Literatur

Made in Hamburg: Starke Frauen, starke Romane

Die Autorin Kristine Bilkau, fotografiert im Schanzenviertel: Literatur aus weiblicher Perspektive

Die Autorin Kristine Bilkau, fotografiert im Schanzenviertel: Literatur aus weiblicher Perspektive

Foto: Michael Rauhe

In diesem Jahr gibt es besonders viele Romane, die von Hamburgerinnen geschrieben wurden. Wir stellen sie vor.

Hamburg.  Schreiben Frauen eigentlich anders als Männer? Davon will man doch mal ausgehen. Frauen bewegen sich ja auch anders, kleiden sich anders, sprechen anders, sind im Umgang ­anders. Sie lesen auch anders, nämlich eher Romane als Sachbücher. Das weiß jeder Buchhändler, das weiß jeder Verleger. Kann man also, um zur Ausgangsfrage zurückzukommen, tatsächlich erkennen, ob ein Roman von einem Mann oder von einer Frau verfasst wurde?

Doch wohl sicher nicht in jedem Fall, diese Form von Berechenbarkeit wäre arg langweilig. Es kann ja theoretisch auch mal ein Franzose einen ­Roman so schreiben, als wäre er Deutscher. Und ein Deutscher so, als wäre er Amerikaner. Frauen haben erst spät im großen Stil angefangen zu schreiben; sie mussten alles recht spät beginnen in der über Jahrtausende hinweg männerdominierten Welt. Weil Frauen anders lesen, gibt es Schmonzetten, behaupten manche, aber manchmal wäre Frauenliteratur für die, die an sie glauben, auch einfach nur: von Frauen verfasste Literatur, nicht die von manchen Frauen gern gelesene.

Auf dieser Seite stellen wir die neuen Romane von fünf Autorinnen vor. Sie haben alle eines gemeinsam: Sie sind in Hamburg geboren oder leben hier. Womit man jetzt das nächste Fass aufmachen und die Vermutung anstellen könnte, dass am Ende Hamburger Frauen ganz anders schrieben als, sagen wir, Berliner. Das ist schon deswegen Quatsch, weil zwei der Autorinnen seit Langem in Berlin leben. Andererseits, muss man jetzt nicht die These formulieren, man könne genau feststellen, ob ein Roman von einer in Hamburg geborenen Wahlberlinerin stammt?

Klingt bescheuert? Ist es. Stellen wir einfach fest: Es gibt in diesem Jahr besonders viele Romane, die von Hamburgerinnen geschrieben wurden.

Svenja Leiber: „Staub“

„Ihr kauft ein, statt zu glauben. Das weiß die ganze Welt. aber warum nicht? Eure Sache“, doziert der Mann, der ­lediglich eine zufällige Begegnung von Jonas Blaum ist. Jonas Blaum ist die Hauptfigur im dritten Roman der 1975 in Hamburg geborenen und in Berlin ­lebenden Schriftstellerin Svenja Leiber. Eine derangierte Figur, ein Arzt mit Drogenproblem, der ein Kindheitstrauma mit sich herumschleppt und in Amman, Jordanien, mehr als nur die Bekanntschaft eines Menschen macht, der ihn, den ­zugereisten Westler, infrage stellt.

Das Trauma betrifft den Verlust eines seiner beiden Geschwister. Denn Jonas war schon einmal für längere Zeit im Nahen Osten, damals, als sein Vater in Saudi-Arabien eine Stelle als Mediziner annahm. Semjon, der Bruder, der eigentlich eine Schwester ist, kommt der Familie in Riad abhanden, und als er wieder da ist, trägt er ein Kleid, spricht aber nicht mehr. Kurz nach der Rückkehr nach Deutschland stirbt er an einer Krankheit; Jonas glaubt aber, Semjon sei dann mal wirklich so ganz final „vor den behaupteten Kategorien“ geflohen.

„Staub“ ist ein insgesamt wagemutiger Text, in dem Leiber sich nicht nur zwischen Okzident und Orient, sondern auch zwischen den Geschlechtern und den Altern bewegt – um den Preis, dass die Kinder in diesem Buch letztlich wie eine Freakshow daherkommen. In der Erzählgegenwart bekommt es Jonas mit einem Kind zu tun, das zu schnell altert; ein Wiedergänger des toten Bruders, der den Helden daran erinnert, dass er loslassen muss. Am Ende liegt er im Staub, aber irgendwie getröstet.

Kristine Bilkau: „Eine Liebe in Gedanken“

Das zweite Buch, so heißt es ja manchmal, sei immer das schwierigste. War das erste ein Erfolg – und das war es im Fall von Kristine Bilkaus Debüt ganz unbedingt – gilt das womöglich gleich doppelt. „Die Glücklichen“ wurde 2015 unter anderem mit dem Klaus-Michael-Kühne-Preis ausgezeichnet und gleich in mehrere Sprachen übersetzt.

Damals ging es um ein scheiterndes Paar aus einem der hiesigen Altbauviertel, zwei Kreative mit Kind, deren heile Welt schleichend zusammenbricht. Jetzt hat die Hamburger Autorin, die schon im Erstling großes Gespür dafür bewies, Menschen über ihre Beziehungen zu erzählen, famos nachgelegt: „Eine Liebe, in Gedanken“ widmet sich auf warmherzige, liebevolle, zugleich angenehm kitschfreie Art zwei Generationen von Frauen, die einander zu wenig Fragen stellen. Bis es halt irgendwann zu spät ist.

In sich abwechselnden Erzählsträngen nimmt sich Kristine Bilkau ihrer Hauptfigur Antonia, genannt Toni, an, deren Tod sich schon auf der ersten Seite erschließt. Antonias erwachsene Tochter löst nun deren Wohnung auf und denkt sich dabei in die Vergangenheit der Mutter, einer für damalige Verhältnisse durchaus progressiven jungen Frau, die gern Schallplatten hörte und las und sich vom Leben mehr erhoffte als es für Frauen ihrer Generation vorgesehen war. „Ich wünschte, sie könnte mir davon erzählen.“ Die Ich-Erzählerin der Gegenwart ist die Tochter, sie liest Tonis Briefe und Notizen und nimmt sich Zeit für all die Hoffnungen, über die sie mit der Mutter persönlich nie ­gesprochen hat. Weil anderes stets wichtiger schien, weil ein eigenes Leben mit einer eigenen Tochter dazwischenkam.

„Eine Liebe, in Gedanken“ ist ein Buch über Sehnsüchte und Lebensentwürfe in einer langsam erwachenden ­Gesellschaft. Es ist eine Mutter-Tochter-Geschichte, ein Mehr-Generationen-Porträt und eine wirklich schöne Liebesgeschichte. Nicht rührselig, aber berührend. Mit übrigens fein dosierten frauenbewegten Momenten: Wie Bilkau das tastende Kennenlernen und Scheitern von Toni und Edgar abbildet, wie sie den Versuch der Mutter schildert, sich als unverheiratete Frau die Pille verschreiben zu lassen, wie sie sich in einem kleinen Nebensatz spöttisch dem Begriff „mütterlicherseits“ widmet, das alles ist schon ausgesprochen hübsch.

Catharina Junk: „Bis zum Himmel und zurück“

Der leicht kitschige Titel lässt Schlimmes befürchten, und das erste Viertel plätschert so dahin wie quotenkonformes deutsches Fernsehen. Kein Wunder, denn Catharina Junk ist erfolgreiche Drehbuchautorin. Das hat sie mit ihrer Hauptfigur Katja gemeinsam, die Folgen für die Krimiserie „Wache Mitte“ schreibt und in Hamburg ein dumpfes Leben auf Sparflamme führt. Warum das so ist, erfährt man in Rückblenden, Dialogen, durch die unfrisierten Gedanken der Heldin. Die ist eine Frau, die sich, seit sie zwölf ist, schuldig fühlt am Unfalltod ihrer Schwester Lina.

Sie lebt von Cola und Schoko-Toasts, hockt meist in ihrer hässlichen Bude mit vertrockneter Topfpflanze und ist froh, wenn sie den Tag übersteht, ­ohne aus dem mühselig gehaltenen inneren Gleichgewicht zu geraten. Ihre Psychiatrie-Zeit als Jugendliche hatte ihr Gutes. Katja konnte sich von ihrer trinkenden Mutter erholen, und sie lernte Alexa kennen. „Schwabbel-Schwein“ Katja und „Schmink-Zicke“ Alexa – die Freundschaft hält, zehn Jahre schon. Junk schreibt lebensnah und mit unverwüstlichem Humor über Katjas innere Selbstdemontage. Sie macht spürbar, was in einem Menschen vorgeht, der ein Verlust-Trauma erlitten hat. Psychologisch präzise gelingt es ihr zu beschreiben, wie es sich für Kinder anfühlt, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Weil die Eltern feige sind und es vorziehen zu lügen. So bleibt Katja zurück mit ihrem Schmerz und unerträglichem inneren Druck. Kurzzeitige Entladung gibt es nur gegen einen Schnitt in die Haut, das „war erlaubt, denn es tat weh“.

In dieser Einsamkeit erfährt sie, dass ihr Vater, der im Koma liegt, in Bremen eine neue Familie gegründet hat. Katja lernt ihre Halbschwester Jella kennen, die sie manchmal an Lina erinnert. Das Ende des Buches verläuft dann leider wieder wie ein ganz netter Fernsehfilm. Dennoch ist „Bis zum Himmel und zurück“ ein lesenswertes Buch für jeden, der sich nichts vormachen will oder ­wenigstens weiß, warum er sich etwas vormacht.

Lucy Fricke: „Töchter“

Lucs Fricke weiß, wie man Literatur uterhaltsam inszeniert. Schließlich veranstaltet die gebürtige Hamburgerin seit 2010 die Ham.Lit, die sich der Entdeckung und Präsentation junger, vielversprechender Talente verschrieben hat.

Auch mit ihrem vierten Roman „Töchter“ schlägt sie zwar einen bemerkenswert leichten Ton an, nimmt sich aber ein durchaus ernstes Thema vor: Beziehungen von Vätern und Töchtern, die bekanntlich zu den schwierigsten zählen. Aber es geht auch um eine wunderbare Freundschaft – und eine Reise, die alle Beteiligten verändert. Martha und Betty sind zwei überaus liebenswerte (Anti-)Heldinnen an der Schwelle der bedrohlichen 40. Beide haben Väter, die in entscheidenden Lebensphasen durch Abwesenheit glänzten, was wiederum die Biografien der Töchter überschattet.

Auch sonst sind die mit ihren halb fertigen Lebensentwürfen etwas schief ins Leben gebaut. Die depressive Betty spürt dem von einem Tag auf den anderen aus ihrem Leben entschwundenen Ziehvater, einem italienischen Posaunisten, in Therapiesitzungen nach. Marthas Erzeuger hat sich gerade bei ihr gemeldet, todkrank, die Tochter, selbst mitten in einer längst zermürbenden Kinderwunschbehandlung, soll ihm den Sterbe-Tourismus in die Schweiz ermöglichen.

Fricke hat einen präzisen soziologischen Blick, auch einen unerbittlichen auf das Gefangensein der Frauen in ihrer jeweiliger Lebensspur, ihren psychologischen Verstrickungen. Daraus macht sie zum Glück keine belehrende Frauenratgeber-Literatur, sondern ein Roadmovie mit bitteren, unvorhergesehenen Wendungen, dem man als Leser gerne folgt. Es geht zum Lago Maggiore zur früheren Flamme des Vaters, zum Grab des Posaunisten – und zu dessen ewigem Sehnsuchtsort auf einer griechischen Insel. Mit beachtlichem Humor erinnert Fricke daran, dass das Leben selbst das schönste aller Abenteuer bleibt. Die ­Erkenntnis: Wer sich auf den Weg macht, kommt am Ende auch irgendwo an. Manchmal sogar bei der eigenen ­Befreiung.

Julia Jessen: „Die Architektur des Knotens“

Die Jungs bauen eine Legostadt. Liebevoll, mit kindlicher Konzentration und Mühe, mit Sinn für Details und zu einem einzigen Zweck: um sie brutalst zu zerstören. Yv, ihre Mutter, versteht den Impuls. Sie möchte auch etwas kaputt machen. Möchte wüten, zerbrechen, zerschlagen. Und tut eben das. Hemmungslos. Ihr scheinbar so perfektes Leben mit dem sympathischen Ehemann, den grundnormalen Kindern, den Grillabenden mit den lieben Schwiegereltern, diese Selbstverständlichkeit, diese Apathie. „Es fühlt sich an, als wäre ich neben das Leben gerutscht“, beschreibt es Julia Jessens Ich-Erzählerin Yvonne, genannt Yv, in Jessens zweitem Roman.

Schon in ihrem Debüt „Alles wird hell“, 2015 für den Klaus-Michael Kühne-Preis des Harbour Front Literaturfestivals nominiert, hat die Hamburger Autorin Familienfeiern von schönster Skurrilität geschildert. Dieses Talent baut sie in „Die Architektur des Knotens“ noch aus. Lässt ihre Protagonistin sinnentleerte Dialoge entlarven und Rituale hinterfragen, lässt sie Salate bereiten und Spielzeug sortieren. Alltagshandlungen. „Ich frage mich, ob das mein Leben ist. Ob das jetzt so bleibt.“ Es bleibt natürlich nicht so. Nichts bleibt, gar nichts.

Yv bricht aus. Sie tut das, indem sie Ehebruch begeht, sich in eine unsinnige Affäre mit einem zu jungen Mann stürzt, die mehr Mittel zum Zweck ist. Nicht nur die Ehe gerät durch diese Unerhörtheit, die das Leben in ein Davor und ein Danach teilt, ins Wanken, auch der Umgang mit Freunden, Verwandten, Kollegen verändert sich. Julia Jessen begnügt sich dabei nicht allein mit der Perspektive der weiblichen Hauptfigur.

Manchmal gerät das alles etwas ausführlich. Jessen findet jedoch einen überzeugenden Ton und klare Bilder für das diffuse Gefühl, „ungenügend“ zu leben, den Wunsch, etwas „anders“ machen zu wollen. Eine echte Lösung präsentiert auch Julia Jessen nicht. Zum Glück. Ihre oft schmerzhafte Auseinandersetzung mit Rollen, Sehnsüchten und Möglichkeiten eines Zusammenlebens, die liest man schon gebannt.