Hamburg

Fernwärme: Vattenfall geht auf Stadt zu

Streit mit rot-grünem Senat: Konzernchef Tuomo Hatakka sieht Kohlekraftwerk Moorburg als Übergangslösung

Hamburg. Er kam in friedlicher Absicht und sagte freundliche Worte: Tuomo Hatakka, Vorstandsvorsitzender von Vattenfall Europe, hat sich am Mittwochmorgen vor Journalisten erstmals zum heftigen Streit zwischen dem rot-grünen Senat und seinem Unternehmen über die Zukunft der Fernwärme geäußert. Die Stadt will das Fernwärmenetz von dem schwedischen Energieversorger zurückkaufen, um den entsprechenden Volksentscheid umzusetzen. Erheblichen Dissens gibt es nicht nur über die Höhe des Kaufpreises, sondern auch darüber, welche Rolle das Vattenfall-Kohlekraftwerk Moorburg bei der Fernwärmeerzeugung spielen soll. Nach dem Willen der Grünen soll Moorburg als „Klima-Killer“ gar nicht beteiligt werden.

„Wir haben mit der Stadt ein gemeinsames Ziel: Wir wollen den Anteil erneuerbarer Energie erhöhen, und wir diskutieren mit der Stadt über den besten Weg“, sagte Hatakka. „Wir sind in einem konstruktiven Dialog, und ich bin zuversichtlich, dass wir eine einvernehmliche, vernünftige Lösung finden werden.“ Wichtig sei ein nachhaltiges und am Ende auch für die Verbraucher bezahlbares Modell.

Zuletzt hatte der Antrag von Vattenfall zum Bau einer Leitung für den Anschluss von Moorburg an das Fernwärmenetz im April für kräftige Verstimmung auf Senatsseite gesorgt. Dort war von einer bewussten Provokation und sogar von „Kriegserklärung“ die Rede, denn eigentlich ist vertraglich geregelt, dass die Fernwärme zum 1. Januar 2019 an die Stadt übergeht.

„Wir wollen nicht provozieren, und wir haben nicht provoziert“, sagte Pieter Wasmuth, Vattenfall-Generalbevollmächtigter für Hamburg und Norddeutschland. Der Antrag zum Bau der Leitung sei nicht überraschend gestellt worden, sondern schon seit September 2017 Thema gewesen. Allerdings hätten sich bei dem jetzigen Antrag Zweck und Trassenführung geändert, so ist aus Behördenkreisen zu hören.

Nach dem Vorschlag von Vattenfall könnte der Kohleanteil an der Fernwärmeversorgung in Hamburg von derzeit 70 auf 20 Prozent innerhalb von zehn bis zwölf Jahren verringert werden – allerdings unter zumindest vorübergehender Einbeziehung der Fernwärme aus Moorburg. „Moorburg ist die Brücke, die dafür sorgt, dass die Fernwärme in Hamburg bezahlbar bleibt“, sagte Wasmuth.

Nach Darstellung von Vattenfall sind Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe erforderlich, um die Kohlekraftwerke Wedel und Tiefstack zu ersetzen oder umzurüsten. Allein der Umbau von Tiefstack zu einem Gasheizkraftwerk würde 250 bis 300 Millionen Euro kosten. Schließlich würden noch knapp 200 von erforderlichen 400 Megawatt für die Fernwärme übrig bleiben, die Moorburg liefern könnte.

„Wir gehen bisher von rund 25 Millionen Euro für das Gasheizwerk aus und halten die Zahl, mit der offenbar jongliert wurde, für unseriös“, sagte Jan Dube, Sprecher der Umweltbehörde. Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) hält eine Preiserhöhung von zehn Prozent, verteilt auf fünf Jahre für die Fernwärmekunden für realistisch. Hatakka und Wasmuth gehen von einer deutlich höheren Preissteigerung aus, ohne sich genau festzulegen. „Der unterstellte höhere Endkundenpreis scheint auf solchen völlig überzogenen Kosten und Annahmen zu beruhen“, sagte Dube, der Vattenfall „Angstmache“ vorwarf. Die Umweltbehörde lehnt die von Vattenfall vorgeschlagene Lösung ab, weil sie die Energiewende „ausbremsen“ würde.

Der Vattenfall-Chef will die Tür nicht zuschlagen

Beim Thema Rückkauf des Fernwärmenetzes gab sich Hatakka zunächst hart. „Beim Netz gibt es keinen Handlungsbedarf, denn das ist vertraglich geregelt“, sagte der Vattenfall-Chef. Der Senat hatte Vattenfall 2014 vertraglich einen Mindestpreis von 950 Millionen Euro garantiert. Inzwischen soll der Wert laut einem neuen Gutachten nur noch zwischen 550 und 725 Millionen Euro betragen. Hatakka wollte auch hier die Tür nicht zuschlagen. „Ich will nicht spekulieren. Wir müssen abwarten, bis das neue Gutachten vorliegt“, sagte der Vattenfall-Mann. Im Übrigen verfolge sein Unternehmen die langfristige Strategie, aus der Kohle auszusteigen. „Ich bin nicht verliebt in Moorburg“, betonte Hatakka.

Während CDU und FDP die Nutzung der Fernwärme aus Moorburg für sinnvoll halten, sagte BUND-Landes­geschäftsführer Manfred Braasch: „Vattenfall kommt mit einem vergifteten Friedensangebot aus Stockholm. Es bleibt widersinnig, Klimaschutz und Kohleausstieg zu bekräftigen und gleichzeitig Investitionen in Millionenhöhe für eine Fernwärmeleitung auf den Weg zu bringen, damit das derzeit offenbar unrentable Kohlekraftwerk Moorburg noch möglichst lange läuft.“