Hamburg

Wohin mit all den Autos in Wohngebieten?

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Jens Meyer-Wellmann und Axel Tiedemann

In Hamburg gibt es immer mehr Pkw und immer weniger Parkplätze. Die Politik diskutiert über mögliche Lösungen

Hamburg. Die Hamburger benutzten immer seltener ein Auto, um sich in der Stadt zu bewegen – sie besitzen aber immer mehr Pkw (siehe Seite 1). Das führt dazu, dass Parkplätze in Wohngebieten immer knapper werden. Verschärft wird die Lage dadurch, dass Bauherren seit 2014 nicht mehr verpflichtet sind, beim Wohnungsbau Parkplätze zu errichten. „Die Stadt muss endlich ein ganzheitliches Parkraumkonzept vorlegen“, fordert deshalb jetzt Carsten Willms, verkehrspolitischer Sprecher des ADAC Hansa. Außerdem müsse der Senat die Stellplatzpflicht wieder einführen, in Quartiersgaragen investieren und die P+R-Gebühren abschaffen.

SPD-Verkehrspolitikerin Martina Koeppen dagegen sagt, dass trotz der Abschaffung der Stellplatzpflicht genügend Parkplätze errichtet würden. Auch gingen viele Pkw-Neuanmeldungen auf Firmenfuhrparks zurück. Allerdings: Viele Car-Sharing-Autos fahren dafür mit Berliner oder Münchner Kennzeichen durch Hamburg, fallen also nicht in die Pkw-Statistik. Parkplatzprobleme gibt es laut ADAC vor allem in Wohngebieten. Wer in der Innenstadt parken wolle, finde in der Regel immer einen Parkplatz – natürlich gegen Gebühren. Tatsächlich haben die scharfen Kontrollen dazu geführt, dass es kaum noch Langzeitparker in der City gibt. Wer kurzzeitig zum Einkaufen einen Platz braucht, findet deswegen jetzt fast immer einen. In engeren Wohnvierteln dagegen, wo viele öffentliche Parkplätze gratis nutzbar sind, wird es immer schwieriger, einen Stellplatz zu finden.

Eine Folge: Immer mehr Autofahrer stellen ihre Pkw so ab, dass sie Fußgängern, Rollstuhlfahrern oder Eltern mit Kinderwagen den Weg versperren. Grünen-Verkehrspolitiker Martin Bill setzt daher auf mehr Kontrollen in den Wohngebieten. „Wir sind schon dabei, diese zu erhöhen“, so Bill. Auch solle das Bewohnerparken ausgeweitet werden. Autofahrer, die aus anderen Teilen der Stadt kommen, dürfen dann nicht mehr überall parken. „Fahrzeuge werden immer weniger genutzt und werden zu Stehzeugen“, so Bill. „Wir versuchen daher mit dem Ausbau des ÖPNV, der Entwicklung zur Fahrradstadt und CarSharing-Angeboten Alternativen zum eigenen Auto zu schaffen.“

Quartiersgaragen hätten sich leider in Hamburg nicht durchgesetzt, so Bill. „Aktuell findet man kaum noch jemanden, der bereit ist, solche Garagen zu finanzieren. Auch viele Tiefgaragen, die im Zuge von Wohnungsbau entstanden sind, sind leider nicht ausgebucht. Viele fahren anscheinend lieber fünfmal um den Block, bevor sie einen Garagenplatz mieten.“ Es sei „erschreckend, dass in den Wohngebieten alles zugeparkt wird, auch Straßenüberwege und Einmündungen. Wenn Schulkinder hinter parkenden Autos nicht gesehen werden oder Rettungsfahrzeuge nicht durch- kommen, sei das lebensgefährlich.

Die CDU dagegen setzt weiterhin auf Quartiersgaragen. „Was nicht zwingend über der Erde sein muss, sollten wir unter die Erde verlagern“, sagte CDU-Fraktionschef André Trepoll. „In eng bebauten Stadtteilen müssen mehr Quartiersgaragen gebaut werden. Da muss die Stadt investieren, damit diese Form der individuellen Mobilität weiter möglich ist und ärgerliche Parkplatzsuche vermieden wird.“ Es sei vernünftig, dass Anwohner für einen gesicherten Parkplatz in ihrem Viertel bezahlten. CDU-Verkehrspolitiker Dennis Thering betonte, dass seine Partei einen Bürgerschaftsantrag für die Umsetzung des „Züricher Parkplatzkompromisses“ eingebracht habe. „Dort wurden oberirdische Parkplätze in unterirdische Anlagen verschoben, ohne dass die Gesamtzahl angetastet wurde“, so Thering. „Kombiniert man dies mit digitaler Verkehrssteuerung, gehören Parkraumprobleme der Vergangenheit an.“

Immer weniger Parkplätze auch bei großen Bauprojekten

Dass Bauherren oder die Stadt die Errichtung von Parkplätzen zurückfahren, lässt sich auch an Großprojekten sehen. So hatte der Architekt des geplanten „Elbtowers“, Christoph Felger, im Abendblatt-Interview die Entscheidung verteidigt, für geplante 3000 Arbeitsplätze nur 600 Parkplätze zu errichten. „Wie wir uns in Zukunft fortbewegen, ist einem dramatischen Wandel unterzogen, das Auto gehört immer weniger dazu“, so Felger. Am Potsdamer Platz in Berlin sei der Bau von Tiefgaragen eine Fehlinvestition gewesen, da diese nicht einmal zur Hälfte ausgelastet seien.

Sparsam wird auch die Parkplatz-Ausstattung am neuen Fernbahnhof Altona ausfallen, der 2024 in Betrieb gehen soll. Ganze 22 Stellplätze sieht die Planung vor – aber 600 Fahrradabstellplätze. Die CDU kritisiert dies, der Senat aber macht in einem Schreiben an den Bezirk klar, dass die Entscheidung bewusst getroffen wurde. Am Bahnhof werde es eine Verknüpfung mit S- und Regionalbahnen geben, heißt es in dem Brief. Für „Bewohner der Fläche“ stünden P+R-Plätze zur Verfügung. „Ein direktes Anfahren des Bahnhofs mit der Notwendigkeit längerer Parkvorgänge soll ausdrücklich vermieden werden.“

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