St. Pauli

Wenn ein Privatmann eine Behörde gründet

Die "Wega" vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg

Die "Wega" vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg

Foto: Axel Tiedemann

Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie und das Seewetteramt feiern 150. Geburtstag – und eine einmalige Geschichte.

Hamburg.  Wer im wuchtigen Backsteinbau des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) bis hoch in den 9. Stock gelangt, kann oberhalb der Landungsbrücken nicht nur einen fantastischen Blick auf die Elbe erleben. Möglicherweise erhält er hier, ganz am Ende eines schmalen Büroganges, auch einen Einblick in die Zukunft der Seefahrt.

Zwei moderne Schiffssimulatoren sind dort aufgebaut. Oder genauer die Nachbildung zweier Schiffsbrücken; mit Steuerstand, elektronischer Seekarte, Radardarstellung und großen Monitoren, die mit fast fotorealistischer Darstellung Szenen wie Hafeneinfahrten darstellen können – so, als würde man durch die Fenster eines Schiffs schauen und direkt darauf zufahren. Man hört virtuelle Maschinen brummen, das Szenenbild wackelt wie im Wellengang. Wind, Strömung – alles, was auch tatsächlich auf ein Schiff wirkt, lässt sich hier simulieren.

Wilhelm Ihno von Freeden gründete die Seewarte

Und mehr als bei einem Forschungsprojekt testen Mitarbeiter dieser zentralen deutschen Meeresbehörde derzeit, wie sich große Ozeanfrachter künftig fernsteuern lassen. Also autonom und übers Internet gesteuert über die Meere fahren. Und das ohne, dass Hacker sich Zugriff verschaffen können. „Wir testen hier, was so alles passieren kann, wenn Schiffe ferngelenkt fahren“, sagt Hans-Karl von Arnim.

Der Ingenieur für Funktechnik ist einer von 900 BSH-Mitarbeitern, die zum Großteil in Hamburg arbeiten. Solche Tests modernster nautischer Geräte, aber auch Seekarten-Herstellung, Sturmflutwarnungen und Wasserstandsvorhersagen, Wracksuche und die Erforschung und Überwachung von Ost- und Nordsee – das alles zählt zu den Aufgaben dieses Bundesamts, das wie auch der Seewetterdienst seinen Ursprung in der Norddeutschen Seewarte hat, die nun vor genau 150 Jahren in Hamburg ihren Betrieb aufgenommen hat. Ein Jubiläum, das Seewetteramt und BSH am Sonnabend zum Anlass nehmen, bei einem Tag der offenen Tür einen spannenden Ausflug in Vergangenheit und Zukunft von Meereskunde und Wetterprognosen zu bieten (siehe Programm unten).

Angefangen hatte dies alles im Grunde mit einem einzelnen Mann, der die spätere Behörde zunächst als Privatinstitut gegründet und auch finanziert hatte: Wilhelm Ihno von Freeden, Rektor der 1856 gegründeten staatlichen Großherzoglichen Oldenburgischen Navigationsschule Elsfleth, hatte mit anderen schon länger an der Idee gearbeitet, ein zentrales Institut für Meeres- und maritime Wetterkunde zu gründen, um die Seefahrt zu beraten. Von Freeden, durch Erbschaft relativ vermögend, machte es dann 1868 im Alleingang, unterstützt von 28 Hamburger Reedern und der Handelskammer.

Ozeanpassagen um bis zu sieben Tage verkürzt

Und so wurde vor 150 Jahren auf dem Gelände des heutigen Hotels Hafen Hamburg die Norddeutsche Seewarte von ihm gegründet. Er wählte kompetente Kapitäne aus, die für ihn Schiffstagebücher führten und Daten zu Strömungen und Wetter sammelten. In einem zeitgenössischen Text beschrieb er seine Idee: Es werde „ein Bureau eingerichtet, wo sowohl der ausgehende Kapitän die sichersten Erkundigungen einziehen kann über die durch Erfahrung und Wissenschaft ermittelten Eigentümlichkeiten des von ihm einzuschlagenden Seeweges, als auch der einkommende Kapitän eine achtungsgebietende Stätte findet, an welcher er durch die von ihm gewonnenen neuen Erfahrungen und Beobachtungen seinen Teil zur Verbesserung unserer Kenntnis der Ozeane beitragen, und in geordneter Unterhaltung seine Idee mit der anderer sachverständiger Männer austauschen kann.“

Dieses Sammeln und Austauschen von Daten zeigte bald schon Erfolg. Mit der Routenberatung der Seewarte konnten Frachtsegler übliche Ozeanpassagen um bis zu sieben Tage verkürzen, heißt es in der BSH-Chronik. Bereits 1872 bekam das Institut daher den offiziellen Namen „Deutsche Seewarte“ und wurde als Reichsinstitut der Kaiserlichen Admiralität unterstellt. „Unseres Wissens nach sind wir tatsächlich die einzige Behörde, die auf eine private Gründung zurückgeht“, sagt BSH-Sprecherin Susanne Kehrhan-Eyrich.

1881 schließlich wurde für die Deutsche Seewarte ein repräsentatives Gebäude auf dem Stintfang gebaut, das im Zweiten Weltkrieg aber durch Fliegerbomben zerstört wurde. Und das Aufgabengebiet weitete sich aus. Die Prüfung nautischer Geräte kam hinzu, wodurch sich schließlich etliche namhafte Hersteller in Hamburg ansiedelten. Während der Nazizeit bekam das Haus eine starke militärische Komponente, die Beamten trugen nun Uniform, erzählt die BSH-Sprecherin. Der nautische Bereich unterstand damals der Kriegsmarine, der meteorologische dem Reichsluftfahrtministerium.

Nach dem Krieg achteten die Briten dann wieder auf einen zivilen Charakter. Es entstand zunächst das deutsche Hydrographische Institut (DHI), aus dem mit der Wiedervereinigung schließlich das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie mit Zweigstelle in Rostock wurde. Die Meteorologie wurde indes in das spätere Seewetteramt des Deutschen Wetterdienstes eingegliedert. Noch immer aber gibt es zwischen beiden Einrichtungen eine reale Verbindung: Ein schmaler Gang, den vor allem Experten beider unmittelbar benachbarten Häuser nutzen, um sich kurz und unbürokratisch austauschen zu können. So wie vor 150 Jahren in der Seewarte.

Beim Tag der offenen Tür bieten BSH und DWD am 21. April von 10 bis 17 Uhr in ihren beiden Gebäuden in der Bernhard-Nocht-Straße 76 bis 78 spannende Einblicke in ihre Aufgaben und Geräte: In Echtzeit zeigt ein Messgerät beispielsweise Schiffsabgase an, und am Schiffssimulator können sich Kinder wie Erwachsene einmal als Kapitän erproben. Beim DWD lernt man indes, wie Wettervorhersagen entstehen und wie sich das Klima ändert. An den Landungsbrücken kann zudem das Wracksuchschiff „Wega“ besichtigt werden.