Tagesschau

Er ist der jüngste Korrespondent der ARD-Geschichte

Jan Philipp Burgard auf Heimatbesuch in Hamburg, hier am Eppendorf Baum

Jan Philipp Burgard auf Heimatbesuch in Hamburg, hier am Eppendorf Baum

Foto: Klaus Bodig / Klaus Bodig / HA

Zwischen Weißem Haus und Epppendorf: Jan Philipp Burgard ist für die Tagesschau in den USA. Das Abendblatt traf ihn in Hamburg.

Hamburg.  Worüber spricht man mit einem USA-Korrespondenten als Erstes? Natürlich über „America First“, über die Politik von Präsident Donald Trump. Oder doch lieber über den Heiratsantrag, den Jan Philipp Burgard seiner Anna Maria, einer Juristin aus Winterhude, am Lincoln Memorial in Washington gemacht hat? Denn mit diesem romantischen Kapitel beginnt der 32-Jährige – und damit übrigens der jüngste USA-Korrespondent der ARD aller Zeiten – sein Buch „Ausgeträumt, Amerika?“, das gerade im Rowohlt Verlag erschienen ist. „Ich träume davon, mit dir hier in Amerika zu leben und eine Familie zu gründen“, sagte der promovierte Politikwissenschaftler in dieser eiskalten Winternacht zu seiner Freundin.

Erst mal ein Schnitzel bestellen

Dieser Traum hat sich erfüllt. Seit jenem Tag im November 2016, an dem Donald Trump zum mächtigsten Mann der Welt gewählt wurde, berichtet Bur­gard als Korrespondent und stellvertretender Leiter des ARD-Studios Washington für die „Tagesschau“ und die „Tagesthemen“ aus dem Weißen Haus – und reist für den „Weltspiegel“ nach Alaska oder Texas. Anna Maria, mittlerweile seine Ehefrau, und die zweijährige Tochter wohnen seit vergangenem Jahr auch bei ihm in der amerikanischen Hauptstadt. „Schon als Jugendlicher wollte ich unbedingt in die USA“, sagt Jan Philipp Burgard, während er auf sein Wiener Schnitzel wartet („Ich muss unbedingt etwas bestellen, das ich drüben nicht bekomme“). Aber sein Blick auf das vermeintliche „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ sei natürlich längst nicht mehr der des Teenagers, der am liebsten Elvis Presley hörte und amerikanische Actionfilme wie „The Rock“ mochte.

„Angesichts des erstarkten Rassismus und der Waffengewalt gibt es schon Momente, wie kürzlich nach dem Schulmassaker in Florida, in denen ich mich frage: Ist das wirklich noch ein Land, in dem man guten Gewissens ein Kind aufwachsen lassen kann?“ Bisher beantwortet der Journalist diese Frage mit Ja. „Der Optimismus der Amerikaner, dieser unerschütterliche Glaube, dass man alles schaffen kann, wenn man nur hart genug arbeitet, begeistert mich immer wieder. Ebenso wie die Warmherzigkeit und die offene Art der Menschen.“ Deutschen gegenüber seien die Amerikaner, von denen immerhin ein Fünftel angibt, deutsche Wurzeln zu haben, immer noch sehr zugewandt. „Deutsche Autos sind nach wie vor sehr beliebt. Und wenn ich erzähle, dass wir aus Hamburg kommen, dann können die meisten mit der Stadt etwas anfangen und loben die tolle Architektur.“

Von der Politik abgehängt, von den Medien vergessen

Aber natürlich habe der Alltag in der Hauptstadt Washington, dieser „Blase“ aus Politikern, Journalisten und Lobbyisten, wenig zu tun mit dem Leben, das Millionen von Amerikanern führen. „Um dieses gespaltene Land voller Widersprüche zu verstehen und den für die ganze Welt überraschenden Wahlerfolg von Donald Trump zu erklären, muss man durch das Land reisen.“ Genau das hat JP, wie ihn seine amerikanischen Freunde nennen („Jan sprechen sie sonst immer aus wie Jane“), für sein Buch ein Jahr lang getan. Er hat sich umgehört bei den Arbeitern in den Kohleminen von West Virginia, hat Cowboy-Kids in Texas getroffen und einen Sheriff an der Grenze zu Mexiko, die der Präsident am liebsten zumauern will. „Die Menschen, die jetzt so große Hoffnungen in Trump setzen, sind ja nicht alle dämlich oder naiv, wie manche Europäer leichtfertig urteilen. 50 Millionen Amerikaner leben unterhalb der Armutsgrenze und es gibt einfach zu viele, die sich von der Politik abgehängt und von den Medien vergessen fühlen.“

Besonders beeindruckt hat den leidenschaftlichen Eishockeyspieler („Ich bin echt traurig, dass es die Hamburg Freezers nicht mehr gibt“) sein Aufenthalt in Alaska. „Donald Trump hat den Klimawandel einmal als Erfindung der Chinesen bezeichnet. Und dann stehst du plötzlich auf einer Insel, die nach und nach im Meer versinkt und in 30 Jahren verschwunden sein wird. Die Inu­piat-Eskimos dort waren uns dankbar, dass wir auf ihr Schicksal aufmerksam machen“, sagt der gebürtige Sauerländer, der für seine TV-Dokumentation „Alaska im Klimawandel“, die im vergangenen Oktober in der ARD und bei Phoenix zu sehen war, im Mai in Berlin mit dem renommierten RIAS-Medienpreis ausgezeichnet wird.

Erst das Telefon, dann die Ehefrau

Die wenigen freien Stunden in Eppendorf, wo die Familie seiner Frau mittlerweile wohnt, genießt Jan Philipp Burgard sehr. Beim Cappuccino schaut er aber natürlich dennoch immer mal wieder auf sein amerikanisches Handy, denn in der Regel verkündet Donald Trump über den Kurznachrichtendienst Twitter, wen er gerade wieder entlassen hat und was er als Nächstes plant. „Früher habe ich morgens als Erstes den Arm um meine Frau gelegt, heute greife ich sofort nach meinem Telefon.“ Zu groß sei die Angst, eine wichtige Nachricht zu verpassen. „Es ist ja alles völlig unberechenbar geworden, klassische Pressekonferenzen gibt der Präsident kaum noch“, sagt der Journalist, der einige Jahre als Reporter für den NDR in Lokstedt gearbeitet hat. „Dieser Präsident haut an manchen Tagen mehrere Breaking News raus.“ Dann herrsche – auch wegen der Zeitverschiebung - große Betriebsamkeit im ARD-Studio in Georgetown, in dem derzeit insgesamt vier Korrespondenten beschäftigt sind. „Es ist Ortszeit 14 Uhr, wenn wir für die Tagesschau berichten. Das heißt, uns bleiben nur wenige Stunden am Vormittag, um die Flut an Informationen zu sichten und zu prüfen.“

Für die „Tagesschau“ nur Stehplätze

Mit dem Präsidenten ein exklusives Interview zu führen, das sei für einen deutschen Korrespondenten derzeit „ziemlich utopisch“, denn Trump gebe fast nie Vier-Augen-Interviews und wenn überhaupt nur den US-Medien. „Für uns ausländische Berichterstatter sind im Presseraum des Weißen Hauses meistens nur Stehplätze reserviert. Neulich hat mir ein amerikanischer Kollege mal für eine Woche seinen Sitzplatz in der dritten Reihe angeboten. Wahnsinn! Das war ungefähr so, als hätte er mir für die Zeit seines Urlaubs seinen Porsche geliehen.“ Es sei schon eine „besondere Zeit“, sagt Jan Philipp Bur­gard. Allein wegen des nie still stehenden Personalkarussells. „Da hat man gerade einen Kontakt ins Weiße Haus aufgebaut, da ist derjenige vielleicht schon wieder gefeuert.“

Wünscht es sich der Steak-Liebhaber, der in Hamburg gern mal ins Clouds in den Tanzenden Türmen geht und zu Hause in Washington nach Feierabend am liebsten grillt, manchmal etwas ruhiger? „Nein, überhaupt nicht. Ich bin ja nicht dort, um mich wohlzufühlen. Ich möchte erklären, was in Amerika passiert und welche Auswirkungen das auf Deutschland hat.“

Was ist der nächste Traum des jungen Korrespondenten? Der 32-Jährige zuckt mit den Schultern. „Darüber denke ich gerade gar nicht nach.“ Schon heute ist er dann vielleicht schon wieder im Weißen Haus im Einsatz. Für Jan Philipp Burgard heißt es jetzt erst einmal „America First.“