G-20-Ausschuss

Elbchaussee-Mob hinterlässt traumatisierte Kinder

Ein Feuerwehrmann an den Resten eines Autos auf der Elbchaussee. Ein Mob von 220 Personen wütete dort

Ein Feuerwehrmann an den Resten eines Autos auf der Elbchaussee. Ein Mob von 220 Personen wütete dort

Foto: REUTERS / FABRIZIO BENSCH / REUTERS

Erschreckende neue Details zum brandschatzenden Schwarzen Block. Soko-Chef: "Es hätte mit Toten enden können."

Hamburg.  Die Aufarbeitung der G-20-Krawalle ist an einem kritischen Punkt angelangt: Der Sonderausschuss der Bürgerschaft untersuchte den Morgen des 7. Juli 2017, als der Kontrollverlust der Stadt mit dem brandschatzenden Mob auf der Elbchaussee seinen Anfang nahm. Mit erschreckenden Details zeichnete die Polizei eine Gruppe von Unbekannten, die wie Terroristen vorgingen. „Es hätte mit Toten enden können“, sagte Jan Hieber, Chef der Soko „Schwarzer Block“ bei der Polizei.

Nach den Ermittlungen war die Aktion „sehr lange vorbereitet“ und zeitlich abgestimmt. Rückblick: Gegen 7 Uhr an jenem Morgen treffen sich die späteren Täter nach und nach im Altonaer Donnerspark. Sie kommen einzeln oder in Kleinstgruppen, ganz normal gekleidet, aus verschiedenen Richtungen. Darunter sind viele Frauen. Sie sind völlig ruhig, wehren offenbar auch Zufallsgespräche mit anderen Passanten ab. Dann, laut Sokochef Hieber „wie auf Kommando“, legen sie ihre Vermummung an, holen Waffen aus Verstecken. Sie werden zu einem großen Mob von 220 Personen.

Erste Erfolge nach 2. Öffentlichkeitsfahndung

Die Täter scheinen zu wissen, dass genau zu diesem Zeitpunkt fast alle 30.000 Polizisten an anderen Orten „im Gefecht oder gebunden“ sind, wie Gesamteinsatzleiter Hartmut Dudde sagt. Linksextremisten betrieben professionelle „Gegenaufklärung“, heißt es – Sokochef Jan Hieber berichtet von Linksextremen, die mit ihrem Wissen nahezu als „Dozenten für Einsatzlehre“ bei der Truppe arbeiten könnten.

Täter wussten exakt, wann sie ungestört wüten konnten

Um 7.27 Uhr tritt der Mob auf die Elbchaussee. Sie zünden sofort einen großen Brandsatz. Offenbar ein Schutz vor Polizisten, die in ihrem Rücken herbeieilen könnten. Später werden laut Polizei auch Krähenfüße gefunden.

Einige der Täter marschieren mit einem Transparent, geben damit das Tempo vor. In ihrem Schatten werden arbeitsteilig Autoscheiben eingeschlagen, Brandsätze hineingelegt. Unbeirrt wird weitergegangen. Die Täter haben eine ruhige Körpersprache, wirken für Zeugen „fast routiniert“. Sie schlagen die Scheibe eines Geschäftes ein und versuchen es mit einer Leuchtfackel anzuzünden. Nur durch Zufall gerät nicht das gesamte Gebäude in Brand, so Jan Hieber am Donnerstag im Ausschuss.

An der Wache Altona sind fünf Streifenwagen extra stationiert worden. Aber genug ausgebildete Beamte für ein schnelles Eingreifen sind nach Polizeidarstellung für die Situation an diesem Morgen nicht vorhanden. Zwar weiß die Einsatzleitung schnell, dass sich Randale an der Elbchaussee abspielt. Aber einige Minuten vergehen für die Lagebeurteilung. Und die Einheiten aus der Innenstadt lassen sich nach Darstellung von Einsatzleiter Dudde nicht in Richtung Altona bewegen, ohne angegriffen zu werden. Es sind schlicht zu viele Brandherde.

Rakete verpasst Radlerin nur knapp

Eine Passantin filmt die Randalierer an der Elbchaussee mit ihrem Smartphone. Sie wird von Mitgliedern des Mobs angegangen und getreten. Die Täter schießen auch Leuchtraketen nach oben, gefährden damit einen Polizeihelikopter; die herunterfallenden Reste der glühend heißen Pyrotechnik verfehlen eine arglose Radfahrerin laut Polizei nur knapp. Innerhalb weniger Minuten gehen 110 Notrufe bei der Einsatzleitung der Polizei ein.

In der Max-Brauer-Allee spaltet sich der Mob auf, möglicherweise ebenfalls geplant. 120 Vermummte ziehen weiter in Richtung der Großen Bergstraße. Am Bahnhof Altona sind drei Wagen der Bundespolizei geparkt. Zehn bis 15 Randalierer nähern sich, die Scheiben schlagen sie mit einem Zimmermannshammer ein. Sie werfen Molotowcocktails. Ein Beamter sitzt noch in einem der Fahrzeuge, er wähnt sich in Lebensgefahr, wird durch splitterndes Glas leicht verletzt.

Die Täter nehmen sich auch die nahe Ikea-Filiale vor, werfen vier weitere Molotowcocktails, rammen Eisenstangen in die Fassade, entglasen weitere Geschäfte und Bankfilialen. Wenig später und nach genau 19 Minuten der Anarchie endet der Spuk abrupt. Die Täter stieben in verschiedene Richtungen davon, zunächst an nahe gelegene Orte, die sowohl Sichtschutz vor Helikoptern als auch zur Seite bieten. Sie ziehen wieder Alltagskleidung an, flüchten teilweise zwischen Häusern und Gärten hindurch. Auch dies müssen sie im Vorfeld genau ausgekundschaftet haben, glaubt die Polizei. Während hinzugerufene Einheiten um 8 Uhr morgens am Ort der Zerstörung eintreffen, gehen nach heutigen Erkenntnissen mehrere der Täter an der Max-Brauer-Allee entlang – langsam als Pärchen getarnt, als wäre nichts passiert.

Hatten die Randalierer weitere Helfer?

Die Bilanz der Randale an der Elbchaussee: 1,5 Millionen Euro an Schaden, darunter 19 teils vollständig abgebrannte Autos von Anwohnern. Bis heute ist noch keiner der Täter von der Elbchaussee festgenommen worden. Die Folgen der Randale für Anwohner seien aber stark, sagt Jan Hieber: „Ich spreche von traumatisierten Kindern und langfristiger Arbeitsunfähigkeit.“

Die Polizei hat insgesamt 133 Ermittlungsverfahren wegen der Ereignisse an der Elbchaussee eingeleitet, darunter ein Sammelverfahren gegen alle Tatverdächtigen. Möglicherweise kamen sie aus verschiedenen Ländern. Auf Details wollte Jan Hieber mit Rücksicht auf die Ermittlungen nicht eingehen. Innensenator Andy Grote (SPD) sagte, dass es eine naheliegende Frage sei, inwieweit die Täter weitere Unterstützer hatten, um etwa die Örtlichkeiten zur Tatzeit genau zu kennen. "Das ist eine kriminelle Kommandoaktion gewesen, die sich dem Muster annähert, das wir sonst als terroristische Begehungsweise beschreiben würden", sagte Grote.

Hätte die Randale verhindert werden können? Der Verfassungsschutzchef Torsten Voß bestätigte im Ausschuss, dass es im Vorfeld keine Hinweise auf die Aktion gegeben habe. "So konspirativ haben wir es noch nie erlebt“, pflichtete ihm der G20-Einsatzleiter der Hamburger Polizei, Hartmut Dudde, bei. Grote sprach davon, dass es für die Zukunft entscheidend sei, dass man genügend Einblicke in „konspirative“ Gruppen erlange. „Ein Großteil der Schlacht wird dort im Vorfeld geschlagen“, so der Innensenator. Die Randale hinterlasse ein „furchtbares Gefühl“.

Dudde: "Es hat nicht funktioniert"

Gesamteinsatzleiter Dudde sagte, aufgrund der unübersichtlichen Lage seien die „beweglichsten Kräfte“ im Einsatz gehalten worden. „Wir hätten uns dem Mob auch dort gern entgegengestellt“, sagte Dudde im Ausschuss. „Aber es hat nicht funktioniert.“ Polizeipräsident Ralf Martin Meyer räumte ein, dass man von den Straftätern „düpiert“ worden sei.

In der Ausschusssitzung erhob die Linke-Obfrau Christiane Schneider den Vorwurf, dass sich vier verdeckte Polizisten bei der Demonstration „Welcome to Hell“ vermummt und damit womöglich weitere Teilnehmer zu Straftaten aufgefordert hätten. Dies habe einer der Beamten in einem Gerichtsverfahren ausgesagt. Schneider forderte eine umfassende Aufklärung.