Freizeit

Der Kampf bei Deutschlands rätselhaftester Meisterschaft

Stefan Heine gilt als der beste Rätselmacher Deutschlands. Er hat Dutzende Bücher herausgegeben, und seine Sudokus sind auch im Abendblatt

Stefan Heine gilt als der beste Rätselmacher Deutschlands. Er hat Dutzende Bücher herausgegeben, und seine Sudokus sind auch im Abendblatt

Foto: Marcelo Hernandez

Am Wochenende bemühten sich 40 Frauen und Männer um den 14. Deutschen Sudokutitel. Die Rätsel entwirft ein Hamburger.

Hamburg.  „Vermisst jemand seinen Nachbarn?“ Keiner der Menschen sagt etwas. Sie sitzen an Zweiertischen, die in fünf Reihen auf eine große Leinwand zulaufen. Ein Projektor wirft eine Zahl darauf: „60:00“. „Gut. Wenn alle ihren Zettel haben, geht es jetzt los. Namen oben draufschreiben nicht vergessen“, sagt der Mann. Hinter ihm beginnt die Uhr zu laufen. Draußen knallt die Sonne, Gänse schnattern, Menschen fahren Kanu. Drinnen, in einem Veranstaltungsraum des Hochbahnwerks in Barmbek, hat gerade die 14. Deutsche Sudokumeisterschaft begonnen. Wer hier zu den Besten gehört, darf im Herbst zur Weltmeisterschaft in Prag.

Während die Teilnehmer ihren Bleistift in die Hand nehmen und gebannt auf die Blätter vor sich starren, setzt ein Mann in Jeans und Laufschuhen zwischen den Tischreihen vorsichtig eine Hacke nach der anderen auf den Holzboden. Mit hochgezogenen Augenbrauen schaut er abwechselnd nach links und rechts. Hilfsmittel sind keine erlaubt. Nur kritzeln, radieren, atmen.

Mit dem Opa um die Rätsel gestritten

Als die Uhr noch fünf Minuten anzeigt, ruft ein Mann im ausgewaschenen blauen Poloshirt: „Finished!“ Er wartet, bis der Mann in Jeans und Laufschuhen seine Zettel einsammelt, dann geht er raus, eine Zigarette rauchen. Es ist Michael Ley. Ley war schon sechsmal deutscher Meister, zuletzt 2016. Fünf Minuten vorher abzugeben sei normal bei ihm, sagt der 46-Jährige: „Ich habe mich früher schon mit meinem Opa um die Rätsel in der Zeitung gestritten.“

Ley lebt in der Nähe von Köln. Anders als viele seiner Gegner hat er nicht studiert und arbeitet als Paketzusteller. Jeden Tag löst er nach der Arbeit vier Rätsel auf einer tschechischen Internetseite, am Wochenende macht er dazu jeweils ein 90-minütiges Turnier mit. 2017 hat er das Finale nicht gewonnen. Dieses Jahr sieht es gut für ihn aus.

Bei der deutschen Sudokumeisterschaft, die zuletzt 2006 und 2015 in Hamburg stattfand, rätseln die Teilnehmer in fünf Runden. Pro Runde gibt es mehrere Sudokus. Wer vor Ablauf der Zeit fertig ist, bekommt Bonuspunkte. In der finalen und sechsten Runde treten die besten sechs gegeneinander an – der deutsche Meister bildet mit den drei Nächstbesten das A-Nationalteam bei der Weltmeisterschaft, die vier danach das B-Team.

Das deutsche Sudoku-Gesicht

Trainiert werden sie von dem Mann, der zu Beginn vorne vor der Leinwand stand: Stefan Heine. Heine macht seit 25 Jahren Rätsel, viele seiner Werke liegen auch heute vor den Teilnehmern. Damals fing der Hamburger durch einen Zufall damit an, machte sich selbstständig, entwarf Rätsel für Tageszeitungen und hat heute vier Angestellte.

Heine ist so etwas wie das Gesicht der deutschen Sudokubranche, denn auf vielen der von ihm entworfenen Rätselhefte prangt nicht nur sein Name, sondern eben auch: sein Gesicht. Einerseits sei das ein Weg für ihn, bekannter zu werden und besser davon leben zu können. Andererseits bewundere er andere Länder: „In Schweden sind die Rätselmacher richtige Stars!“ Seine Aufgabe ist das Rätselmachen. Heine sagt selbst über sich: „Ich wäre viel zu dumm, um bei einer Weltmeisterschaft mitzu­machen“.

Um 19.30 Uhr ist Michael Ley auf Weltmeisterschaftskurs. Zusammen mit sechs anderen ist er im Finale. Die Tische sind jetzt in Sechserreihen angeordnet, es gibt sechs Rätsel zu lösen. Wer eins geschafft hat, steht auf und setzt sich einen Tisch weiter nach vorn. Von draußen strömt jetzt schon kalte Abendluft hinein, um die sechs Finalisten sitzen die anderen Teilnehmer herum und schauen still zu. Einige rätseln parallel dazu mit.

Zuerst hat Ley Vorsprung, dann überholt ihn sogar ein Gegner. Ley schreibt, radiert, seine Unterarmmuskeln spannen und entspannen sich im Wechsel. Er kämpft sich zurück, sitzt als Erster am letzten Tisch. Um 20.04 Uhr gibt Ley ein Zeichen, lehnt sich im Stuhl zurück und nimmt einen Schluck von seiner Apfelschorle. Geschafft. Zum siebten Mal ist er deutscher Meister.

Feiern will er heute Abend aber nicht. Morgen muss er früh aufbrechen, zu Hause renovieren sie gerade. Er muss Löcher bohren. „Die Rätsel im Alltag sind manchmal viel schwieriger als die auf dem Zettel“, sagt Ley.