Hamburger Hafen

Mit Wolle in die Welle – strickend durch den Hamburger Hafen

Initiatorin Manja Vogelsang hatte die Idee, auf einer Barkasse strickend durch den Hafen zu fahren

Initiatorin Manja Vogelsang hatte die Idee, auf einer Barkasse strickend durch den Hafen zu fahren

Foto: Roland Magunia

Profi-Strickerin Manja Vogelsang lädt regelmäßig zur Elbetour auf die Barkasse „Alex“. Nicht alle Damen sind dabei seefest.

Hamburg.  Angela musste – um im Bilde zu bleiben – schon nach wenigen Minuten die Segel streichen. Sie hatte gerade einmal zwei Reihen gestrickt, als sie aus dem Innenraum der Barkasse hinausmusste an die frische Luft. Ihr war schlecht. Seekrank auf einem zweistündigen Törn durch den Hafen – keine optimale Voraussetzung, um dabei auch noch zu stricken. Denn das ist der Gedanke der Strick-Hafenrundfahrt. Zum vierten Mal gingen urbane Frauen ihrer Handarbeit beim Schippern auf der Elbe nach.

Männer sind lediglich Begleitpersonal. So wie Hans Kettwig, der Mann von Manja Vogelsang, die die besondere Hafenrundfahrt organisiert. Ab und zu verlässt die 52-Jährige ihren Strickladen „Maschenwunder“ in Bramfeld und kommt mit Hobby- und Berufsstrickerinnen auf der 100 Jahre alten Barkasse „Alex“ zusammen. Gemeinsam schippern die Strickladys durch die Speicherstadt, an Blohm + Voss und der Lürssen Werft vorbei, raus zu den Ellerholzschleusen. Dabei stricken sie an Schal, Socken oder Pullover bei selbst gebackenen Muffins und Apfelmohnkuchen.

Und gute Ratschläge erteilen sich die gut 30 Damen, überwiegend jenseits der 50, untereinander nicht nur beim Stricken gern. Auch auf dem offenen Deck wird sich gekümmert. „Auf den Horizont gucken“, heißt es von links, als die seekranke Angela mit ihrer Übelkeit kämpft. „Ruhig durch die Nase atmen“, heißt es aus einer anderen Ecke. Erst eine Tablette hilft der 41-Jährigen. Sie ist die Einzige an diesem Nachmittag, die nicht für die Seefahrt gemacht ist.

Die Gemeinschaft der Strickerinnen

Sprüche von der Barkassenbrücke gehören auch zu dieser etwas anderen Hafenrundfahrt dazu. „Ja, seekrank macht schlank“, spricht Käpt’n „Panama Franky“ ins Mikrofon. „Im Hafen spricht man sich nur mit Spitznamen an“, sagt Tina Dressel, ebenfalls begeisterte Strickerin und Barkassenbesitzerin in vierter Generation. Neben „Panama Franky“ gibt es noch „Lunte“, „Gaggi“; und sie selbst sei an den Landungsbrücken nur als „Tina, Hartwigs Tochter“ bekannt. Genau wie die Hafenleute bilden die Strickerinnen eine eigene Gemeinschaft.

Jeder zeigt, was er kann, es geht um Austausch. Verschränkte Maschen, so erfährt der Ahnungslose, „sind die Hölle!“ Die Köpfe sind leicht nach unten gebeugt, der Blick auf das Strickteil gerichtet. Ohne Brille geht es nur bei wenigen der strickenden Frauen. Sie ist das notwendige Accessoire genau wie die Wollknäuel in den mitgebrachten Jute­taschen, Körben oder Rucksäcken.

Backbord hat sich die Designerecke gebildet. Dort sitzen Bettina Zander, Nicola Susen und Uta Schubert, die mit Weben, Stricken und dem Design ihr Geld verdienen. „Das sind echte Institutionen“, sagt Manja Vogelsang. Die Strickerei habe sich in Hamburg längst etabliert, die Gemeinschaft reist quer durch Europa auf der Suche nach der richtigen Wolle, nach dem richtigen Garn. Gerade erst trafen sie sich im schottischen Edinburgh. „Das Internet ist keine Konkurrenz für mich“, sagt Manja Vogelsang, „sondern eine Bereicherung, eine Kontaktquelle.“ Die gemeinsame Leidenschaft schweißt zusammen und ist altersübergreifend. Stutenbissigkeit jedenfalls gebe es nicht.

Das Geschnatter der Passagiere

„Wann macht man schon einmal als Hamburger eine Hafenrundfahrt?“, sagt Manja Vogelsang. Und tatsächlich lösen die Damen ihre Blicke immer wieder, schauen nach oben, als das 365, 90 Meter lange Containerschiff „Cosco Ne­therlands“ mitsamt dieser gigantischen Schiffsschraube neben der winzigen Barkasse liegt. Kurz unterbrechen Ah- und Oh-Rufe das gleichmäßige Geschnatter der Passagiere.

Geübte Stricknadel-Virtuosinnen brauchen ohnehin kaum auf das zu gucken, was die Nadeln machen. Das geht automatisch. Das Schaukeln der Barkasse störe nicht, sagt Heidrun Salisch aus Rotherbaum. Es sei denn, man ist seekrank. Stricken gehe überall. Im Wartezimmer beim Arzt, im Krankenhaus, in der Bahn, beim Friseur. Frau Salisch strickt sogar während der Arbeit – im Nachtdienst in der Pflege.

Stricken macht glücklich

Stricken macht glücklich, da sind sich hier alle einig. Für Doris Heldt, Erzieherin aus Eilbek, ist das Hantieren mit Wolle und Nadeln wie Yoga, man bekomme den Kopf frei und entspanne sich. Wissenschaftlich bewiesen ist, dass Stricken gesund ist. Einer britischen Studie zufolge reduziert regelmäßiges Stricken die Gefahr, an Depressionen oder Angstzuständen zu erkranken. Selbst gegen Demenz und chronische Schmerzen soll es helfen. Und: Menschen, die regelmäßig stricken, sind glücklicher.

Glücklich ist die seekranke Angela, als der Törn zu Ende ist. Sie strickt dann doch lieber auf dem Trockenen.

Die nächste Strick-Hafenrundfahrt ist am 10. Juni. Kosten: 18 Euro. Anmeldung unter info@maschenwunder.de