Hamburg

Hamburg baut Radwege langsamer als geplant

| Lesedauer: 5 Minuten
Andreas Dey

Nur 30 statt 50 Kilometer pro Jahr – Rot-Grün bleibt hinter eigenem Ziel zurück. 40 Prozent der Velorouten fertig. Kritik von der Opposition

Hamburg. Der Ausbau der Fahrrad-Infrastruktur in Hamburg ist 2017 weiter vorangeschritten, allerdings nicht so schnell wie ursprünglich geplant. So wurden im 280 Kilometer langen Netz der Velorouten, jener Hauptschlagadern des Radverkehrs, 7,2 Kilometer ausgebaut, eine Verdoppelung gegenüber 2016 (3,3 Kilometer). Damit sind nun 40 Prozent der Velorouten fertig oder im Bau, für weitere 50 Prozent sind konkrete Maßnahmen geplant, und nur für 9,6 Prozent gibt es noch keinen fertigen Plan. Zum Vergleich: Im Juli 2017 waren 36 Prozent der Velorouten fertig oder im Bau, aber für 48 Prozent gab es noch nicht einmal einen Plan.

Die Daten hat der Senat auf eine Kleine Anfrage des Grünen Bürgerschaftsabgeordneten Martin Bill bekannt gegeben. In dieser „Jahresbilanz Radverkehr 2017“ unterscheidet der Senat bei den Velorouten erstmals 130 Kilometer „ohne Handlungsbedarf“ und 150 Kilometer „mit Handlungsbedarf“. Dass dennoch nur 40 Prozent der Velorouten fertig sind (also umgerechnet 112 Kilometer), erklärte die Verkehrsbehörde auf Nachfrage damit, dass auch bei Strecken „ohne Handlungsbedarf“ noch kleinere Arbeiten anstehen können.

Nach Angaben des Senats wurde auf 30 Kilometer Länge die Radverkehrsführung umgestaltet, darunter 12,3 Kilometer Radfahrstreifen (durchgezogene Linie auf der Fahrbahn), 3,7 Kilometer Schutzstreifen (gestrichelte Linie) sowie 2,1 Kilometer neu geschaffene Fahrradstraßen. Diese Straßen, auf denen die Radler Vorrang vor dem motorisierten Verkehr haben, entstanden am Alsterufer (380 Meter), am Leinpfad (1630 Meter) und am Maukestieg in Billstedt (100 Meter). Weitere zehn Fahrradstraßen sind in Planung: Am Horner Weg (Hamm/Horn, Länge: 1300 Meter), Alsterufer (Rotherbaum, 1030 Meter), Billstedter Bahnstieg (Billstedt, 1600), Chemnitzstraße (Altona-Altstadt, 485), Thadenstraße (Altona-Altstadt, 800 Meter), Högenstraße (Eimsbüttel, 900) und Tornquiststraße (Eimsbüttel, 550), Schlüterstraße (Rotherbaum, 700), Höpen/Am Ohlmoorgraben (Langenhorn, 460) sowie an der Denickestraße (Eißendorf, 1625 Meter).

„Der Radverkehr nimmt Fahrt auf“, sagte Bill. „Über 50 Prozent der Veloroutenstrecken sind inzwischen in der Planung, und der sichtbare Baufortschritt kommt auch nach und nach in die Gänge“, so der Grünen-Verkehrsexperte. Dass der rot-grüne Senat mit den 30 Kilometern neuer Radwege deutlich hinter dem selbst gesteckten Ziel von 50 Kilometern pro Jahr zurückblieb und es kaum noch zu schaffen sein dürfte, alle Velorouten wie geplant bis 2020 fertigzustellen, wollte er nicht überbewerten: „Dass die Umsetzung nicht von heute auf morgen gelingt, liegt immer auch an der umfangreichen Planungsphase. In diesem Jahr werden vermehrt die Bagger rollen und für eine bessere Streckenbilanz sorgen.“ Erfreulich sei für ihn auch die Entwicklung bei den Fahrradstraßen.

Die Linke wirft dem Senat „Schmalspurpolitik“ vor

Bill verwies zudem darauf, dass das Fahrradverleihsystem StadtRad trotz der Probleme mit den Tretlagern 49.100 Neukunden gewinnen konnte und mit 451.184 registrierten Nutzern einen neuen Höchststand erreicht habe.

CDU-Verkehrsexperte Dennis Thering betonte hingegen, dass die Zahl der Ausleihvorgänge bei StadtRad gegenüber 2016 von 3,044 auf 2,92 Millionen Fahrten zurückgegangen sei: „Dies ist der erste Rückgang in der Geschichte von StadtRad Hamburg überhaupt.“ Bis dahin sei das zu schwarz-grünen Zeiten 2009 gestartete Fahrradleihsystem „eine einzige Erfolgsgeschichte“ gewesen, so Thering. Allerdings dürfte auch dieser Rückgang wesentlich darauf zurückzuführen sein, dass die Räder wegen der kaputten Tretlager über Tage gar nicht zur Verfügung standen.

Nachdem schon die Zahl der an den „Fahrradpegeln“ einmal jährlich gezählten Radfahrer 2017 um drei Prozent gegenüber 2016 zurückgegangen sei (von 53.164 auf 51.575), fiel Therings Fazit dennoch negativ aus: „Das ideologiegetriebene Prestigeprojekt Fahrradstadt von SPD und Grünen radelt ganz schweren Zeiten entgegen.“ Da passe es ins Bild, dass nur 30 Kilometer an Radverkehrsinfrastruktur in Hamburg fertiggestellt wurden. 2016 seien es noch knapp 45 und 2015 immerhin 33 Kilometer gewesen, so Thering: „Bei diesem Tempo wird der Senat rund 60 Jahre brauchen, um alle Radverkehrsführungen einmal auf Vordermann gebracht zu haben.“

Auch Heike Sudmann, Verkehrsexpertin der Linkspartei, sparte nicht mit Kritik: „Was für eine magere Bilanz. Bei der Hauptschlagader des Radverkehrs, den Velorouten, wird ein Handlungs­bedarf für 150 Kilometer festgestellt. Knappe acht Kilometer davon wurden in 2017 geschafft. Wann und ob die Planung für den Rest realisiert wird, ist völlig offen. Da ist echt die Luft aus den Reifen der vermeintlichen Fahrradstadt Hamburg.“

Sudmann verwies außerdem auf die politischen Rahmenbedingungen. „Dieselskandal, Stickoxidbelastung – was braucht der rot-grüne Senat noch an Schreckensmeldungen, um endlich eine echte Verkehrswende einzuleiten? Raus aus dem Auto und rauf auf das Rad geht nicht mit dieser Schmalspurpolitik.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg