Hamburg

Wenn für ihr Leid auch noch

Im Juli 2017 wird eine alte Dame am Neuen Wall von einem Jugendlichen angerempelt und verletzt sich schwer. Für den Umbau des Bades soll sie jetzt selbst aufkommen

Es ist ein warmer Julitag 2017, als Elisabeth Meyer (78/Name geändert) über den Neuen Wall bummelt. Manche Geschäfte sind verrammelt, der G-20-Gipfel steht unmittelbar vor der Tür. Gegen 16 Uhr geht Elisabeth Meyer zur ­U-Bahn-Station Jungfernstieg, um wieder nach Billstedt zu fahren. Plötzlich spürt sie einen heftigen Stoß gegen Rücken und Kopf, sie stürzt, sieht nur noch aus dem Augenwinkel einen etwa 16-Jährigen, der sie so heftig angerempelt hat, sowie einen weiteren Jugendlichen. Eine Stunde später liegt sie in der Notfallaufnahme des Krankenhauses St. Georg, wo die Ärzte eine schwere Gehirnerschütterung und einen komplizierten Oberschenkelhalsbruch diagnostizieren. Was in den folgenden Monaten passiert, gleicht einem Lehrbeispiel, wie es einem Opfer ergehen kann. Elisabeth Meyer musste fast unerträgliche Schmerzen erleiden, wird wohl nie wieder beschwerdefrei gehen können – und muss jetzt fürchten, dass sie den notwendigen Umbau ihres Badezimmers auch noch selbst bezahlen muss.

Acht Monate nach dem fatalen Sturz klingeln Werner Springer, Betreuer der Opferschutzorganisation Weisser Ring, und der Abendblatt-Reporter bei Elisabeth Meyer in Billstedt. Zwei Wanderstöcke lehnen an der Wand, mit ihnen geht Elisabeth Meyer lieber als mit einem Stock, den ihr die Ärztin verordnen wollte. Ihr Rollator steht auf dem Hausflur vor der Eingangstür, die Rentnerin nimmt ihn nur zum Einkaufen. „Ich will alles versuchen, dass es mit dem Gehen noch etwas besser wird.“ Ihre Zweizimmerwohnung liegt im Hochparterre – zum Glück, sagt sie. Die acht Stufen bis zum Ausgang schafft sie so gerade, wenn sie sich am Treppenlauf festhält.

Vor dem Sturz war Elisabeth Meyer richtig fit. Regelmäßig fuhr sie zu organisierten Wanderungen, etwa um den Maschsee in Hannover. Und zweimal in der Woche absolvierte sie ihr Training bei Sportspaß, die Übungsleiterin habe auf Sturzprävention in den Kursen für Senioren besonderen Wert gelegt. „Genutzt hat es mir aber leider nichts, es ging alles viel zu schnell.“

An ihren Unfall hat sie kaum Erinnerungen. „Für ein paar Momente war ich regelrecht weggetreten.“ Ein etwa 30-jähriger Mann habe ihr wieder auf die Beine helfen wollen, offenbar der Begleiter der beiden Jugendlichen. „Aber ich habe gleich gespürt, dass ich nicht mehr richtig stehen kann, also habe ich den Mann gebeten, einen Krankenwagen und die Polizei zu rufen“, sagt sie.

Elisabeth Meyer schenkt sich Wasser nach; ihr ist anzumerken, wie nahe ihr diese Schilderungen gehen. Die Wochen nach dem Sturz seien ein einziger Albtraum gewesen. „Ich hatte unvorstellbare Schmerzen, bekam morphiumähnliche Medikamente.“ Acht Tage blieb sie in St. Georg, wurde dann ins Marienkrankenhaus verlegt, schließlich für vier Wochen nach Bad Schwartau zur Reha. „Ich musste das Laufen wieder lernen, vor allem das Treppensteigen.“

Für eine Woche kehrte sie dann in ihre Wohnung in Billstedt zurück, betreut von ihrer Tochter, die mit ihrer Familie in Bremervörde lebt. „Aber uns wurde schnell klar, dass ich allein nicht mal einkaufen kann. Also bin ich zu meiner Tochter gezogen.“ Drei Monate blieb sie dort, gut versorgt in einem Haus mit bodentiefen Duschen in den zwei Bädern. Aber keine Dauerlösung für die Seniorin: „Ich wollte den Kinder doch nicht zur Last fallen.“

Elisabeth Meyer zeigt ihr Badezimmer, blitzblank, völlig ausreichend für eine gesunde Bewohnerin. Aber eben nicht mehr für sie. Die Krankenkasse hat ihr einen Sitz in der Badewanne installieren lassen, damit sie sich dort duschen kann. „Aber allein komme ich da kaum rauf, ich muss mich ja auch noch drehen.“ Jetzt holt sie Kostenvoranschläge für den Umbau zu einer barrierefreien Dusche ein. Das Problem: Es geht nur mit einer Kernbohrung durch das Haus in den Keller, die Miteigentümer müssen zustimmen. So oder so wird es teuer, ein erstes Angebot einer Sanitärfirma liegt bei 6169,93 Euro. „Das könnte ich mir gerade noch leisten, aber ich wollte das Geld ja eigentlich für später zurücklegen“, sagt sie.

Und der Täter? „Meine Tochter hat sich telefonisch bei der Polizei und bei der Staatsanwaltschaft erkundigt. Aber sie ist nicht wirklich weitergekommen. Erst der Weisse Ring hat erreicht, dass wir über das Verfahren informiert werden.“ Werner Springer bat die Staatsanwaltschaft Stuttgart um Auskünfte, sie ist zuständig, da der Jugendliche in einer Kleinstadt am Neckar lebt.

Die Justiz reagierte binnen zwei Wochen, schickte am 27. Februar eine „Kopie der Einstellungsverfügung“. Das Schreiben hat Elisabeth Meyer in den vergangenen Tagen wieder und wieder studiert – und jedes Mal wächst ihr Unmut. „Wie kann es sein, dass ein Verfahren wegen schwerer Körperverletzung einfach so eingestellt wird?“

Keine Ansprüche aus dem Opferentschädigungsgesetz

Die Staatsanwaltschaft erklärt dies in acht dürren Zeilen. Demnach habe der Beschuldigte, der im November 17 Jahre alt wird, „die Geschädigte nicht absichtlich zu Boden gestoßen“. Er sei von einer „anderen Person angerempelt“ worden, dann aus „Ablenkung bzw. Unachtsamkeit“ mit der Geschädigten zusammengestoßen. Weiter heißt es: „Dem Beschuldigten tut die Tat sehr leid. Er ist bereits hinreichend beeindruckt durch die erfolgte polizeiliche Vernehmung. Weitere erzieherische Maßnahmen erscheinen vor diesem Hintergrund nicht als erforderlich.“

Auch Werner Springer, einer der erfahrensten Betreuer im Hamburger Raum, kann das alles nicht wirklich verstehen. „Man hätte dem Jugendlichen doch zumindest aufgeben müssen, dass er sich bei seinem Opfer entschuldigt.“ Die Entscheidung der Staatsanwaltschaft hat nicht nur emotionale Konsequenzen. Da die Tat als fahrlässige Körperverletzung gewertet wird, kann Elisabeth Meyer keine Ansprüche gegenüber dem Staat aus dem Opferentschädigungsgesetz stellen.

Ihr bleibt nun nur noch, zivilrechtlich gegen den Jugendlichen oder seine Eltern vorzugehen, diesen Weg hält die Staatsanwaltschaft ausdrücklich offen. Springer hat im Namen von Elisabeth Meyer ein Schreiben an den Beschuldigten verfasst, auch mit dem Hinweis auf eine mögliche Regulierung durch eine eventuell vorhandene Haftpflichtversicherung. Doch das Einschreiben ruht bei der Post, es wurde bislang nicht abgeholt. Springer ist skeptisch: „Ich fürchte, da kommt nichts mehr.“

Elisabeth Meyer könnte den Jugendlichen zwar verklagen. „Aber dann könnte ihr passieren, dass sie auch noch auf den Gerichtskosten und dem Honorar für den Anwalt sitzen bleibt, falls der Jugendliche oder seine Eltern mittellos sein sollten“, sagt Springer. Immer wieder passiert es Opfern, dass bei Tätern nichts zu holen ist. Springer hofft nun, dass die Pflegeversicherung einen Zuschuss für das neue Bad gewährt, falls Elisabeth Meyer aufgrund ihrer Beeinträchtigung ein Pflegegrad zuerkannt werden sollte.

Doch auch mit einer neuen Dusche wird in ihrem Leben vieles nicht mehr so sein wie früher. Bei Sportspaß hat sie inzwischen gekündigt, „das hatte keinen Sinn mehr“. Die Wanderungen vermisst sie sehr, vor allem die sozialen Kontakte. Jetzt muss sie Bekannte bitten, ihr bei der Hausarbeit zu helfen. „Vor allem Bücken fällt mir nach wie vor sehr schwer.“ Und noch etwas hat sich geändert: Elisabeth Meyer hat Angst bei ihren kurzen Spaziergängen durch Billstedt. „Wenn ich hinter mir Stimmen höre, drehe ich mich sofort um. Dann sind die Bilder vom Neuen Wall gleich wieder da.“