Hamburg

Pädagogen streiten mit Schulsenator um Dienstzeiten

Schulsenator Ties Rabe (SPD)

Schulsenator Ties Rabe (SPD)

Foto: Klaus Bodig / HA

Mehr als 200 pädagogisch-therapeutische Fachkräfte haben sich getroffen und fordern ein Konzept. Sie kritisieren starre Regeln.

Hamburg.  Der Konflikt um eine neue Dienstzeitregelung für pädagogisch-therapeutische Fachkräfte an Hamburgs Schulen verschärft sich weiter. Zum 1. August sollen die 2400 betroffenen Pädagogen per Dienstanweisung einen Großteil ihrer Arbeit machen und weniger nach ihrer eigenen, individuellen Einschätzung. „Die Kollegen werden wie eine Feuerwehr dort eingesetzt, wo es laut Schulleitung notwendig ist und weniger danach, wo es pädagogisch sinnvoll ist“, so die Befürchtung von Max Stempel von Ver.di.

Nach den Vorgaben der Schulbehörde sollen die jeweiligen Schulleitungen mehr als 80 Prozent der Arbeitszeit aller pädagogisch-therapeutischen Fachkräfte (das sind Erzieher, Heilerzieher, Sozialpädagogen, Physio- und Ergotherapeuten), die im Dienst der Behörde an den Schulen arbeiten, verplanen. Die übrige Zeit können die Pädagogen dann für Vor- und Nachbereitung sowie für Gespräche mit Lehrern oder Eltern und Koordinierung verwenden.

Starke Vereinheitlichung

„Diese Regelung führt dazu, dass unabhängig von der fachlichen Besonderheit der Einsatzgebiete wie Ganztag, Inklusion und Beratung alles vereinheitlicht wird“, so Stempel. Bereits jetzt würden Sozialpädagogen und Erzieher an den Schulen fachfremd eingesetzt, um Lücken zu stopfen. „Indem sie zum Beispiel als Vertretung im Fachunterricht arbeiten“, sagt Stempel. Da übernehme eine Erzieherin auch schon einmal den Mathematikunterricht.

Mit der neuen Dienstanweisung werde das Lehrerarbeitszeitmodell noch weiter auf die übrigen Pädagogen gestülpt, sagt auch Birgit Rettmer von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Das funktioniere aber nicht, weil Erzieher, Sonderpädagogen oder Therapeuten eben keine Lehrer seien. „Diese Dienstanweisung ist ein weiterer Schritt in Richtung Vertaktung und Verschulung und geht an den Bedürfnissen des pädagogischen Personals und der Kinder vorbei.“

Im Rahmen der ganztägigen Bildung und Betreuung, so Birgit Rettmer, haben sich die Schulen viele weitere Professionen geholt. „Aber in der Schulbehörde fehlen noch die Kenntnisse über diese verschiedenen Berufe. Man kann die nicht alle über einen Kamm scheren.“ Auch sie vermisst ein Konzept. Die Behörde habe lediglich abstrakte Ideen.

Mehr als 200 pädagogisch-therapeutische Fachkräfte haben sich diese Woche in Teilpersonalversammlungen getroffen und fordern ein Konzept. So wie Sandra Schönwandt, die als Sozialpädagogin an einer Stadtteilschule in einem sozialen Brennpunkt arbeitet. Sie ist in der Beratung, kümmert sich um Schüler, die schwänzen, die verhaltensauffällig sind oder sogar gewalttätig. 34 Fälle hat sie derzeit, aber Zeit genug, diese alle ausreichend zu betreuen, habe sie nicht. „Ich kann mich nur um die härtesten Fälle kümmern, präventiv zu arbeiten geht gar nicht“, sagt die 38-Jährige. Es müsse darum gehen, gemeinsam mit der Behörde zu erörtern, wie Schule heute aussieht. „Denn es geht ja längst nicht mehr nur um reine Wissensvermittlung, sondern auch um soziales Lernen.“

80 Prozent der Arbeitszeit „am Kind“

Denn trotz der steigenden Herausforderungen durch Ganztag und Inklusion können sich weder Schulleitungen noch das pädagogische Personal an einem Leitfaden orientieren. „So bleibt es bei einer Aneinanderreihung von Unterricht, Mittag, Freizeit und Hausaufgaben“, so Stempel.

Die Schulbehörde weist die Kritik zurück. „Wir haben bislang ganz unterschiedliche Dienstzeitvereinbarungen für pädagogisches Personal, bekommen jetzt zum Glück einheitliche für alle“, sagt Sprecher Peter Albrecht. Erst mal werde geregelt, dass 80 Prozent der Arbeitszeit „am Kind“ und 20 Prozent für Vor-, Nachbereitung und Elternarbeit geleistet wird. Albrecht: „Das ist eine sehr großzügige Regelung und deutlich besser als im Kita-Bereich.“