Fuhlsbüttel/Alsterdorf

„Santa Fu“ – wer lebte hier vor 2000 Jahren?

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Sven Kummereincke

Rund um das Gefängnis liegt ein riesiges Gräberfeld. Archäologen hoffen, es bald untersuchen zu können

Fuhlsbüttel/Alsterdorf.  Gesichert ist wenig. Wirklich sehr wenig. Dass es in Fuhlsbüttel und Alsterdorf, rund um die heutige Justizvollzugsanstalt (JVA), vor rund 2000 Jahren germanische Siedlungen gab, ist eine Tatsache. Auch dass ein großes Gräberfeld existiert. Aber sonst gibt es keine Erkenntnisse, nur viele Mutmaßungen und noch mehr Fragen. Waren die Menschen damals wirklich so arme, rückständige Bauern, wie die bescheidenen Grabbeigaben vermuten lassen? Handelt es sich um bis zu 1000 oder doch sogar 5000 Gräber, wie einige Forscher vermuten? Und existierte dann eine größere Siedlung mit Handelskontakten, womöglich zu den Römern – oder waren es nur mehrere kleine Dorf­gemeinschaften, die immer dann ein wenig weiterzogen, wenn der Boden erschöpft war, und die Begräbnisstätte über viele Generationen nutzten?

All diese Fragen werden seit fast 150 Jahren gestellt, denn so lange ist es her, dass beim Bau des Gefängnisses erste Fundstücke im Boden entdeckt wurden. Im Laufe der Jahrzehnte gab es immer wieder Zufallsentdeckungen, doch weder die exakten Fundstellen noch die Tiefe wurden systematisch erfasst. Gut 500 Urnen sind geborgen worden, dazu Krüge, Fibeln, Perlen, Messer, Kämme. Und viele weitere Stücke werden wohl noch in Kellern oder auf Dachböden liegen, denn viele damalige Gefängnismitarbeiter haben Exponate mit nach Hause genommen. In den 20er-Jahren gab es Aufrufe an die Mitarbeiter, diese Stücke den Behörden zu übergeben – und tatsächlich wurden Dutzende abgeliefert. Doch sicherlich nicht alle.

Die Menschen lebten offenbar in Frieden miteinander

Bald aber könnte es endlich etwas mehr Klarheit über unsere Vorfahren geben. Denn die Justizbehörde unternimmt den erneuten Versuch, einen Teil des JVA-Geländes zu räumen und für den Wohnungsbau zur Verfügung zu stellen (das Abendblatt berichtete). Die Saga hat jetzt zwei Jahre Zeit, um ein Konzept zu erarbeiten. Das würde den Archäologen endlich Gelegenheit geben, das Areal zu untersuchen. Und das verkompliziert (und verteuert) natürlich das Bauvorhaben. Denn in das Projekt müssen nicht nur die denkmalgeschützten Gefängnisbauten und die KZ-Gedenkstätte integriert werden, es sind auch die Grabungen einzuplanen. Niemand kann bisher sagen, wie lange das dauert, in welcher Tiefe und auf welcher Fläche Funde zu erwarten sind.

Denn es gibt kaum belastbare Aufzeichnungen über die genauen Fund­orte. „Die älteste schriftliche Erwähnung findet sich im Correspondenz-Blatt der deutschen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte aus dem Juni 1873“, sagt Rainer-Maria Weiss, Chef des Archäologischen Museums Hamburg. Beschrieben werden darin Urnenfunde auf den Ländereien der Filiale des damaligen Werk- und Armenhauses, der späteren „Korrektionsanstalt“, einem Vorläufer des Gefängnisses, das 1879 eingeweiht wurde. „Als Fundstelle wird ein Acker genannt, auf dem ein Weg abgestochen wurde – die genaue Lage ist nicht mehr zu ermitteln“, sagt Weiss.

Sollte das Bauprojekt realisiert werden, müssten die Archäologen zunächst einen sogenannten Baggerschnitt machen, erläutert Weiss. Die Archäologen würden also erst einmal mit grobem Gerät anrücken, um eine etwa 30 Zentimeter dicke Schicht abzutragen. „Nur so könnte die Befundsituation sowie der Erhaltungszustand und die Komplexität der archäologischen Arbeiten überhaupt erst eingeschätzt werden“, hat es Weiss in einer Vorlage für die Behörden formuliert. Wirklich sicher lokalisierbar ist nur ein Teil des Gräberfeldes – und der liegt an der Brabandstraße, etwa einen Kilometer südwestlich der JVA. Dort ist man im Zuge einer Alsterregulierung 1914 auf Urnen gestoßen – und hat alles exakt kartiert.

Die Erkenntnisse über das Leben der Menschen damals sind bescheiden geblieben. Man rechnet sie zur „Jastorf-Kultur“, benannt nach einem Fundort im Landkreis Uelzen. Dass man so wenig über sie weiß, liegt daran, dass sie keine Schriftsprache kannten und ihre Toten verbrannten. Die bisher bekannten Gräber sind ausgesprochen ärmlich, viele Urnen sind sogar vorher als Kochgeschirr benutzt worden. Wertvoller Schmuck oder Gold wurden nicht gefunden – und auch keine Waffen. „Wahrscheinlich war es also ein friedliches Volk in einer friedlichen Umgebung“, sagt Weiss.

Das zweite auffällige Indiz ist das Egalitäre, denn es gibt keine Hinweise auf einen Fürsten oder Häuptling mit entsprechendem Prunk. Ist es also eine Gemeinschaft freier, gleicher und armer Menschen gewesen? Sollten unberührte Gräber freigelegt werden, können die Forscher Erkenntnisse über die demografische Struktur gewinnen. „Denn anhand der Asche und der Zähne ließen sich Alter, Geschlecht und Ernährungshinweise erschließen“, sagt Weiss. Und etwas Licht ins Dunkel einer Zeit bringen, als germanische Gemeinschaften Dutzende Siedlungen entlang von Alster, Bille und Elbe gegründet haben – 1000 Jahre vor dem Bau der Hammaburg.

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