Abendblatt-Serie

Mit 72 Jahren täglich im Seniorenheim – als Altenpfleger

Arbeiten im Alter: Herr Schmitz arbeitet mit 72 Jahren noch als Pfleger im Altenheim. Altenpfleger Bernd Schmitz, Patient Siegfried Springhorn

Arbeiten im Alter: Herr Schmitz arbeitet mit 72 Jahren noch als Pfleger im Altenheim. Altenpfleger Bernd Schmitz, Patient Siegfried Springhorn

Foto: Marcelo Hernandez

Immer mehr Menschen arbeiten weit jenseits des Rentenalters. Bernd Schmitz macht immer noch Dienst im Seniorenheim.

Manchmal wird er für einen Bewohner gehalten. Mit seinen Haaren, schlohweiß, und dem gepflegten Henriquatre-Bart. Dann kommt es vor, dass er gefragt wird, in welchem Zimmer er wohnt. Oder seit wann er hier lebt. Hier im Altenzentrum Ansgar. Einem Alten- und Pflegeheim.

Bernd Schmitz lacht, wenn er von Verwechslungen wie diesen erzählt. Galgenhumor. Das ist ein wunder Punkt. Denn wie der Bewohner eines Alten- und Pflegeheims möchte er nun wirklich nicht wirken. Trotz seines Alters. Oder gerade deswegen. 72 ist er. Also viel zu jung, um ein Bewohner zu sein, findet er. Die meisten sind schließlich zwischen 80 und 90 Jahre alt, die älteste Bewohnerin sogar 99. Doch es gibt auch andere, jüngere. Der Jüngste ist 49 Jahre.

Zwei Tage pro Woche arbeitet er als Pfleger

Bernd Schmitz winkt ab. Er kann schon verstehen, dass er nicht wie ein Mitarbeiter aussieht. Schließlich sind die meisten jünger als er. Das Durchschnittsalter ist 48. Er zuckt mit den Achseln. Für ihn ist das kein Problem. Zwei Tage pro Woche arbeitet er als Pfleger, macht Früh- und Spätdienste. Meistens am Wochenende. Nur in der Nachtschicht lässt er sich nicht mehr einsetzen. Das war ihm dann doch zu viel, mit über 70 Jahren. Alleine rund 60 Bewohner zu versorgen. Nachts, wenn viele umgelagert werden müssen, Infusionen benötigen, auf Toilette wollen, orientierungslos durch die Gänge irren, weglaufen wollen. Zehn Stunden lang. „Da biste ewig unterwegs und morgens fix und fertig“, sagt Bernd Schmitz. Ein Eingeständnis an sein Alter.

Bernd Schmitz trägt ein weißes Hemd mit kurzen Ärmeln. Wenn er die Hände vor dem Bauch faltet oder ein bisschen gestikuliert, rutscht sein Hemdsärmel immer ein kleines Stück hoch. Dann kann man ein D auf seinem Oberarm sehen. Tätowiert. Es ist der letzte Buchstabe eines Namens. Seines Hundes, einem Golden Retriever. War der erste, den er hatte. Dann kam ein Holländischer Schäferhund, jetzt ist es ein Terrier. Von jedem hat er sich den Namen und ein Bild tätowieren lassen. Die Hunde sind alles, was er hat. Die Hunde und die Arbeit. „Ohne wäre das Leben ganz schön langweilig.“

Erst Geschäftsführer, dann arbeitslos. Mit 49 Jahren

Familie hat er nicht. Alle schon tot. Seine Eltern, seine Schwester. Sogar sein Lebensgefährte. Fast 40 Jahre waren sie zusammen. „Aber irgendwann ist alles mal zu Ende“, sagt Bernd Schmitz. Er hat gelernt, den Tod zu akzeptieren, anzunehmen. Geht nicht anders, wenn man an einem Ort arbeitet, an dem Sterben zum Leben gehört. An dem man fast täglich damit konfrontiert wird. Soll aber nicht heißen, dass ihm das nicht nahe- geht. Dass er nicht ein paar Tränen vergießt, wenn ein Bewohner geht, stirbt. „Die Menschen hier sind ein Teil meines Lebens, wie eine Familie. Natürlich nimmt einen der Tod da mit“, setzt Bernd Schmitz an, macht eine Pause und schiebt dann sehr entschieden noch etwas hinterher: „Aber ich nehme das nicht mehr mit nach Hause.“ Mit der Trauer, dem Schmerz, sei es ein bisschen so wie mit der Kleidung, die er im Dienst trägt. Schlupfjacke, Arbeitshose und Sandalen. Am Ende einer Schicht streift er alles ab und hängt die Klamotten in seinen Spind. Nichts davon kommt mit nach Hause. Keine Sachen, keine Sorgen.

Bernd Schmitz sitzt in einem der Aufenthaltsräume. Er hat heute frei, ist nur für das Gespräch hergekommen. War ihm lieber, als das während seines Dienstes zu machen. Da will er sich voll und ganz auf die Bewohner konzentrieren. „Wenn ich was mache, dann richtig. Nur so nebenbei, das gibt es bei mir nicht“, sagt er, steht auf und schenkt Kaffee ein. Er bietet Kekse an, stellt Wasserflaschen auf den Tisch. Früher hat er gekellnert. Nicht nur nebenbei, wie andere das machen, sondern richtig. Hauptberuflich. Sogar eine Ausbildung im Hotel hat er gemacht, 20 Jahre lang im Gaststättengewerbe gearbeitet, zuletzt als Geschäftsführer einer kleinen Brauerei. Bis der Besitzer wechselte und er arbeitslos wurde. Mit 49 Jahren.

Bernd Schmitz ist ein ruhiger Typ. Ausgeglichen, besonnen. Niemand, der sich schnell aufregt oder in Rage gerät. Sondern eher resigniert. So wie in jenem Herbst 1995, als er nach seiner Entlassung zum Arbeitsamt musste. Als er eine Umschulung zum Altenpfleger machen wollte – und zu hören bekam, dass er dafür zu alt sei. Mit noch nicht mal 50 Jahren. Wenn Bernd Schmitz von der Mitarbeiterin der Arbeitsagentur spricht, nennt er sie immer „die junge Dame“. Etwa halb so alt wie er damals. „Die junge Dame“, die sich nicht für seine Beweggründe interessierte, sondern nur für sein Alter. „Die junge Dame“, die zu ihm sagte, dass er nach dem Ende der Ausbildung ja fast in Rente gehen könne. 23 Jahre sind seitdem vergangen, doch Bernd Schmitz hat nie vergessen, wie er sich damals gefühlt hat. Abgestempelt, nutzlos, wertlos. Alt.

Mit fast 50 Jahren macht er eine Umschulung zum Pfleger

Es gibt Menschen, die würden nicht darüber sprechen, was danach kam. In welches Loch sie gefallen sind. Und was sie getan haben. Doch Bernd Schmitz gehört nicht dazu. Er hält nichts davon, etwas zu verschweigen, herumzudrucksen oder schönzureden. Er sagt klipp und klar, was Sache ist. „Habe getrunken, um damit klarzukommen.“ Der Alkohol hilft ihm, lässt vergessen. Er wird sein Freund – und dann sein Feind. Weil er alles zerstört. Die Selbstkontrolle, die Selbstwahrnehmung. Das eigene Selbst. Zwei Monate geht das so. Dann geht nichts mehr. Seine Partnerschaft steht vor dem Aus, Bernd Schmitz vor dem Ende. Es ist einer der tiefsten Punkte in seinem Leben. Und es ist der Wendepunkt.

Wenn man Bernd Schmitz fragt, wie er es geschafft hat, sagt er: irgendwie. Das Wort benutzt er immer wieder. Weil er es bis heute selbst nicht anders erklären kann. Irgendwie wollte er so nicht weitermachen. Irgendwie schafft er es, noch mal zum Arbeitsamt zu gehen. Und irgendwie landet er bei einer anderen Mitarbeiterin, etwa in seinem Alter. Sie sagt, dass er eine gute Wahl getroffen habe, weil Altenpfleger gebraucht würden. Zu seinem Alter sagt sie nichts.

Es ist mehr als ein Jobwechsel, mehr als eine Umorientierung

Manchmal, wenn Bernd Schmitz aus seinem Leben erzählt, spricht er von früher, von vorher. Und von nachher. Es sind mehr als Wörter, mehr als beliebige Begriffe. Es sind Symbole für zwei Teile seines Lebens, sauber voneinander getrennt. Die Grenze zwischen vorher und nachher ist die Umschulung zum Altenpfleger. Es ist mehr als ein Jobwechsel, mehr als eine Umorientierung. Es ist, als ob er seine Identität wechselt. Als ob er jemand anderer wird als der, der er bisher war. Oder zu sein glaubte. Es ist, als ob er ankommt.

Bernd Schmidt hebt die Hände. Er weiß, wie das alles klingt. Aber dann zuckt er mit den Schultern. So war es eben. Warum soll man das dann nicht auch sagen. Und er sagt es ziemlich klar: „War, als ob ich all die Jahre zuvor den falschen Job gemacht habe und nun endlich meine wahre Bestimmung gefunden hatte.“ Dieses Gefühl, diese Erkenntnis, keimte schon während seines ersten Praktikums auf, das er noch vor Beginn der Umschulung machen musste. Als Test, ob der Job ihm überhaupt gefällt. Für viele seiner Klassenkameraden ist es eine Bewährungsprobe, für ihn eine Bestätigung. Das ist das, was er machen will. Nichts anderes.

An dem Gefühl hat sich bis heute nichts geändert. Diesem Gefühl der Erfüllung. Sinnhaftigkeit. Heute trinkt er keinen Alkohol mehr. Nie. Manchmal fragt er sich, ob er mit Anfang 20 wohl das Gleiche empfunden hätte. Wenn er direkt nach der Schule Altenpfleger geworden wäre und nicht erst knapp 30 Jahre später? Er ist sich selbst nicht sicher, wägt die Antwort ab: vielleicht, weil er schon immer so ein Helfersyndrom hatte und gut mit Menschen konnte. Vielleicht aber auch nicht. Weil er damals noch nicht viel mit dem Glauben am Hut hatte. Und sein Glaube und der Job hängen heute schon eng zusammen.

Mit 49 Jahren war er nicht mal der Älteste in der Klasse

Um seinen Hals trägt Bernd Schmitz ein Lederband mit einem Kreuz daran. Es ist von einem Messdiener, ein Erbstück. Bedeutet ihm viel. Mehr sagt er nicht. Erst einmal. Irgendwann später wird er erzählen, dass es seinem Partner gehörte. Seit seinem Tod trägt er es. Seitdem hat er es noch nie abgelegt.

Bernd Schmitz ist evangelisch. Formell. Er selbst bezeichnet sich einfach nur als gläubig. Die Konfession spielt für ihn keine Rolle. „Weil wir doch alle an denselben Gott glauben“, sagt Bernd Schmitz. Es hilft ihm. Zu wissen, dass es „da oben“, wie er es nennt, jemanden gibt. Jemanden, bei dem all die Menschen sind, die er geliebt hat. Und die er verloren hat.

Aber eigentlich will er gar nicht so viel über sich reden. Liegt ihm nicht. Hat bei ihm nichts mit Hemmungen oder Schüchternheit zu tun. Sondern mit dem Wunsch nach Privatsphäre. War schon in der Umschulung so, als er sich das erste Mal in der Berufsschulklasse vorstellen sollte – und fand, dass es über ihn nichts zu sagen gibt. Außer seinem Namen und seinem Alter vielleicht. Mit 49 Jahren war er nicht mal der Älteste in der Klasse.

Hilfsmittel erleichtern die schwere körperliche Arbeit

Seine Ausbildung zum Altenpfleger hat er im Rauhen Haus gemacht. Damals war ihm das egal, hätte er jeden Platz genommen. Heute ist er froh, dass er in einem Haus gelernt hat, in dem christliche Werte gelebt wurden und die Menschenwürde an oberster Stelle stand. Bis heute hat Bernd Schmitz nur in christlichen Häusern gearbeitet. Wie jetzt bei der Diakoniestiftung Alt-Hamburg. „Weil ich glaube ...“, sagt er, „dass die Menschen dort mehr geachtet und in Würde gepflegt werden.“

Bernd Schmitz steht auf, streckt sich. Zeit für einen Rundgang durch das Haus. Er begrüßt Bewohner, führt durch lange Gänge, zeigt Einzel- und Doppelzimmer. Im Raum 0.43 bleibt er stehen. Es ist der Baderaum. Mit einem Fischernetz an der Decke, zwei Rettungsringen an den gekachelten Wänden. „Ahoi Hamburg“ steht darauf. Wenn Schmitz die Rettungsringe sieht, muss er manchmal daran denken, dass er früher auch mal zur See fahren wollte. Bis heute hat er kein Schiff betreten. Dabei war er vor 40 Jahren extra von Wuppertal nach Hamburg gekommen, um hier anzuheuern. Ist nichts daraus geworden, weil er vorher jemanden kennengelernt hat. Seinen Lebenspartner.

Das Alter ist für ihn kein Thema

Vergangenheit. Zurück im Heute, in Raum 0.43. Die Badewanne ist neu, ganz modern, mit verstellbarer Sitz- und Liegefläche. „Ist schon toll, was es alles gibt“, sagt Schmitz und demonstriert, wie man die Duschliege auf Knopfdruck in verschiedene Positionen fahren kann. Die technischen Hilfsmittel erleichtern die Arbeit. Schwer ist sie immer noch. „Vor allem für zarte Frauen“, sagt Schmitz. Vor denen hat er echt große Achtung. Er selbst hat keine Probleme mit der körperlichen Belastung. „Bin doch ein großer, starker Mann“, sagt er und klopft sich auf den Bauch. Aber im Ernst: Wenn man rückenschonend arbeitet, kann man den Job auch in seinem Alter machen.

Das Alter ist für ihn kein Thema. Heute so wenig wie damals, als die „junge Dame vom Amt“ ihn als zu alt bezeichnet hatte. Klar, ab und zu gibt es auch heute noch Leute, die ein Problem mit seinem Alter haben. So wie diese eine Bewohnerin, die „nicht so einen alten Pfleger wie ihn haben wollte.“ Die sich einen jungen Pfleger gewünscht hat. Er hat sie an ihren Enkelsohn erinnert.

Schmitz weiß, dass die meisten Bewohner ihn mögen

Ist aber eher die Ausnahme. Schmitz weiß, dass die meisten Bewohner ihn mögen. Schätzen! Nicht trotz seines Alters. Sondern gerade deswegen. Weil er dichter an ihnen dran ist, sich in sie besser hineinversetzen kann.

Bernd Schmitz ist so etwas wie ein Vermittler zwischen Jung und Alt. Ein Bindeglied der Generationen. Seit 16 Jahren ist er Ausbildungsleiter, betreut die Azubis im Altenzentrum Ansgar. Jeden Freitag, wenn die Auszubildenden nicht in der Schule sind, lehrt er sie die Praxis im Umgang mit den Bewohnern. Dann zeigt er ihnen, wie man Blutzucker misst, Insulin spritzt, den Blutdruck kontrolliert – und einen alten Menschen mit Würde und Respekt behandelt. Das ist ihm genauso wichtig wie die fachliche Kompetenz. „Ich sage den jungen Leuten immer, dass wir nicht mit irgendwelchen Gegenständen arbeiten. Sondern mit Menschen“, sagt Schmitz. Er weiß, dass er irgendwann selbst einer von ihnen sein könnte. Ein Heimbewohner. Ein Pflegefall. Klar wünscht er sich das nicht, tut ja keiner. Aber wenn er nicht mehr alleine kann, geht es eben nicht anders. Er hat niemanden, der sich um ihn kümmern könnte.

Die Steh- und Aufrichtehilfe heißt Sara 3000

Bernd Schmitz geht weiter. Klopft an eine Tür, Zimmer 0.69. Siegfried Springhorn steht auf einem Schild neben dem Türrahmen. Ist einer seiner Bewohner, 89 Jahre alt. Es ist 11 Uhr, und im Zimmer von Siegfried Springhorn läuft der Fernseher. Er ist noch im Bett, auf eigenen Wunsch. Aber nun will Bernd Schmitz ihn mit einer Steh- und Aufrichtehilfe herausholen. Um zu zeigen, wie leicht die Arbeit dank der ganzen Hilfsmittel ist. Auch in seinem Alter.

Die Steh- und Aufrichtehilfe heißt Sara 3000 und verfügt über elektrisch angetriebene Funktionen. Herr Springhorn mag Sara. Am Anfang war ihm das Ding suspekt, unheimlich. Er hatte Angst, dass es nicht sicher ist, er stürzen könnte. Doch jetzt hat er sich an Sara gewöhnt. An den Gurt, der um seinen Rücken gelegt und an Sara eingehakt wird – und an die beiden Armgriffe, die automatisch nach oben fahren und ihn hochziehen. Früher hat er selbst Dinge gebaut, bei dem Fahrzeug- und Maschinenbaukonzern MAN. Auf seiner Fensterbank steht ein Miniaturmodell eines Motorteils, das er gefertigt hat. Darunter steht auf einer Plakette: „Man muss geduldig sein. To Ziggy.“ So wurde er früher genannt, doch das ist lange her.

Bernd Schmitz kennt die Lebensgeschichte von Herrn Springhorn. So wie die vieler Bewohner. Er sieht sich nicht als Pfleger. Sondern als Bezugsperson. Als Gesprächspartner, Familienersatz. Er weiß, wie das ist, wenn man keine Familie mehr hat. Eigentlich heißt er übrigens Paul Bernd Schmitz. Paul, wie sein Vater. So wie das früher eben häufiger so war. Doch er mag den Namen nicht. Er findet, das klingt alt.

Das war die letzte Folge. Alle Folgen online unter: www.abendblatt.de/arbeiten-im-alter