Konzertkritik

Metallica feiert Familientreffen in der Barclaycard Arena

Umjubelt und gefeiert: Metallica in der Barclaycard Arena

Umjubelt und gefeiert: Metallica in der Barclaycard Arena

Foto: Marcelo Hernandez

Tausende Fans brüllten Klassiker, aber auch neue Songs der Thrash-Metal-Legende mit. Für die Zuschauer haben sich 200 Euro gelohnt.

Hamburg. 200 Euro verlangen Schwarzhändler am Donnerstagabend vor der Barclaycard Arena für ein ­Metallica-Ticket. Viel Geld, gewiss, aber auch hier bestimmt eben die Nachfrage den Preis, und die Nachfrage ist groß. Wer im regulären Vorverkauf keine Karte ergattern konnte, greift tief in die Tasche, um dabei zu sein, bei der aktuellen „WorldWired Tour“ der Amerikaner, die in vergleichsweise kleine Hallen und eben nicht in Fußballstadien führt.

Metallica – eine Band zum Anfassen

Eine Band zum Anfassen will ­Metallica trotz Superstar-Status sein, das zeigt schon die Platzierung der Bühne in der Mitte der Arena. James Hetfield, Rob Trujillo und Kirk Hammett wechseln während der Show ständig ihren Platz, und das Schlagzeug von Lars Ulrich wird während der insgesamt 135 Minuten in mehreren Schüben um 360 Grad gedreht. Den perfekten Blick hat also jeder hier.

Und als um 20.55 Uhr das Licht erlischt und als Intro erst AC/DCs „It’s A Long Way To The Top“, dann die Titelmusik aus dem Sergio-Leone-Western „Zwei glorreiche Halunken“ erklingt, kommt noch der perfekte Sound dazu. Zwar war die norwegische Black-Thrash-Band Kvelertak als Vorgruppe ziemlich eindrucksvoll, doch jetzt will die „Metallica family“, wie Sänger/Gitarrist Hetfield sie immer wieder liebevoll nennt, nur noch eines: Die „Four Horsemen“ erleben, die apokalyptischen Reiter des Thrash Metal, die ihr Portfolio längst um wuchtige Rocknummern und schwermütige Balladen erweitert haben.

Mit den überdrehten Jungspunden, die 1984 ihr erstes Hamburg-Konzert in der Markthalle spielten und nie danach fragten, was morgen sein würde, hat Metallica heute natürlich nicht mehr viel gemein. Lediglich zwei Stücke von damals haben es in die aktuelle Setlist geschafft. Wildes Frühwerk wie „Metal Militia“, „Whiplash“ oder „Fight Fire With Fire“ ist nicht mehr dabei.

Alte Männer seien sie mittlerweile, gesteht Hetfield

Alte Männer seien sie mittlerweile, räumt Hetfield (54) mit einem Grinsen ein. Doch diese alten Männer haben es immer noch drauf. Die Songs des 2016er-Albums „Hardwired­ ... To Self-Destruct“, von denen gleich sieben gespielt werden, klingen live deutlich druckvoller als auf Platte, und die Misfits-Coverversion „Die, Die My Darling“, zu der Fotos des 1986 gestorbenen Metallica-Bassisten Cliff Burton über die etwa 50 Videowürfel laufen, ist eh ein Selbstgänger.

Ebenso wie Masseneuphorisierer vom Schlage eines „Seek & Destroy“ oder „Master Of Puppets“, bei denen vom Innenraum bis zum Oberrang aus voller Kehle gebrüllt und mit den geballten Fäusten die Hallenluft durchstoßen wird. Selbst „Fuel“ vom einst in ­Fankreisen harsch kritisierten Album „Reload“ wird gefeiert. Wie sich die Zeiten doch ändern ...

Metallica, das ist längst eine gut ­geölte Heavy-Metal-Maschine, die sich – einmal gestartet – nicht mehr stoppen lässt. Die eine exakt choreografierte Show abliefert, die trotz ihrer Perfektion spontan wirkt – weil die Begeisterung der Musiker, ihren Traum leben zu können, nichts Gekünsteltes hat. Selbst die ständig über die Bühne wieselnden Techniker, die zu gefühlt jedem Song neue Getränke anreichen, den Boden trocken wischen oder Lars Ulrich mit frischen Drumsticks versorgen, ändern daran nichts.

Gute Unterhaltung – trotz Vorhersehbarkeit

Auch wenn die vier Metallica-Mitglieder längst vielfache Millionäre sind, Hetfield inzwischen einen kleinen Bauchansatz zeigt und Hammett mit grauem Haar ein wenig an das „Gespenst von Canterville“ erinnert, sie alle haben immer noch das Rockerherz am rechten Fleck. Und das erreicht nicht mehr nur die langhaarige Heavy-Metal-Gemeinde, die an diesem Abend ohnehin klar in der Minderheit ist.

Sondern auch den Achtjährigen, der mit seiner Mutter in der ersten Reihe steht, den Werber mit Hipster-Bart, der vor ­Konzertbeginn noch die jüngsten Entwicklungen bei Jung von Matt diskutiert hat, und das Mittdreißiger-Pärchen, das selig ist, den von Metal-Puristen gehassten Überhit „Nothing Else Matters“ endlich einmal live zu hören.

Klar, wer Metallica schon häufiger gesehen hat, der kennt die „Do you feel alive?“- und „Is this song too heavy for you?“-Spielchen von James Hetfield. Der weiß, dass Rob Trujillo zu „To Whom The Bell Tolls“ stets eindrucksvoll im Kriechgang über die Bühne basst und im Zugabenblock auf jeden Fall noch „Enter Sandman“ kommt, be­gleitet von ein paar hübschen Feuer­fontänen. Gute Unterhaltung ist das bei aller Vorhersehbarkeit trotzdem.

Und wer in die Gesichter jener blickt, die beim abschließenden, minutenlangen Verabschiedungsritual der Band ein ­Gitarrenplektrum oder gar einen von Ulrichs Drumsticks ergattern, der weiß, dass hier eine Menge Leute eine verdammt gute Zeit haben. Eine Zeit, für die sie – wenn es denn nicht anders geht – auch das nächste Mal wieder 200 Euro investieren würden. Und noch 30 Euro für ein Tour-T-Shirt drauflegen. Glück gegen Geld: Letztlich für beide Seiten ein gutes Geschäft.