Männer in Frauenberufen

Diesen Jugendlichen sind die Geschlechter-Klischees egal

Männliche Azubis in
typischen Frauenberufen:
Shafi Ahadi (l.) und Tunay
Akalp machen ihre Ausbildung
in der Praxis von
Kieferorthopädin
Dr. Luzie Braun-Durlak

Männliche Azubis in typischen Frauenberufen: Shafi Ahadi (l.) und Tunay Akalp machen ihre Ausbildung in der Praxis von Kieferorthopädin Dr. Luzie Braun-Durlak

Foto: Marcelo Hernandez / HA

In Hamburg sind viele Lehrstellen unbesetzt. Das Abendblatt traf Jugendliche, die Vorurteile nicht interessieren.

Hamburg.  Auf den ersten Blick könnte man ihn für einen Patienten halten. Mit Jeans, Shirt und Turnschuhen sieht er so aus wie viele der anderen Jugendlichen, die in der Kieferorthopädischen Praxis ein und aus gehen. Doch Tunay Akalp, 17 Jahre jung, ist keiner von ihnen. Er macht hier seine Ausbildung – als Zahnmedizinischer Fachangestellter, oder, wie es früher hieß: Zahnarzthelfer. Dass er damit ein Exot ist und sich manchmal blöde Sprüche anhören muss – Tunay Akalp macht eine wegwerfende Handbewegung. Ist ihm egal. Sollen die anderen doch ruhig reden, er nimmt das kaum wahr. Er macht einfach sein Ding.

Sein Ding, das ist eine Ausbildung in einem Frauenberuf, wie es umgangssprachlich heißt. Auch wenn sich Experten wie Joachim Gerd Ulrich gegen Bezeichnungen wie diese wehren und von „weiblich und männlich dominierten Berufen“ sprechen. Joachim Gerd Ulrich ist Mitarbeiter des Bundesinstituts für Berufsbildung (RIBB), das jährlich ermittelt, welche Berufe vorwiegend von Frauen und welche vorwiegend von Männern ergriffen werden. Die Experten verwenden diese Kategorisierung bei Berufen, die mindestens zu 80 Prozent von einem Geschlecht dominiert werden. Auf dem zweiten Platz der weiblich dominierten Berufe liegt (nach der Kosmetikerin) die Zahnmedizinische Fachangestellte. Dort beträgt der Anteil der weiblichen Azubis stolze 98,1 Prozent.

Das niedrige Gehalt schreckt ab

Obwohl sich die Arbeitswelt im Wandel befindet, halten sich die Geschlechterklischees bei der Berufswahl hartnäckig. Und das seit Jahren. Das hat eine Untersuchung des RIBB ergeben. Demnach ist der Anteil der jungen Frauen in männlich dominierten Berufen zwischen 2004 und 2015 lediglich durchschnittlich um 0,2 Prozentpunkte pro Jahr gewachsen. Das heißt: In dieser Zeit ist der Anteil von Frauen, die eine Ausbildung in einem für ihr Geschlecht untypischen Beruf machen, um zwei Prozentpunkte gestiegen. Laut Experten ist das nicht viel, aber zumindest sei ein positiver Trend erkennbar gewesen. Bei Männern in Frauenberufen gibt es hingegen kaum Veränderungen.

Zu den Ausnahmen zählen nur jene beiden Frauenberufe (Justizfachangestellte, Milchwirtschaftliche Laborantin), deren Vergütung zumindest über dem Durchschnitt aller Berufe liegt. Hier hat sich der Männeranteil seit 2004 signifikant erhöht: Im Schnitt um 0,4 Prozentpunkte pro Beruf und Jahr. Die Vermutung der Experten des RIBB: Da ein hohes Einkommen für die jungen Männer tendenziell noch eine größere Rolle spielt als für junge Frauen, liefert ihnen die niedrige Vergütung in vielen Frauenberufen Grund genug, diese meist nicht zu wählen.

Männliche Azubis in der Überzahl

Bestes Beispiel ist die Zahnmedizinische Fachangestellte. „Von dem Gehalt kann kaum ein Mann seine Familie ernähren“, sagt Bettina Heitmann, Ausbildungsbeauftragte der Zahnärztekammer Hamburg. Das Gehalt von Zahnmedizinischen Fachangestellten liegt nach der Ausbildung bei rund 1.800 Euro brutto und steigt mit Zunahme der Berufsjahre auf bis zu knapp 3000 Euro an. Und damit zahlt Hamburg sogar deutlich über der tariflichen Empfehlung.

Ein Einzelfall ist Tunay Akalp dennoch nicht. Bei der Kieferorthopädin Dr. Luzie Braun-Durlak sind die männlichen Azubis derzeit sogar in der Überzahl. Ein Phänomen! Auch wenn die Kieferorthopädin das selbst als völlig normal empfindet. Für sie spielt es keine Rolle, ob ein Azubi männlich oder weiblich ist. Hauptsache, er ist engagiert. Aus diesem Grund hat sich Luzie Braun-Durlak auch sofort für Azubi Shafi Ahadi (20) entschieden, der selbst einer ihrer Patienten war.

Als Mannweib verschrieben

„Als ich mitbekommen habe, wie sehr er sich für unsere Arbeit interessiert und dass er überlegt, eine Ausbildung in dem Bereich zu machen, habe ich kurzentschlossen gesagt: Dann komm doch zu uns!“, erinnert sich die Kieferorthopädin. In der Berufsschule gibt es zwar noch mehr Männer – doch insgesamt ist die Zahl der Zahnmedizinischen Fachangestellten in Hamburg seit Jahren gleich hoch. Oder gleich gering. Nach Angaben der Zahnärztekammer kommen auf 250 bis 300 Azubis, die jeweils im Sommer ihre Ausbildung beginnen, durchschnittlich ein bis drei Männer.

Das Problem: „Bei der Berufswahl ist für Jugendliche weiterhin nicht nur entscheidend, welche Tätigkeit sie gut und interessant finden – sondern auch, wie sie in diesem Beruf wahrgenommen werden. Ob Frauen dann als Mannweib verschrieben werden und Männer als Softies gelten. Das möchten viele unbedingt vermeiden. Viel hängt somit davon ab, dass sich gerade das eigene soziale Umfeld aufgeschlossener zeigt gegenüber geschlechtsuntypischen Berufswahlen“, sagt Joachim Gerd Ulrich. Es ginge nie nur um den Beruf. Sondern auch um die Identität und das Prestige. Die Situation werde dadurch erschwert, dass es sich bei den männlich und weiblich dominierten Tätigkeiten um Berufe handele, die verstärkt von Jugendlichen mit eher niedrigem Bildungsniveau besetzt würden.

21 Berufe, die weiblich dominiert sind

„Und für diese Jugendlichen und ihr soziales Umfeld spielt eine Berufswahl, die vermeintlich zum eigenen Geschlecht passt, sogar noch eine größere Rolle als zum Beispiel für Studienberechtigte“, so Experte Ulrich. Für Tunay Akalp und Shafi Ahadi hat all das jedoch keine Rolle gespielt. Für sie war entscheidend, dass der Job Spaß macht und sie eine vielfältige Arbeit haben – Rollenklischees hin, gesellschaftliche Reputation her.

Nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung gibt es 21 Berufe, die weiblich dominiert sind – und mehr als 100, die als männlich dominiert gelten. Zu den umgangssprachlichen Frauenberufen gehören außer der Zahnmedizinischen Fachangestellten auch Floristen (Frauenanteil 94,5 Prozent), Tiermedizinische Fachangestellte (94,3 Prozent) und Rechtsanwaltsfachangestellte (92,8 Prozent). Und auch wenn es in einigen Berufen eine langsamen Wandel gibt, bleiben Männer in den meisten weiblich dominierten Berufen eine Ausnahme – vor allem im medizinischen Bereich.

Freiwilliges Soziales Jahr hat Kevin geprägt

Das bestätigt auch Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Ärztekammer Hamburg und der Bundesärztekammer. Seit 2015 wurden für den Beruf des Medizinischen Fachangestellten lediglich 31 Ausbildungsverhältnisse für Männer eingetragen. „Die Zahlen sind leicht steigend. Allerdings bleibt der männliche Medizinische Fachangestellte bei aktuell insgesamt 1163 eingetragenen Ausbildungsverhältnissen nach wie vor die Ausnahme“, so Montgomery. Einige männlichen Azubis nutzten die Ausbildung zum Medizinischen Fachangestellten zudem als Sprungbrett zur weiterführenden Ausbildung oder als Überbrückung bis zum Studium.

Aber nicht Kevin Dähnrich. Der 25-Jährige hat sich bewusst für die Ausbildung zum Medizinischen Fachangestellten entschieden. Ein Studium kommt für ihn nicht in Frage. Auslöser für eine Ausbildung im medizinischen Bereich war vor allem sein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Diakonie, wo er schwerstbehinderte Menschen betreut hat. Obwohl er dort auch heute noch jobbt, war ihm schnell klar, dass das kein Beruf ist, den er sein Leben lang machen kann. „Das war einfach zu pflegerisch und belastend“, sagt er.

Aus diesem Grund hat er sich auch gegen eine Ausbildung zum Krankenpfleger und für eine Ausbildung als Medizinischer Fachangestellter beim Orthopäden entschieden. Klar, am Anfang habe er sich schon Gedanken gemacht. „Da ich aber das Bedürfnis hatte, Menschen zu helfen und im medizinischen beziehungsweise sozialen Bereich zu arbeiten, ist mir die Entscheidung dann doch leicht gefallen“, sagt Kevin Dähnrich. Auch, weil sein bester Freund ebenfalls eine Ausbildung zum Medizinischen Fachangestellten macht und es im Orthopädikum Neuer Wall noch einen zweiten männlichen Azubi gibt. Da stört es nicht, wenn er manchmal „Der Hahn im Korb“ ist, wie er es nennt.