülmittel und Flüssigwaschmittel, die man in mitgebrachte Behälter zapfen kann. Und wenn ich nicht die Kundenkarte aus Plastik nutzen möchte, kann ich die App herunterladen. Danke, mal sehen. Bislang bin ich ohne Kundenkarte ausgekommen.

Jetzt bekomme ich aber doch Hunger auf Brot mit Belag, ich muss die Obst- und Gemüseschublade im Kühlschrank auffüllen. Und ich brauche Milch für den Kaffee. Auf in den Supermarkt. Vorher aber noch erneut und diesmal ordentlich die Zähne putzen und endlich duschen. Diese runde Kümmelölseife rutscht dauernd vom Rand in die Wanne. Die Duschgelflasche steht dagegen wie eine Eins. Man muss Kompromisse machen.

Verstoß gegen die Regeln: Die Zahnpastatube aus Blech hat einen kleinen Plastikdrehverschluss. Ich kann aber ja nicht allein mit Wasser putzen, bis ich eine komplett plastikfreie Lösung gefunden habe.


13 Uhr: Im Supermarkt, der in der Werbung behauptet, dass er die Lebensmittel liebt, war ich recht erfolgreich. Zwar sind dort gefühlt 70 Prozent aller Produkte in Verpackungen gesperrt, die ganz oder teilweise aus Plastik bestehen, aber vieles ist – etwas teurer – auch ohne Plastik zu haben. Milch aus der Glasflasche, Obst und Gemüse kann der Kunde in Papiertüten legen, die Bio-Salatgurke ist unverpackt. Weintrauben, Nektarinen und Pfirsiche aber gibt es nur in Plastik. Wurst und Käse auch, der Supermarkt hat keine Frischetheke. Das habe ich nie vermisst. Nun aber habe ich erstmals in meinem Leben als Supermarktkunde zwei verschließbare Boxen dabei, in denen ich Käse und Wurst nach Hause transportieren möchte. Und ja: Es sind Plastikboxen. Die liegen schon lange im Schrank. Sie wegzuwerfen wäre Blödsinn, weil ich dann Plastikmüll erzeugen würde. Zudem weiß ich nicht, ob es solche Boxen aus Bambus, Kork oder sonstigen ökologisch korrekten Materialien gibt, wo ich sie auf die Schnelle herbekommen könnte und ob es hygienisch unbedenklich wäre, Wurst und Käse da hineinzulegen.

Mein Gewissen ist trotz der Plastikboxen rein

Ich ziehe mit meinen Boxen weiter zu einem Supermarkt, der mich als Dein Markt begrüßt und behauptet, seine Produkte seien die beste Wahl. Mein Boxenstopp aber scheitert – und es scheint sogar, als wäre ich der Erste, der mit dieser Idee vor der Frischetheke aufkreuzt. „Machen wir das?“, fragt die Fachverkäuferin ihren Chef mit einem hilfesuchenden Gesichtsausdruck. Sie machen es nicht, der Chef bedauert und bittet um Verständnis: großes Unternehmen, noch keine grundsätzlichen Anweisungen, hygienisch schwierig, ja stimmt, andere machen das, aber auf eigene Verantwortung, im Grundsatz unterstütze man ja durchaus, aber leider, leider ... Ich sage dann auch leider, leider. Hatte gedacht, dass so etwas überall im Handel längst reibungslos abläuft.

Auf dem Heimweg belohne ich mich in der Eisdiele mit einer Kugel Joghurt/Kirsch. „Becher oder Waffel?“ Ohne Zögern antworte ich: „Waffel, bitte!“ Es ist so leicht, sich beim Plastik-Fasten ein Erfolgserlebnis zu verschaffen. Verstoß gegen die Regeln: Mein Gewissen ist trotz der Plastikboxen rein. Obwohl: Was genau ist das für Material auf der Innenseite des Milchflaschendeckels?


17 Uhr: Zeit für ein erstes Tagesfazit. Ich bin überrascht, wie viele Lebensmittel und Artikel des täglichen Bedarfs komplett oder teilweise in Plastik verpackt sind und was ich alles nicht nutzen darf, wenn ich mich strikt an die Regeln halte. Ich bin auch überrascht, dass man einen Alltagsartikel wie Zahnpasta offenbar gar nicht in plastikfreier Verpackung kaufen kann. Und es gibt viele offene Fragen, die es noch zu beantworten gilt: Wo liegt der nächste verpackungsfreie Laden? Wie heißt das Buch mit den praktischen Tipps für das Plastik-Fasten? Gibt es wasserlösliches Plastik? Und: Wie ist das mit dem Milchflaschendeckel?


20 Uhr: Ich habe Heißhunger auf Süßes oder Salziges. In einen der Supermärkte muss ich gar nicht erst radeln. Dort wartet die Plastikhölle im Salzgebäckregal. Die Lösung liegt nahe. Der Kiosk an der Ecke verkauft Naschis aus dem Glasbehälter.

Verstoß gegen die Regeln: Soweit ich weiß keine.

Lesen Sie am Montag: Wie lustig ist ein plastikfreies Familienfest?