Städtevergleich

Warum Hamburg plötzlich nur noch Mittelmaß ist

Der Alsterdampfer Eilbeck unterwegs auf einem Seitenarm der Alster

Der Alsterdampfer Eilbeck unterwegs auf einem Seitenarm der Alster

Foto: Michael Rauhe

Eine Studie sieht die Stadt im bundesweiten Vergleich auf Platz 155. Probleme gibt es unter anderem mit der Sicherheit.

Hamburg. Die meisten Hamburger haben das Gefühl, in einer der schönsten Städte Deutschlands zu leben. Eine neue Studie zeichnet allerdings ein differenzierteres Bild – und zeigt, wo die Hansestadt noch großen Nachholbedarf hat.

Viele Kulturangebote, zahlreiche Grün- und Erholungsflächen in der Stadt, hohe Kaufkraft, eine gute Gesundheitsversorgung und ein Frauenanteil in der Politik, der sich sehen lassen kann – das sind Hamburgs Stärken, wenn man der am Freitag veröffentlichten Untersuchung des Prognos-Instituts für das ZDF glauben kann, die die Lebensqualität in 401 Städten und Kreisen in ganz Deutschland vergleicht. Soweit die guten Nachrichten.

Schlecht schneidet Hamburg in der Vergleichsuntersuchung allerdings in anderen Bereichen ab – allen voran bei den Wohn- und Immobilienkosten, bei der Umweltbelastung und der Sicherheit, der Kinder- und Altersarmut sowie der Verschuldung der öffentlichen Haushalte. Auch insgesamt kann Hamburg kaum damit zufrieden sein, bei der Lebensqualität mit 172 Punkten auf Rang 155 von deutschen 401 Städten und Kreisen zu landen.

Freizeit, Natur, viel Grün – das große Plus

Für die Erhebung des Regionen-Rankings zu den Lebensverhältnissen hat das Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos amtliche Statistiken ebenso ausgewertet wie Daten zu Grundbedürfnissen wie Gesundheit, Wohnen, Versorgung, Arbeit, Sicherheit oder Freizeit. Subjektive Einschätzungen etwa mithilfe von Befragungen seien bewusst nicht einbezogen worden, erklärte Prognos.

Dafür aber die Größe von Parks, Wäldern und Erholungsflächen, die Bar- und Restaurantdichte, die Attraktivität für Touristen, das Angebot an Vereinen und Kulturveranstaltungen, Kinderbetreuungsmöglichkeiten und Arztdichte, Pendlerdistanzen, die Bevölkerungsdynamik und das Bildungsangebot – sowie sogar die Zahl der Sonnenstunden. Insgesamt wurden 53 Kategorien untersucht.

Die ersten drei Plätze belegen der Studie zufolge München, Heidelberg und Starnberg; Schlusslichter sind Duisburg, Herne und Gelsenkirchen. Insgesamt bescheinigt die Untersuchung Deutschland ein Lebensqualitätsgefälle von Süd nach Nord.

Bei den Immobilienpreisen auf Platz 397

In Hamburg wirft die Studie ein Schlaglicht auf die drängendsten Pro­bleme: So landet die Hansestadt bei der Relation zwischen Immobilienkaufpreisen und dem Einkommen der Menschen auf Rang 397 von 401, beim Verhältnis von Mieten und Einkommen auf Platz 385. Auch im Hinblick auf die Wohnfläche, die jedem Einwohner zur Verfügung steht, belegt die Stadt einen hinteren, den 386. Platz.

Mit der Umweltbelastung ihrer Stadt können die Hamburger ebenfalls nicht zufrieden sein: Bei den Jahresmittelwerten von Stickstoffdioxid liegt Hamburg auf Rang 355, bei Feinstaub auf Rang 311. Neben Altersarmut (Rang 396) und Kinderarmut (Rang 330) bietet die Sicherheit in der Großstadt Anlass zur Sorge: So belegt Hamburg bei Wohnungseinbrüchen den 397. Platz, bei Gewaltverbrechen Rang 393 und bei der Zahl der Verletzten und Getöteten im Straßenverkehr Platz 309. Viele der zugrundeliegenden Zahlen stammen allerdings aus 2015 und 2016.

Stormarn ist Dritter bei Arbeit und Wohnen

Sehr viel positiver sieht es im großen Bereich Freizeit und Natur aus, wo Hamburg den 44. Platz aller deutschen Städte und Kreise belegt. Das liegt besonders am Anteil der Wasserflächen (Rang 14) und der Erholungsflächen (Rang 22) am gesamtstädtischen Gebiet. Gut schneidet Hamburg auch beim Angebot klassischer Kulturveranstaltungen mit eigenem Ensemble ab (Rang 22) sowie bei der Zahl der Kulturbeflissenen, die diese Veranstaltungen besuchen (Rang 22). In die Studie eingeflossen ist sogar, wie viele Bücher Hamburger aus Bibliotheken entleihen (Rang 28), leider aber auch die Zahl der Sonnenstunden pro Jahr (Rang 266).

Interessant ist, dass der Kreis Stormarn im Norden Hamburgs in der Studie im Bereich Arbeit und Wohnen mit Rang 3 einen Spitzenplatz belegt. Insgesamt landet Stormarn bei der Lebensqualität auf Platz 160, der Kreis Pinneberg auf Rang 246, Bad Segeberg auf Platz 237 und der Kreis Harburg auf Rang 188.

Glücksatlas sah die Hamburger noch weit vorn

Erst im vergangenen Jahr hatte eine Untersuchung der Londoner Institut Economist Intelligence Unit Hamburg wesentlich positiver beurteilt – und zu den zehn Städten mit der höchsten Lebensqualität weltweit gezählt, vor Sydney und Berlin – auch weil Hamburg bisher vom Terror verschont wurde. Der Glücksatlas der Deutschen Post sah die Hansestadt 2017 auf dem vierten Platz – hinter Schleswig-Holstein, Baden und Niedersachsen/Nordsee. Im Städteranking der Beratungsgesellschaft Mercer landete Hamburg 2017 im Hinblick auf die Lebensqualität unter den Großstädten weltweit auf Platz 19. Minuspunkte erhielt Hamburg wegen der vielen Staus auf den Straßen – und wegen des Wetters.