Muttertag

Karriere trotz Kind: Was fünf Hamburgerinnen berichten

Alles im Griff: Franziska Ebertowski leitet eine Agentur mit vier Mitarbeitern und ist gleichzeitig die natürlich weltbeste Mama für ihre Kinder Emma (9), Lena (7) und die Zwillinge Til (2) und Fee (2)

Alles im Griff: Franziska Ebertowski leitet eine Agentur mit vier Mitarbeitern und ist gleichzeitig die natürlich weltbeste Mama für ihre Kinder Emma (9), Lena (7) und die Zwillinge Til (2) und Fee (2)

Foto: Andreas Laible / HA

Demütigungen, Mobbing: Leider wird manchen Müttern der Wiedereinstieg nach einer Babypause sehr schwer gemacht.

Niemand hier will klagen. Keine dieser Frauen gehört in die Kategorie „Jammer-Mami.“ Sie sind alle motiviert, engagiert, lieben ihre Kinder von Herzen, und schlagen in puncto Energie und Ausdauer jeden Duracell-Hasen. Keine „Opfer“ also, wie die Rapper schimpfen würden. Dennoch mussten diese Frauen hart einstecken in ihrem Job. Warum? Weil sie ein Kind bekommen haben.

Tanja Haberkorn arbeitet seit zehn Jahren als angesehene Teamassistentin in einem Unternehmen, als sie schwanger wird und ihren Chef fragt, ob sie nach der Elternzeit ihre Arbeitsstunden halbieren könne für das halbe Gehalt. Seine Reaktion: „Halbes Gehalt? Mach dir doch nichts vor: Du wirst dich mit Kind ständig krankmelden.“ „Damals hätte ich schon ahnen können, dass es nach 15 Monaten Elternzeit nicht einfach für mich werden würde“, sagt Haberkorn. Aber so schwer, dass sie irgendwann nur noch mit Bauchschmerzen zur Arbeit gehen kann?

Subtile Fertigmache

Eine Nachfolgerin hat Haberkorns alte Position besetzt, die „zurückgekehrte Mutti“ wird an einen neuen Standort des Unternehmens geschickt. Kein Pro­blem, denkt sie, baue ich mir dort eben alles wieder neu auf. Aber die kinderlosen Kollegen lassen keine Gelegenheit aus, sie immer wieder subtil zu sticheln. „Ach, du musst schon wieder nach Hause gehen? Halben Tag freigenommen, was?“

Haberkorns Arbeitszeiten liegen ganz offiziell zwischen 9 und 14 Uhr. „Ich muss meinen Sohn um Punkt 15 Uhr von der Kita abholen, jedes Meeting, das länger dauerte, bedeutete Stress“. Vor allem, weil ihre Nachfolgerin kein Verständnis für eine Halbtagskraft zu haben scheint. Unterschwellig suggeriert sie Haberkorn, ihre Arbeit in der Zeit nicht mehr vernünftig leisten zu können. „Wenn andere es nicht schaffen, muss ich das eben übernehmen“, lautete sinngemäß ein Chateintrag im internen Kommunikationssystem der Firma. „Jeder wusste, dass ich damit gemeint war“, erzählt die Hamburgerin.

Niemals hätte sie gedacht, irgendwann einmal ein Mobbingopfer zu werden. „Ich bin an sich eine starke Frau, aber plötzlich war ich mitten drin in dieser subtilen Fertigmache. Es wurde immer unangenehmer. Als hätte jemand mit dem Finger geschnippt: Die ist jetzt Mama, weg mit der, nehmen wir besser eine Neue.“ Ständig wurde Haberkorn an einen anderen Arbeitsplatz gesetzt, am Ende hatte sie einen Meter am Empfangsbereich.

Haberkorn will sich nicht geschlagen geben, sie lässt sich anschreien, ohne eine Träne zu vergießen, hetzt nach derlei Erlebnissen zur Kita und versucht, auf dem Spielplatz zu lächeln. Irgendwann gelingt es nicht mehr. An einem Sonntagabend spielt sie mit ihrem Sohn, als ihr plötzlich Tränen über das Gesicht laufen. „Aber Mama, was hast du denn?“ fragt ihr Sohn ängstlich. Da wusste sie, sie muss raus. Doch wie geht es weiter?

Eigenes Unternehmen

Der Mitarbeiter beim Arbeitsamt macht ihr wenig Hoffnung: „Halbtags wollen sie ja alle“. Selbst dieser Motivations-Gau hält sie nicht ab, Bewerbungen zu schreiben, und nach den ersten Rückmeldungen weiß sie: Geht doch! „Wir Mütter denken immer, wir müssen etwas aushalten. Aber das stimmt eben nicht“, sagt die heute 43-Jährige.

Sie führt inzwischen ein eigenes Unternehmen für Office-Management, hilft anderen, ihren Papierkram auf die Reihe zu bekommen. Einem ihrer ersten Kunden, einem Handwerker, zeigte sie Außenstände von insgesamt 10.000 Euro auf. „Er war so glücklich, als ich ihm geholfen habe, aber viel glücklicher war ich, weil meine Arbeit endlich wieder geschätzt wurde“, sagt Haberkorn. Sie hat mit zwei Freundinnen ein Netzwerk aufgebaut: Die BusinessMoms treffen sich regelmäßig, um über ihre Doppelbelastung als Mutter und Arbeitnehmerin zu sprechen, über den Strom, unter dem sie permanent stehen.

Reden und Netzwerken

Reden und Netzwerken seien die wichtigsten Waffen im Bemühen für eine bessere Zukunft, findet Haberkorn: „Ich hoffe, die nächste Generation an Müttern muss sich nicht mehr so blöde Sprüche anhören wie wir – und dass arbeitende Mütter irgendwann gleichberechtigt sind. Das sind sie im Jahr 2018 nämlich noch lange nicht.“ „Dem muss ich leider zustimmen“, sagt Miriam Wiederer. Die 43-Jährige hat zwei Kinder, und wenn eines davon krank wird oder die Kita geschlossen ist, dann kümmert selbstverständlich sie sich darum, die Zeit zu Hause zu überbrücken.

Die Vorstellung, die Mutter und nicht der Vater verantworte in erster Linie die Betreuung des Nachwuchses, sei in der Gesellschaft tief verankert, findet Wiederer, die dafür auch einen Grund nennt: der Pay-Gap zwischen Mann und Frauen: „Würden Frauen genauso viel verdienen wie Männer, dann würde unsere Leistung endlich als genauso wichtig eingestuft. Weil der Mann aber meistens mehr verdient, bleibt vielen Müttern nur der Weg in die Teilzeit,“ sagt Wiederer. „Und was das bedeutet, dass weiß jede Mama: Ein Acht-Stunden -Arbeitstag wird plötzlich in einen Fünf-Stunden-Arbeitstag gequetscht, und abends, wenn alle schlafen, setzt man sich mit müden Augen wieder an den Rechner“, sagt Marion Scheithauer, Mutter einer Dreijährigen und Kollegin von Miriam Wiederer.

Die beiden haben gemeinsam mit der Dritten im Bunde, Sara Urbainczyk, vor zwei Jahren den Blog „Echte Mamas“ gegründet, auf dem sie schreiben „für alle Mamas, die ihre Kinder mehr lieben als alles andere und trotzdem vom Leben manchmal in den puren Wahnsinn getrieben werden.“ Mit der ehrlichen Art, Probleme zu benennen, wurde der Blog zu Deutschlands größter Online-Community für Mütter; kürzlich haben die drei Hamburgerinnen auch ein Buch herausgebracht: „100 echte Mama-Fragen – das perfekte Buch für nicht perfekte Mamas.“ Darin werden viele Fragen zum Umgang mit dem Baby geklärt, aber auch, wo es finanzielle Unterstützung gibt, oder welche Rechte ich als Mutter habe, wenn ich in Elternzeit wieder in Teilzeit arbeiten möchte.

Sie selbst sei nicht gut genug informiert gewesen, erzählt Marion Scheithauer, als sie nach der Geburt ihrer Tochter wieder in ihren Job zurückkehren wollte. So geht es laut Scheithauer auch vielen anderen Frauen: „Ich höre oft von Müttern aus unserer Community, dass der Arbeitgeber dreist behauptet, ihre alte Position könnten sie nur Vollzeit wieder einnehmen, eine Teilzeitregelung sei nicht möglich. Sie könnten versuchen, dagegen zu klagen, aber ob sie dann noch in diesem Unternehmen glücklich würden?“

Das Risiko des Karriereknicks

Es sind Vorgesetzte wie diese, die es Müttern heutzutage fast unmöglich machen, ein Kind zu bekommen, ohne damit einen Karriereknick zu riskieren. Sie wissen auch, dass die wenigsten Frauen über die finanziellen Mittel und die Kraft für einen Rechtsstreit verfügen, wenn sie gerade ein Baby auf dem Arm tragen.

„Ich habe ein Au-pair eingestellt und wieder 40 Stunden gearbeitet. Da mein Kind noch so klein war, ist das Au-pair mittags mit meiner Tochter zu mir in den Job gekommen, damit ich sie während der Pause sehen konnte. Das bricht einem als Mutter das Herz. Rückblickend hätte ich mich gern früher selbstständig gemacht oder auf einer Teilzeitregelung beharrt“, erzählt Scheithauer.

„In unseren Beratungsgesprächen merken wir immer wieder, dass vielen Müttern nach einer Auszeit das berufliche Selbstvertrauen fehlt und sie sich deshalb nicht so stark verkaufen, wie sie es könnten,“ sagt Cornelia Heckermann von der KWB Koordinierungsstelle Weiterbildung und Beschäftigung e. V. (siehe Infokasten). Heckermann kennt viele Fälle, in denen „Unternehmen ihre arbeitszeitlichen Vorstellungen konsequent durchsetzen wollen und zu keinerlei familienfreundlichen Kompromissen bereit sind.“ Die Koordinierungsstelle versucht, Berufsrückkehrer zu unterstützen.

Schweiß und Tränen

Eine der Frauen, die bei Heckermann Rat suchten, war Sonia Rademann. Sie bekam ihren Sohn während der Ausbildung und fand plötzlich Post in ihrem Briefkasten. Ihr Studiendirektor hatte ihr geschrieben: „Sie sollten sich jetzt voll auf Ihre Rolle als Mutter konzentrieren. Ich denke nicht, dass Sie in der Lage sind, das Studium zu beenden.“ Für Rademann eine Katastrophe: „Ich wusste nicht ein noch aus! Von der Ausbildung hing alles für mich ab.“

Der ersten Verzweiflung folgte der Wille, es an einer anderen Schule zu versuchen. „Mit viel Schweiß, Tränen und durchgemachten Nächten habe ich meinen Abschluss als Grafikdesignerin doch geschafft. Trotz Kind“, sagt Rademann. Die 36-Jährige glaubt, dass noch viel getan werden müsste, um Müttern das Arbeiten zu erleichtern: „Von Homeoffice profitieren alle, auch der Arbeitgeber, weil es die Effizienz und Motivation der Mitarbeiter fördert. Ich glaube, dass der Staat Unternehmen in die Pflicht nehmen sollte, ihre Arbeitszeiten menschen- und familienfreundlich zu gestalten!“ erklärt Rademann. „Ich gehe morgens mit meinem Kind raus und komme abends völlig k.o. nach Hause. Wo bleibt die Zeit zu leben? Es geht nur darum, zu funktionieren.“

Der Feind in den eigenen Reihen

Manchmal ist aber gar nicht der Arbeitgeber das Problem, sondern der eigene Mann. Als Franziska Ebertowski eines Tages nach Hause kommt, ändert sich ihr ganzes Leben. Was genau vorfällt, bleibt ihr Geheimnis, aber die Konsequenz lautet: Trennung von ihrem Mann. Ihre beiden gemeinsamen Kinder waren noch sehr klein, und aus dieser Position heraus verhandelt sich eine Trennung für eine Frau ganz schlecht.

Sie geht auf den Vorschlag ihres Mannes ein, sich für die Scheidung einen gemeinsamen Anwalt zu nehmen, doch sie rät rückblickend jedem davon ab. „Wir Frauen sind manchmal zu naiv, wir denken, der hat mich ja mal geliebt, ich bin die Mutter seiner Kinder, der wird immer fair zu uns sein, aber so ist es eben nicht“, sagt die 38-Jährige. Sie verliert viel Geld und steht plötzlich mit zwei kleinen Kindern alleine da, denn ihr Ex verlässt nicht nur ihr Leben, sondern auch die Stadt.

Okay, denkt sie, keine Zeit für Wunden lecken, jetzt gilt es, alles von vorne aufzubauen. Sie baut in Schnelsen einen Konzeptstore für Gastronomie und Einzelhandel auf, verliebt sich neu in den Vater einer Tochter und wird wieder schwanger. Als der Arzt dem Paar mitteilt, dass es Zwillinge erwartet, schauen sie sich kurz an und sagen: „Wow! Bald sind wir zu siebt!“ Fünf Kinder zu haben, das ist ein Traum, aber auch eine Herausforderung an Organisation und Logistik für Eltern, die beide arbeiten müssen und wollen.

Drei Tage nach Geburt wieder am Arbeitsplatz

Franziska Ebertowski steht bis wenige Stunden vor der Geburt im Laden, die Zwillinge kommen an einem Montag zur Welt, und am Donnerstag bedient sie bereits wieder Kunden. „Kinder zu bekommen bedeutet meiner Meinung nach nicht, dass man ab dann zu Hause sitzt und der Mann die ganze Kohle ranschafft“, sagt Ebertowski. Sie wollte immer unabhängig sein und ist fest davon überzeugt, dass es manchen unzufriedenen Müttern besser ginge, wenn sie arbeiten gingen, anstatt nur den Haushalt zu führen und monetär vom Gatten abhängig zu sein. „Jeder ist für sein eigenes Glück zuständig, ein Ehemann ist keine Altersvorsorge“, sagt Ebertowski.

Ihr neuer Mann nimmt Elternzeit und kümmerte sich ein Jahr lang um die Zwillinge, doch Ebertowski merkt dennoch, dass ihr Job im Einzelhandel und fünf Kinder miteinander schwer zu vereinbaren sind. Also erfindet sie sich ein drittes Mal neu und gründet Finest Blogger. Die Agentur soll eine Schnittstelle für Kooperationen zwischen Blogger und Unternehmen sein und läuft inzwischen so gut, dass die Chefin vier Mitarbeiter einstellen konnte.

Flexibel reagieren

Influencer-Marketing boomt, Ebertowski weiß, wie es geht, sie weiß aber auch Prioritäten zu setzen und flexibel zu reagieren. Sonntags planen ihr Mann und sie die Woche. Wer hat welche Meetings, wer holt wann die Kinder von der Kita und der Schule ab? „Da werden unsere Diskussionen schon mal lauter, denn natürlich findet jeder seine beruflichen Termine wichtiger“, sagt Franziska Ebertowski. „Doch wir haben uns beide vorgenommen, uns selbst um unsere Kinder zu kümmern und ab nachmittags für sie da zu sein, also finden wir am Ende immer eine Lösung.“

Anstrengend sei heute nur, gerecht auf alle Bedürfnisse einzugehen. Die Zweijährigen leiden beispielsweise unter Zahnschmerzen, die Siebenjährige streitet sich mit ihrer besten Freundin, und die Älteren wollen keine Hausaufgaben machen, während ein neuer Kunde anruft. „Als Mutter alle Themen, die familiären und beruflichen, im Kopf zu sortieren und für alle immer genug Zeit zu finden, das ist und bleibt eine Herausforderung.“