Elbphilharmonie

Endlich ein Konzert ohne Röcheln und Räuspern

Elisabeth Leonskaja im Großen Saal der Elbphilharmonie

Elisabeth Leonskaja im Großen Saal der Elbphilharmonie

Foto: DanielDittus

Die Pianistin Elisabeth Leonskaja konnte im Großen Saal ungestört mit Sonaten von Beethoven und Schubert brillieren.

Hamburg.  Christoph Lieben-Seutter, Generalintendant der Elbphilharmonie, hat sich als Moderator von durchschlagender Überzeugungskraft empfohlen. Am Sonnabend wies das Personal die Besucher bereits beim Betreten des Konzerthauses darauf hin, dass für den erkrankten Maurizio Pollini dessen Kollegin Elisabeth Leonskaja einspringe. Lieben-Seutter wiederholte die Mitteilung von der Bühne aus und nutzte die Gelegenheit, um ein paar Selbstverständlichkeiten zu bitten: von Applaus zwischen den Sätzen absehen, und wenn schon husten, niesen oder röcheln, dann möglichst an lauten Stellen. Solche Dinge. Gipfelnd in den goldenen Worten: „Außerdem gehört zur Musik auch die Stille.“

Schönes Motto für die folgenden Stunden. Weil endlich mal niemand die Satzenden zerklatschte, konnte Leonskaja, die Grande Dame ihrer Zunft, die Schlüsse verklingen lassen, als gäbe es so etwas wie Zeit nicht, und mit einer so bezwingend ruhigen Körpersprache zum nächsten Satz übergehen, dass das übliche Anschwellen des Räusperns und Murmelns wie von allein ausblieb. Was für eine Wohltat.

Leonskaja spielte Sonaten von Beethoven und Schubert

Alles andere wäre dieses Programms auch nicht würdig gewesen. Statt der von Pollini ausgewählten Werke von Chopin und Schumann spielte Leonskaja nämlich letzte Sonaten von Beethoven und Schubert. Ihr magisches Verhältnis zur Zeit bestimmte den ganzen Abend. Gänzlich unäußerlich spielte Leonskaja, mühelos gesanglich und ohne Mätzchen in Phrasierung und Artikulation. Ihre flüssige Eleganz brauchte keine dramatischen Stauungen oder Beschleunigungen.

Im einleitenden „Molto cantabile, molto espressivo“ der Sonate As-Dur op. 110 sensibilisierte die Pianistin ihre Zuhörer so, dass das winzige Ansteigen der Erregungskurve bei einer Wendung nach Moll ins Herz traf. So entrückt wirkte der Beginn des dritten Satzes, als hätte Beethoven ihn schon im Himmel verfasst.

Neuer Job für den Intendanten: das Publikum einnorden

Die Sonate c-Moll op. 111 zeigte sich schon mit ihren rabiaten, rhythmisch geschärften Sprüngen als das, was man landläufig unter einem späten Beethoven versteht. Bei den gewitterartigen Läufen langte Leonskaja einige Male daneben, egal. Was zählte, war doch, wie sie das ganze Wüten jäh in einem einzigen Akkord bündeln konnte. Der abschließende Variationensatz führte Pianistin und Hörer tief in die zerklüftete Innenwelt eines an seiner Isolation leidenden Künstlers und glücklich wieder heraus.

Vielleicht braucht es eine solche Abgeklärtheit, um Schuberts Sonate B-Dur D 960 gerecht zu werden. Leonskaja ließ die Musik atmen, spannte die weiten Bögen des Riesenwerks auf und versetzte ihr Publikum schier in Trance. Und als wären es der existenziellen Betrachtungen noch nicht genug gewesen, versenkte sie sich als Zugabe der Extraklasse noch in zwei Petrarca-Sonette von Liszt. Was für ein Glück, dass sich der ganze Saal davon gefangen nehmen ließ. Hoffen wir einfach mal, dass das charmante Einnorden des Publikums ab sofort in des Intendanten Jobbeschreibung aufgenommen wird.

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