Alsterdorf

Schon wieder: Flugzeug reißt Löcher in Hausdach

Der aus Dubai kommende Airbus machte soviel Wind, dass es die Ziegel vom Dach wehte.

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Erst vor wenigen Tagen verursachte ein Flugzeug im Anflug auf den Airport Schäden an einem Dach. Nun wurden auch Autos beschädigt.

Hamburg. Als die aus Dubai kommende Boeing 777 der Fluggesellschaft Emirates am Mittwochabend gegen 19.40 Uhr über ihr Haus fliegt, sitzt Doris Schmidt (Name geändert) in ihrem Wintergarten in einer kleinen Nebenstraße in Alsterdorf und telefoniert. Sie denkt noch: „Der fliegt aber tief.“ Dann hört sie einen „Knall, fast wie ein Kanonenschlag“.

Als sie mit ihrem Mann nach draußen tritt, ist sie froh, dass niemand auf der Straße oder im Garten war: Das Dach des kleinen Backsteinhauses ist auf beiden Seiten teilweise abgedeckt, die Ziegel sind bis auf den Bürgersteig geweht worden. Ihr silberner VW hat tiefe Dellen, wo die kiloschweren Dachpfannen eingeschlagen sind, die Auffahrt liegt voller Scherben. Schnell kommen die Nachbarn hinzu, sie wollen sich vergewissern, dass niemandem etwas passiert ist. Tatsächlich bleibt es beim Sachschaden: Ein weiteres Auto hat leichte Schäden davongetragen, Menschen wurden nicht verletzt.

Die Häufung der Fälle ist "sehr ungewöhnlich"

Es ist das zweite Mal binnen weniger Tage, dass bei einem Landeanflug auf den Hamburg Airport ein Dach in Mitleidenschaft gezogen wurde. Vergangenen Freitag lösten sich an einem Haus nur eine Querstraße weiter mehrere Ziegel, nachdem ein Flugzeug darüber hinweggeflogen war. Auch Katja Bromm, Sprecherin des Flughafens, sagt, diese Häufung von Vorfällen sei „sehr ungewöhnlich“.

Die entsprechende Fachabteilung des Flughafens kommt nach einer ersten Untersuchung am Donnerstag zu dem Schluss, dass es sich auch in diesem Fall „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit um einen Wirbelschleppschaden handelt“, wie Bromm erklärt. Die Reparaturarbeiten bei Familie Schmidt haben da bereits begonnen: „Die Leute vom Flughafen sind sehr hilfsbereit“, sagt Frau Schmidt. „Sie sagten sofort, dass wir uns keine Sorgen machen müssten.“ Tatsächlich sind bereits seit Donnerstagmorgen Dachdecker bei der Arbeit und flicken die großen Löcher. Bei dem Fall vom Freitag hatte sich der Flughafen nach dem Abendblatt-Bericht bereit erklärt, alle Kosten zu übernehmen, auch den Schmidts wurde die Kostenübernahme zugesagt.

"An der Höhe lag es nicht"

Wäre der riesige Passagierjet nicht gewesen, hätte so bald kein Dachdecker kommen müssen, sagt Schmidt. Das Dach ihres Hauses ist 15 Jahre alt, die Pfannen waren mit Sturmklammern gesichert. Auch der Handwerker, der nun dort ausbessert, habe ihr bestätigt, dass es an und für sich gut in Schuss sei, Wertarbeit. Aber gegen die Luftmassen, die die Boeing hinter sich her gezogen hat, hatte es keine Chance. Ist der Jet zu tief geflogen?

Bromm betont, dass das nahezu ausgeschlossen sei: Die Flugsicherung hat stets ein strenges Auge darauf, wer wann wo entlang fliegt. Vielmehr habe unter anderem das Wetter großen Einfluss darauf, ob die Wirbelschleppen, die jedes Flugzeug produziert, bis zum Erdboden gelangen. „An der Höhe lag es nicht“, bestätigt auch Anja Naumann, Sprecherin der Deutschen Flugsicherung. Der 74 Meter lange Langstreckenjet, dessen Triebwerke mehr als 52 Tonnen Schub entwickeln, hat sich nicht von der ihm vorgegebenen Route entfernt.

Hauptlanderichtung des Airports ist derzeit gesperrt

Trotzdem muss etwas anders gewesen sein als sonst. Die Schmidts leben schon lange in der Nähe des Flughafens, sie sagen: „Wirbel kennen wir ja. Aber so etwas haben wir noch nicht erlebt.“ Warum also häufen sich die Schäden, warum gab es innerhalb weniger Tage zwei Vorfälle? Und warum erzählen mehrere Anwohner, dass der Lärm der Flugzeuge deutlich größer sei als in vergleichbaren Situationen?

Tatsächlich hat das Wetter am Mittwochabend – und auch am Freitag zuvor, als der erste, weniger gravierende Schaden an einem Hausdach entstand – die Folgen des Überflugs begünstigt: Es herrschte kaum Wind, der die Wirbelschleppen hätte zerstreuen können. Doch liegt es nicht am Wetter allein: Ein weiterer Faktor sind Bauarbeiten am Flughafen. Die Hauptlanderichtung des Flughafens ist derzeit wegen Sanierungsarbeiten an der Piste gesperrt, deswegen fliegen die allermeisten Flugzeuge über die Stadt – und über das Haus der Schmidts.

Die und ihre Nachbarn müssen nun darauf hoffen, dass das Wetter bis zum 23. Mai unbeständig bleibt. Bis zu diesem Datum sollen die Arbeiten an der Piste abgeschlossen sein. Und je mehr Wind es gibt, desto weniger Chance haben die Wirbelschleppen, zum Erdboden zu gelangen und dort Schaden anzurichten.

In Frankfurt zahlt der Flughafen die Dachsicherung

Schäden an Dächern durch tief fliegende Flugzeuge sind auch an anderen Flughäfen ein Problem: In Frankfurt hat die Flughafenbetreibergesellschaft Fraport schon vor Jahren ein so genanntes Dachsicherungsprogramm ins Leben gerufen. Die Anwohner von rund 6000 anspruchsberechtigten Gebäuden innerhalb der Anflugschneisen können ihre Dächer absichern lassen, die Kosten übernimmt Fraport. Fast die Hälfte der Eigentümer hat diesen Service bereits in Anspruch genommen.

Ein Modell auch für Hamburg? Der Flughafen will die Lage erst einmal weiter genau beobachten. Zurzeit gibt es ein solches Programm nicht.