Stellingen

Hagenbecks stille Helfer

Ein Besuch bei den Zoo-Handwerkern. Ihretwegen kommt niemand in den Tierpark, aber ohne sie würde vieles nicht funktionieren

Stellingen. Können Sie kurz warten? Frank Seidel muss telefonieren: „Lässt du mal eben den Maler rein? Ja, der soll bei den Fledermäusen spachteln. Okay, danke!“ Dann kann’s ja losgehen.

Jetzt, im Frühjahr, gehören Leute wie Frank Seidel zu den meistgefragten Menschen bei Hagenbeck. Jeder will etwas von den Handwerkern des Tierparks. Nicht grundlos unterhält die Firma Hagenbeck eine eigene Abteilung mit Schlossern, Zimmermännern und Technikern sowie 15 Gärtnern. Ihretwegen kommt niemand. Doch ohne sie würde im Park nicht viel funktionieren.

Das zeigt sich vor allem, wenn alle Reviere gleichzeitig aus dem Winterschlaf erwachen. Für die Handwerker bedeutet das: Alle wollen vorsorgt werden, und zwar sofort. Wasser steht ganz oben auf der Liste. Becken sollen fachmännisch gefüllt, Leitungen aufgedreht werden. „Jedes Jahr fällt das allen Tierpflegern zur gleichen Zeit ein“, sagt Seidel und muss lachen. „Die werden immer wieder davon überrascht.“

Morgens um 7 Uhr geht es los für die Handwerker – zwei Stunden vor den Besuchern. Gerade nach Wochenenden seien die behänden Männer und Frauen verstärkt gefragt. Am pflegeintensivsten für die Handwerker sind das mit Technik vollgestopfte Tropen-Aquarium, wo Temperaturschwankungen oder Pumpenausfälle katastrophale Folgen für Rifffische und Korallen haben können. Auch das Eismeer mit einem gewaltigen Technikraum im Bauch will gut gewartet werden. Die anspruchsvollsten Tiere für das von den Handwerkern gebaute Spielzeug seien dagegen die Orang-Utans. „Die kriegen so gut wie alles kaputt. Da muss man sich richtig was einfallen lassen.“

Frank Seidel ist gebürtiger Hamburger. Gelernt hat er mal Gas- und Wasserinstallateur, dann noch ein Studium der Heizungs-, Lüftungs- und Klimatechnik angehängt, inzwischen ist er Techniker im Tropen-Aquarium und sorgt dafür, dass es die Haie nicht zu kalt und die Korallen schön warm haben. Alle acht Wochen muss etwa der Salzgehalt des Wassers auf die jeweils exakten Ozeanverhältnisse gemischt werden.

Nur eine der vielen Stellschrauben, an denen der 52 Jahre alte Techniker dreht. Vor 27 Jahren hat er sich gezielt im Tierpark beworben. Das Umfeld und die Aufgabe schienen reizvoll. Noch immer mag es der zweifache Vater, sich mit Tierpflegern und Verantwortlichen abzustimmen. „Wir sorgen dafür, dass es den Tieren gut geht, den Besuchern gefällt und dass die Sicherheitsstandards beachtet werden.“

Hagenbecks Handwerker sind dabei nicht nur eine eigene Kaste im Tierpark – die Gärtner etwa sind die zweitgrößte Abteilung. Sie haben auch ihr eigenes Reich. In den Werkstätten auf dem Betriebshof tüfteln sie Tierbeschäftigungsspielzeug aus, schweißen Gehegegitter zusammen, fertigen passgenaue Terrarien oder reparieren zerstörte Pumpen. „Als Handwerker bei Hagenbeck muss man flexibel sein“, sagt Seidel. „Auch mal über den Tellerrand seines Gewerks schauen, nach individuellen Lösungen suchen. Von der Stange ist hier nichts.“

„Was sind das für Dinger? Brutkästen für Enten?“

In der Werkstatt des Zimmermanns beispielsweise zeugen zwei Hutzelhäuschen vom Einfallsreichtum der Tierpark-Schrauber. „Was sind das für Dinger? Brutkästen für Enten?“, fragt Seidel seinen Kollegen Dirk Krüger. „Nee, das sind Hütten für kleine Pandas.“ Maßanfertigungen. Gibt’s in keinem Zoohandel. Ebenso wenig wie das Gitterteil für das Walrossgehege. Von den Schlossern des Parks selbst gemessen, selbst geschweißt – alles Marke Eigenbau.

Feierabend haben die Helfer im Hintergrund um kurz vor 16 Uhr, bis zum Toreschluss um 18 Uhr sollten alle Problemchen des Tages abgearbeitet sein. Im Prinzip ist das Routine, aber zwischendurch wird es auch immer wieder spannend, weil die Exoten im Tierpark auch nach Extrawünschen verlangen. Für den Schlosser Dirk Krüger, seit 31 Jahren bei Hagenbeck, waren eigenhändig gebogene Elefantensättel eine echte Aufgabe. „So etwas baut man ja nicht jeden Tag. Da stehst du nämlich zwischen den tonnenschweren Tieren und passt immer wieder neu an.“ Und muss mit ansehen, wie die Werkstücke zu Museumsstücken werden. Denn seit vielen Jahren reitet niemand mehr auf Elefantenrücken durch den Tierpark.

Frank Seidel ist zwar inzwischen für die Technik zuständig, hat aber davor als handwerklicher Allrounder seinen Fuß schon so gut wie in jedes Gehege gesetzt. Bei den Elefanten hat er den Teich mit Wasserleitungen versorgt, den Aufbau des nepalesischen Pagodentempels am neuen Eingang mitbetreut. Und auch zum thailändischen Sala im Birma-Teich fällt ihm etwas ein. „Der Tempel mit echtem Blattgold wurde von thailändischen Arbeitern errichtet, die kamen in Flipflops direkt vom Strand auf die Baustelle.“ Das ließ sich mit der deutschen Arbeitsaufsicht natürlich nicht in Einklang bringen. „Die haben dann feste Schuhe bekommen.“

Der größte Albtraum für Frank Seidel wäre es, morgens zur Arbeit zu kommen und in einer Lache Wasser zu stehen. „Der absolute Horror.“ Damit auch nachts nichts schiefgeht, ist er zumindest rufbereit. Nach Feierabend noch eine Pumpe zum Laufen zu bringen kommt deshalb vor. „Jetzt gerade ist wieder eine ausgefallen“, sagt Seidel. „Davon haben wir zwar zwei, aber besser, ich regele das gleich.“ Achtet jemand wie er eigentlich noch auf die ganzen Tiere um ihn herum? „Klar, ich mag die Tiger. Und natürlich meine Schützlinge im Tropen-Aquarium.“