Hammerbrook

Der Großmarkt – ein Besuch im grünen Herz der Stadt

Birgit und Peter Flügge besuchten den Großmarkt. Hier schauen sie sich Granatäpfel an.

Birgit und Peter Flügge besuchten den Großmarkt. Hier schauen sie sich Granatäpfel an.

Foto: Klaus Bodig / Klaus Bodig / HA

Wer hinter die Kulissen des Großmarkts schauen will, kann jetzt an Führungen teilnehmen – muss aber früh aufstehen.

Hamburg.  Birgit Flügge ist freiwillig so früh aufgestanden. Um 5.30 Uhr warten sie und Ehemann Peter am Tor West vom Hamburger Großmarkt an der Banksstraße. „Ich möchte sehen, wo all Äpfel bleiben, die im Alten Land wachsen“, sagt die 50-Jährige. Sie kommt aus dem Obstanbaugebiet südlich der Elbe und hat sich für die Spurensuche für die erste öffentliche Führung auf dem Hamburger Großmarkt angemeldet. „Freitags haben wir immer frei, da passt das ganz gut.“

Wer schon immer wissen wollte, was nachts in der Großmarkthalle in Hammerbrook passiert, der kann neuerdings einen Blick hinter die Kulissen werfen. Auf geführten Touren erleben die Gästen den nächtlichen Handel und erfahren etwas über die Bedeutung vom „grünen Herz der Stadt“. Für zehn Euro zwei Stunden lang Informationen über Handel und Wandel, Obst und Gemüse, Döntjes, leihweise eine neongelbe Warnweste und zum Schluß eine Andenkentüte inclusive. „Einerseits haben wir immer Anfragen von Verbrauchern, die den Großmarkt kennen lernen möchten, andererseits wollen wir über unsere Arbeit aufklären“, sagt Marketing-Chefin Alexandra Adler. „Hier ist schließlich jeden Tag Saison.“

400 Marktfirmen mit etwa 3500 Angestellten vor Ort

Die Premieren-Tour mit 20 Gästen hat Joachim Köhler übernommen. 47 Jahre lang war er im Ein- und Verkauf von Obst und Gemüse tätig, seit zwei Jahren ist der 67-Jährige in Rente. „Als die Anfrage für die Führung kam, habe ich gleich zugesagt“, so der Hamburger. Früh aufzustehen macht ihm nichts. „5.30 Uhr Arbeitsbeginn ist für mich schon spät, das war jahrelang anders.“

Angetan mit orangefarbener Warnweste steht er vor seinem Publikum und referiert: „Ungefähr 1,5 Millionen Tonnen Frischware werden pro Jahr auf dem 27,3 Hektar großen Gelände umgeschlagen. Das bedeutet einen Umsatz von zwei Milliarden Euro. Rund 400 Marktfirmen mit etwa 3500 Angestellten machen an sechs Tagen pro Woche die Nacht zum Tag. Hier wird die gesunde Ernährung der Stadtbewohner sichergestellt. Mehr als 5000 Händler und Gastronomen kaufen regelmäßig ihre frischen Waren ein.“

Betrieb in der Obst- und Gemüsehalle beginnt um 23 Uhr

Seit mindestens 23 Uhr ist Betrieb in der 220 Meter langen Obst- und Gemüsehalle mit dem Wellendach, eröffnet 1962 und mittlerweile unter Denkmalschutz. Sogar aus Polen und Dänemark kommen die Einkäufer, um ihre Kunden wiederum mit Möhren und Sellerie, Äpfeln und Ananas, Tomaten und Kartoffeln zu versorgen. Im Einzugsbereich vom Hamburger Großmarkt leben 15 Millionen Menschen“, so Köhler, der bei seiner Runde mit den Besuchern ständig von Händlern gegrüßt und natürlich geduzt wird. „Das ist hier bei uns so Sitte“, sagt der Pensionär, der sich dem Marktleben immer noch sehr verbunden fühlt.

Hinter vielen Kisten mit Kräutertöpfen sitzt Heiner Wischendorff. In seinem Betrieb in Fliegenberg an der Elbe baut er auf 8000 Quadratmetern verglaster Fläche Grünzeug wie Zitronenmelisse und Thymian, Minze und Kerbel an. „Basilikum verkaufe ich am meisten“, sagt der 56-Jährige. Dieses mediterrane Kraut wächst am schnellsten, Rosmarin am langsamsten. Im Sommer dauert es rund vier Wochen von der Aussaat bis zur topffertigen Ware, im Winter fast doppelt so lange.

Wischendorff ist seit 34 Jahren auf dem Großmarkt, Edeka einer seiner großen Kunden. Aus der Gruppe nach Pflegtipps für Kräuter gefragt, verrät er sein Motto: „Abschneiden, verbrauchen, wegwerfen, neu kaufen.“

Gabelstapler fahren durch die Gänge und transportieren Paletten, auf Hubwagen werden Sortimente mit Melonen, Blattspinat, Granatäpfeln, Kohl und Quitten zusammengestellt. Am Stand der Frucht-Börse Günaydin steht Besucher Lutz Habermann und begutachtet die Orangen. Aber nicht zum Essen, sondern als Motiv. „Ich fotografiere sehr gern, deshalb bin ich heute hier“, sagt der 39-Jährige, der zusammen mit seinem Freund Christian Hach aus Winsen nach Hammerbrook gekommen ist.

Die Händler sind eine gute Gemeinschaft

Joachim Köhler erklärt derweil die Preisgestaltung. „Die Kurse schwanken jeden Tag je nach verlangter Menge, Angebot und Nachfrage.“ Und natürlich spiele das Wetter eine Rolle. „Der Regen ist in Italien noch nicht gefallen, da steigen hier schon die Preise für Erdbeeren.“ Pro Tag kommen rund 200 Lkw mit Waren für den Großmarkt. „Jeder Händler hat den Überblick, was er braucht und wieviel er verkauft.“ Überhaupt seien die Händler eine gute Gemeinschaft. „Man hilft sich gegenseitig, jeder weiß über jeden Bescheid, wir sind alle neugierig.“

Die Besucher auch. Aber als Volker Kliewer, Geschäftsführer vom Hanseatischen Fruchtvertrieb, gefragt wird, was ein Kilo griechischer Spargel bei ihm kostet, wird der 49-Jährige einsilbig. „Auf jeden Fall weniger als im Laden.“ Seit 21 Uhr ist der Mann in der Halle, Feierabend ist nicht vor 13 Uhr. „Ich habe mich vor 28 Jahren selbstständig gemacht und immer noch großen Spaß an meiner Arbeit. Da reichen dann auch vier Stunden Schlaf.“

Gegen 7.30 Uhr leert sich die Halle allmählich. Karim Rahimi räumt zusammen. Mit Nüssen und Trockenfrüchten aus aller Welt versorgt der 63-Jährige, der auch schon sein halbes Leben auf dem Großmarkt verbracht hat, Hotels und Restaurants, Groß- und Einzelhandel. „Probieren Sie die Datteln“, sagt der Iraner und reicht die Schachtel herum. „Sie schmecken doch wie Marzipan.“ Zu Rahimis Sortiment gehören auch Kaviar und Safran. „Da kostet das Kilo 5000 Euro.“

Um acht Uhr endet der erste öffentliche Rundgang mit einem Heißgetränk in der nur drei Grad warmen Halle. Birgit Flügge hat die Äpfel am Stand der Elbegarten GmbH gefunden, Lutz Habermann 150 Fotos auf dem Chip gespeichert. Und auch Joachim Köhler ist zufrieden. „Hat Spaß gemacht, ich freue mich auf die nächste Führung. Nach der Tour ist vor der Tour.“

Führungen über den Großmarkt

Unter dem Motto „Der Hamburger Großmarkt macht auf“ laufen die öffentlichen Führungen. Der nächste freie Termin ist der 23. April, weitere Daten von Mai bis August stehen schon fest. Die Tour dauert zwei Stunden und kostet zehn Euro pro Person, bezahlt wird vor Beginn.

Anmeldungen per E-Mail an info@grossmarkt.hamburg.de mit Vor- und Zunamen der Teilnehmer, vollständiger Adresse und Mobilnummer. Der Großmarkt versendet dann eine Bestätigungs-Mail. Mindestens zehn, maximal 20 Personen können teilnehmen.

Weitere Infos unter www.grossmarkt-hamburg.de/fuehrungen.html