Verkehr

Führt der Luftreinhalteplan in Hamburg zu mehr Unfällen?

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Jakob Drechsler
Linksabbiegen neuerdings verboten: die Kreuzung Hohenzollernring/Bernadottestraße in Ottensen

Linksabbiegen neuerdings verboten: die Kreuzung Hohenzollernring/Bernadottestraße in Ottensen

Foto: Roland Magunia / HA

Seit am Hohenzollernring ein Abbiegeverbot gilt, kracht es dort häufiger. Anwohner sorgen sich um die Sicherheit, Politiker ist empört.

Hamburg.  Noch im April will Hamburg als eine der bundesweit ersten Kommunen Dieselfahrverbote einführen. Doch die geplanten „Durchfahrtsbeschränkungen“ für Max-Brauer-Allee und Stresemannstraße sind nicht die einzigen Maßnahmen im Zuge des Luftreinhalteplans. Eine weitere sorgt kurz nach ihrer überraschenden Umsetzung für Ärger bei Anwohnern und Politik.

Hintergrund: Die Polizei hat in Absprache mit der Umwelt- und der Verkehrsbehörde die Ampelschaltung an der Kreuzung Hohenzollernring/Bernadottestraße geändert, um den Auto- und somit auch den Dieselverkehr auf der belasteten Bernadottestraße und im weiteren Verlauf der Holländischen Reihe in Ottensen zu verringern.

Hohe Belastung für Wohnstraßen

An der Kreuzung dürfen Fahrzeuge in Richtung Süden nicht mehr links auf die Bernadottestraße abbiegen. Stattdessen werden sie bis zur Elbchaussee weitergeleitet, von wo aus sie eine alternative Route stadteinwärts wählen müssen – und dabei die Belastung weiterer Wohnstraßen erhöhen.

Das Problem: Kaum ein Verkehrsteilnehmer scheint von dieser Änderung Notiz genommen zu haben. Beobachtungen von Anwohnern und wiederholte Stichproben durch das Abendblatt haben ergeben, dass auch knapp zwei Wochen nach Einführung am 21. März noch immer ein Großteil der Autos am Hohenzollernring links abbiegt. Allein in den ersten Tagen registrierte die Polizei an dieser Stelle bereits vier Unfälle.

Übliche Gewöhnungsprozesse

Während Behörde und Polizei von üblichen Gewöhnungsprozessen bei geänderten Verkehrsführungen sprechen, klagen Anwohner über mangelnde Hinweise auf die wichtige Änderung. „Es wurde fast gar nicht kenntlich gemacht“, sagt Larissa Thiesen, die sich wie ihre Nachbarn um die Sicherheit an dem bislang nicht als Unfallschwerpunkt in Erscheinung getretenen Knotenpunkt zwischen Ottensen und Othmarschen sorgt.

„Wir haben Angst um unsere Kinder“, sagt die Anwohnerin angesichts der ebenfalls geänderten Ampelschaltung, die am Hohenzollernring nun Grün für beide Richtungen und gleichzeitig auch für Fußgänger am parallel verlaufenden Übergang Bernadottestraße zeigt. „Das ist extrem gefährlich“, sagt Larissa Thiesen, die deshalb bereits bei Polizei und Behörde Alarm geschlagen hat.

Provisorisches Hinweisschild

Diese haben inzwischen zwar mit einem zusätzlichen provisorischen Hinweisschild auf das Abbiegeverbot sowie Verkehrskontrollen zu Schulzeiten nachgebessert, gleichzeitig den neuen Geradeaus-Pfeil aus dem grünen Ampellicht aber wieder entfernt. „Autofahrer lassen sich durch Pfeile eher irritieren“, sagt Susanne Meinecke, Sprecherin der Verkehrsbehörde.

Ebenfalls irritiert ist Tim Schmuckall. Für den verkehrspolitischen Sprecher der CDU-Fraktion im Bezirk Altona kam die neue Regelung am Hohenzollernring aus heiterem Himmel. Was Schmuckall vor allem wundert, ist die Begründung mit dem Luftreinhalteplan. „Da sehe ich überhaupt keinen Zusammenhang und keinen brauchbaren Effekt für bessere Luft“, sagt er, „das ist blinder Aktionismus, da kann ich nur mit dem Kopf schütteln.“

Abbiegeverbot am Hohenzollernring

Laut Luftreinhalteplan werden im Bereich Bernadottestraße und Holländischer Reihe die EU-Grenzwerte von 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft überschritten. Deshalb soll der Verkehr dort gedrosselt werden, wofür laut Meinecke behördenübergreifend mehrere Optionen geprüft worden seien. Beschlossen wurde schließlich das Abbiegeverbot am Hohenzollernring – in Kombination mit einem geplanten Einsatz emissionsarmer Busse.

Schmuckall sieht das Problem damit aber nicht gelöst, zumal auch er – ähnlich wie viele Anwohner – die Schiffsabgase aus dem nahen Hafen als weitaus größere Ursache für die Luftverschmutzung vermutet als den Autoverkehr. „Der Verkehr wird nur verlagert“, prognostiziert der Politiker.

Berechnungen der Umweltbehörde

Die Berechnungen der Umweltbehörde geben ihm dabei sogar recht. An der Elbchaussee würde die NO2-Grenz­wertüberschreitung durch die in Kauf genommene Verlagerung demnach um 0,3 Mikrogramm auf 51,7 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft steigen, an der benachbarten Klopstocktraße um 0,4 Mi­krogramm auf dann 55,0 Mikrogramm.

Stickoxid-Belastung in Hamburg höher als bekannt?

„Die Erhöhung dort ist jedoch gering­fügig und liegt im Bereich der Unge­nauigkeiten der Modellberechnungen“, heißt es dazu im vergangenen Juni veröffentlichten Luftreinhalteplan. Für Bernadottestraße und Holländische Reihe sieht der Plan indes vor, die NO2-Grenzwerte bald einhalten zu können – „so schnell wie möglich, spätestens im Jahr 2020“, wie es in dem Papier heißt.

Anwohner: Tempo-30-Zone wird missachtet

Ausgerechnet in eben jenem Jahr könnte sich die Verkehrssituation in diesem Bereich jedoch erneut verschärfen. Dann soll der auf drei Jahre angelegte Umbau der Elbchaussee beginnen – Vollsperrungen inklusive. „Die Leistungsfähigkeit der Elbchaussee wird dann abnehmen“, sagt Schmuckall. Staus seien programmiert, das jetzt eingerichtete Abbiegeverbot an der Bernadottestraße tue sein Übriges.

Gerade erst sei der Verkehrsausschuss über die Umbaupläne der viel befahrenen Ost-West-Achse informiert worden. Über das Abbiegeverbot am Hohenzollernring habe die Verkehrs­behörde dabei kein Wort verloren. „Das finde ich sehr bemerkenswert“, sagt Schmuckall. Schließlich müsse die Verkehrssituation ganzheitlich betrachtet werden, das treffe in besonderem Maße auf Änderungen infolge des Luftreinhalteplans zu.

Spagat deutlich misslungen

Im aktuellen Fall, der ersten entsprechenden Verkehrsmaßnahme im Bezirk Altona, sieht er den Spagat deutlich misslungen. „Ich glaube, das wird für die Anwohner nicht zu einer Verbesserung beitragen“, sagt Schmuckall. „Da kann man schon über die Sinnhaftigkeit von Luftmessungen sprechen.“

Dass sich die Lage an der Kreuzung Hohenzollernring/Bernadottestraße schnell entspannen wird, glaubt der Verkehrspolitiker ebenso wenig. „Die können da noch so viele Schilder hinstellen, die Autofahrer werden weiterhin links abbiegen.“ Larissa Thiesen und ihre Nachbarn sind anderer Hoffnung, sehen aber noch ein weiteres Problem. „Die Tempo-30-Zonen der Bernadotte­straße und der Holländischen Reihe werden auch nicht eingehalten“, klagt Thiesen. „Speziell an der Kreuzung Hohenzollernring fahren die Autos besonders schnell, weil sie noch bei Grün rüberwollen. Erst auf Höhe Fischers Allee merken sie, dass dort Tempo 30 gilt.“

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