Innovation

Hamburgs Hightech-Grill – die Idee kommt aus Afrika

Durch eine ausgeklügelte Technik soll das Fleisch besonders lecker werden. Verkauf startet jetzt im Internet.

Hamburg.  Es zischt – und zwar so richtig. Sofort verbreitet sich ein angenehmer Geruch. So wie es nur riechen kann, wenn das erste Stück Fleisch auf einem Grill landet. Wenn sich Appetit mit Vorfreude mischt. Die Glut ist perfekt. Christian Knütel legt Fleisch nach. Und wieder zischt es. Dann kurbelt er den Rost etwas höher. Jetzt noch ein paar Würstchen. Es ist genug für alle da.

Ohne Frage, der Mann will grillen. Und zwar richtig. Mit Holzkohle, Stil und Geschmack. „Das fing in unserem Freundeskreis schon in der Schulzeit an“, sagt Knütel, der im Hauptberuf Rechtsanwalt ist. Anfangs im elterlichen Garten, später auf Reisen probierten sie vieles aus: Vom dreibeinigen Billigmodell bis zum schicken Gasgrill. „Aber keiner war gut genug“, sagt Georg Paulsen. Er ist Ingenieur und arbeitet als Projektmanager in einem Elmshorner Unternehmen.

Frust war treibende Kraft

Gemeinsam mit einem weiteren Freund beschlossen die beiden schließlich, mit über 40 Jahren das Start-up Grillwerk zu gründen und selbst einen Holzkohle-Grill zu produzieren. Wenn man so will, aus Frust. So ist das Modell Kenia entstanden, ein Luxus-Grill aus Edelstahl. Variable Luftzufuhr auf dem Kohlerost, stufenlos um zwölf Zentimeter verstellbar, von innen belüftet, wackelfreie Füße und besonders schnell montiert – das ist die Kurzbeschreibung des neuen Supergrills.

Die Idee dazu hat auch mit einem Zufallsfund zu tun. Knütel hatte an seinem früheren Wohnort in Frankfurt bei Nachbarn im Garten einen verrosteten Straßengrill entdeckt, den diese aus Kenia mitgebracht hatten. „Ein ganz einfaches Exemplar aus Stahl“, erinnert sich der 46-Jährige. Beim Testgrillen zeigte sich Verblüffendes: Das Gerät ließ sich im Handumdrehen mit Zeitungspapier anheizen, entwickelte dank einer ausgeklügelten Belüftung schnell Hitze.

Etwas Archaisches

Der Grillrost war zudem mit einer alten Fahrradkette höhenverstellbar. Keine komplizierten Schächte und Schlitze, keine Deckel und Schubladen. Einfach ein Grill, der funktionierte. Und das perfekte Vorbild. „Wir beschlossen, das Modell zu unserer Vision eines ultimativen Grills weiterzuentwickeln“, sagt Georg Petersen. Ein Kohlegrill natürlich, „weil das so etwas Archaisches hat“.

Grill-Saison in Hamburg: Das sollten Sie wissen

Das war vor zehn Jahren. Sie schalteten Studenten der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe ein, redeten mit Blechbauern und brüteten stundenlang über technischen Zeichnungen – immer neben dem Job, nach Feierabend. „Es war deutlich komplexer, als wir uns das vorgestellt hatten“, sagt Georg Paulsen, der mit Familie im Hamburger Westen lebt. Und es dauerte auch deutlich länger. Schließlich hatten sie eine erste Version, die sich aber als zu kompliziert und teuer entpuppte.

Duo startete einen Neuanfang

Er habe damals, sagt Perfektionist Paulsen, Zweifel gehabt, ob das Grill-Projekt noch etwas werden kann. Inzwischen hatten sie eine sechsstellige Summe in die Entwicklung gesteckt. Der dritte Partner stieg aus. Knütel und Paulsen machten weiter, auch „damit nicht alles umsonst gewesen ist“.

Das Gründer-Duo startete einen Neuanfang, kleiner und noch puristischer. Wieder wurde getüftelt und getestet. Motto: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Mit einem Metallverarbeitungsbetrieb in Uetersen entwickelten sie Prototypen. Seit Anfang des Jahres ist die dritte Generation ihres Kenia-Grills fertig. Und endlich so, wie sie sich ihn vorgestellt haben: aus Edelstahl und Eiche, gut 80 Zentimeter hoch, mit großer Grillfläche und gut 50 Kilo schwer. Jedes Detail haben die Grill-Enthusiasten durchdacht. Die Radkette für die Höhenverstellung etwa ist durch eine moderne Scherenmechanik ersetzt.

„Es ist ein Liebhaberstück“

„Es ist ein Liebhaberstück, und unverwüstlich“, sagt Christian Knütel. Dazu noch leicht zu reinigen. Mit Kompagnon Paulsen steht er unter einem Baum in seinem Garten in Groß Borstel und sieht ziemlich zufrieden aus. Die erste Runde Grillfleisch ist inzwischen aufgegessen. Die Kohle glüht. „Wir trauen uns jetzt, mit unserem Produkt an die Öffentlichkeit zu gehen“, sagt Ingenieur Paulsen. Das Design haben sie sich patentieren lassen. Jetzt soll ihr Grill in Serie gehen, produziert wird bei Firmen im europäischen Ausland.

Größer, edler und viel Hightech: Die Deutschen lieben Grillen. Kaum scheint die Sonne, schmeißen sie ihre Grills an. Gegrillt werden edeles Fleisch, Gemüse und natürlich Bratwürste in allen Varianten. Dabei ist das richtige Brutzel im Freien längst eine Wissenschaft für sich, über die – vor allem Männer – endlos diskutieren können. Es gibt Grillschulen, Grill-Meisterschaften und natürlich Spezialgeschäfte für Grill-Zubehör. Jahrelang hatte der Trend der Branche Wachstumsraten im zweistelligen Bereich beschert. Und auch wenn aus Sicht von Beobachtern eine Marktsättigung beziehungsweise hohe Ausstattungsquote der Haushalte erreicht ist, wächst der Grillmarkt weiter.

Auf das Material gibt es 20 Jahre Garantie

Knapp 1,3 Milliarden Euro wurden laut dem Kölner Handelsforschungsinstitut IFH in Deutschland 2017 für Grillgeräte, Brennstoffe und vieles mehr rund ums Grillen ausgegeben. Das sind 1,9 Prozent mehr als 2016. „Das Zubehörgeschäft wird immer wichtiger“, sagt IFH-Berater Christian Lerch. Besonders stark hätten sich Gasgrillgeräte entwickelt. Aber auch der Zweitgrill für unterwegs wird gekauft. Dabei reicht das Preisspektrum vom klassischen Holzkohlerundgrill aus dem Baumarkt für zehn Euro bis zur Outdoor-Küche für mehrere tausend Euro.

Die Grillwerk-Gründer setzen auf Tradition und Qualität – und liegen deutlich im Premiumsegment. Ihr Modell Kenia kostet stolze 2995 Euro. Dafür gibt es 20 Jahre Garantie auf das Material. „Wir sehen unseren Grill als Familienanschaffung, die sich wie eine Uhr vererben lässt“, sagt Knütel. Es sei nicht nachzuvollziehen, das eine Nation wie Deutschland, die wie kaum eine andere für Ingenieurs- und Blechverarbeitungskunst stehe und zugleich so grillbesessen sei, so wenige ansprechende Grills produziere. Erste Anfragen haben die Start-up-Unternehmer schon für ihr Modell, das im Internet über Grillwerk.de erhältlich ist. Die Basisversion kann individualisiert werden, mit Namensgravur oder auch in bestimmten Farben.

Präsentationen in Spezialgeschäften geplant

Für die nächste Zeit sind Grill-Vorführungen auf Messen und Präsentationen in Spezialgeschäften geplant. „Man muss unseren Grill sehen“, sagt Gründer Knütel und wendet die nächsten Steaks auf dem Rost. Als er eines auf den Teller seines Partner Paulsen legt, offenbaren sich dann doch noch Unterschiede bei den Vorlieben der Männer am Grill: der eine mag es blutig, der andere lieber medium. Hauptsache Fleisch. Aber auch das könnte sich bald ändern. Knütels Frau und sein ältester Sohn machen gerade ihren Angelschein.