Prozess der Woche

Zwei Brüder, ein Doppelgänger und das große Verwirrspiel

Der Angeklagte soll einen Mann, mit dem er im Straßenverkehr aneinandergeriet, als Nazi bezeichnet und bespuckt haben.

Hamburg.  Ein bisschen hat die Szenerie etwas vom „Doppelten Lottchen“. Nur dass die zwei „Lottchen“ in diesem Fall keine blonden Engelslocken haben, sondern beide Bart tragen und den gleichen dunklen Kurzhaarschnitt. Übereinstimmende Größe, fast einheitliche Statur, identische Haartracht, ähnliche Gesichtszüge – und derselbe Nachname: Da kann man schon mal ins Schleudern kommen, welchen der beiden Männer man gerade vor sich hat. „Ich war’s nicht“, sagt der eine, dem strafrechtliche Unbill droht. „Ich bin der, den Sie suchen“, offeriert der Bruder. Doch schuldig, nein, das will auch er nicht gewesen sein.

So beginnt vor dem Amtsgericht ein Verwirrspiel um massive Unflätigkeiten und zu viel Körpereinsatz im Straßenverkehr. Angeklagt ist Mustafa O. (alle Namen geändert), der am 12. Dezember vergangenen Jahres einen Mann, mit dem er im Straßenverkehr aneinandergeriet, als Nazi bezeichnet und seien Widersacher bespuckt haben soll. Darüber hinaus habe der 32-Jährige versucht, dem anderen die Fahrertür gegen die Beine zu schlagen und ihn dadurch zu verletzen, so die Vorwürfe weiter.

Mit Wucht die Fahrertür zugeschlagen

„Ich habe nichts damit zu tun“, sagt der Angeklagte, der über das Autokennzeichen als mutmaßlicher Täter ermittelt worden war, mit Unschuldsblick. „Ich bin zwar der Halter des Wagens. Aber an dem Tag war ich nicht damit unterwegs.“ Stattdessen will sein Bruder gefahren sein. Aber auch der insistiert: „ich habe niemanden beleidigt, bespuckt oder verletzt.“

Der Zeuge erzählt, wie es an jenem Tag auf seinem Heimweg von der Arbeit in einer sehr engen Straße zum Eklat kam. „Der entgegenkommende Fahrer ließ mich nicht durch.“ Zudem habe er sich geweigert zurückzusetzen und habe ihn als Nazi beschimpft. Schließlich habe der Wütende mit Wucht seine Fahrertür zugeschlagen. „Ich war mit einem Bein schon raus, konnte es aber gerade noch wegziehen.“ Sonst wäre er verletzt worden. Dann sei der andere über den Bürgersteig weggefahren. Auf Nachfrage beschreibt der 42-Jährige den Täter als südländisch, bärtig, vielleicht Anfang 30, normale Statur, etwa 1,70 Meter groß.

Für die Staatsanwältin ist der Fall klar

Eher nebenbei erzählt der Werbefachmann, dass er vor dem Prozess auf dem Flur von einem Mann angesprochen wurde. „Er sagte, er sei der Angeklagte und fragte, was ich hier mache. Ich sagte ihm, dass ich Zeuge sei.“ Als der Zeuge hört, dass dieser Mann behauptet, er habe die Auseinandersetzung gehabt, schüttelt der Hamburger den Kopf. „Der draußen kann es nicht gewesen sein. Bei ihm hatte ich kein Gefühl von Wiedererkennen. Eher war es der Herr hier auf der Anklagebank. Der passt vom Typ her“, mit einer etwas kräftigeren Statur und einem Gesicht, das eine Spur älter wirke.

Für die Staatsanwältin ist der Fall klar. „Ich habe keinen Zweifel, dass der Angeklagte der Täter war und nicht sein Bruder.“ Was die beiden Männer unterscheidet, habe der Zeuge zutreffend herausgearbeitet. „Und das ist genau das, was bei aller Ähnlichkeit wahr ist.“ Zudem sei glaubhaft, dass der Bruder den Zeugen auf dem Flur nicht erkannt habe. „Sonst hätte er ihn nicht gefragt, was er hier macht.“ Sie wisse nicht, „weshalb die Brüder sich abgesprochen haben. Vielleicht, weil der Angeklagte vorbestraft ist und sein Bruder nicht. Vielleicht war auch die Überlegung, dass sie beide so ungeschoren davonkommen.“ Sie beantragt eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu 10 Euro.

Restaurantbesucherin mit gutem Gedächtnis

Doch das will der Angeklagte so nicht gelten lassen. „Mein Bruder hat den Zeugen erkannt“, insistiert er. Im Übrigen habe er für die Tatzeit ein Alibi. Damals habe er im Restaurant der Familie für die Gäste gekocht. Bestätigen könne das eine Stammkundin. „Die war an dem Tag da und hat mich gesehen.“ Sie komme zuverlässig fast jeden Tag und bestelle stets das gleiche Hähnchen­gericht. „Dafür bewundere ich sie.“ Tatsächlich erscheint am nächsten Verhandlungstag eine 42-Jährige, die versichert, sie habe den Angeklagten am Tattag gesehen, wie er seiner Arbeit als Koch in ihrem Stammlokal nachging. Wieso sie sich genau an den 12. Dezember erinnern könne, haken Staatsanwältin und Richterin nach. Sie wisse noch exakt, dass sie ihre Cousine an jenem Tag vom Restaurant angerufen und ihr zum Geburtstag gratuliert habe.

Eine Überprüfung besagter Verwandter bestätigt: Sie hat tatsächlich an diesem Tag Geburtstag. Damit ist an dem Alibi für den Angeklagten nicht mehr viel zu rütteln. Auch die Staatsanwältin beantragt Freispruch, das Urteil der Richterin fällt entsprechend aus. Der Bruder bekomme möglicherweise noch von der Staatsanwaltschaft zu hören, warnt sie. Es sei, grübelt die Vorsitzende, wegen des Doppelgängers „ein ungewöhnlicher Fall“.