Testserie

Wenn der Apfel leicht alkoholisch im Glas perlt

 Maren Borkowski und ihr Mann Martin Foerster haben bisher zwei verschiedene Cider Sorten ‚produziert‘

Maren Borkowski und ihr Mann Martin Foerster haben bisher zwei verschiedene Cider Sorten ‚produziert‘

Foto: Andreas Laible

Firmen in der Region überraschen mit neuen Produkten. Wir prüfen, wie gut sie sind. Heute: Bio-Cider von Kernhaus.

Hamburg. Es gab schon Nächte, in denen Maren Borkowski und Martin Förster von sehr merkwürdigen Geräuschen geweckt wurden. Blubber. Gurgel. Zisch. In einer Altbauwohnung mitten in Eppendorf eher ungewöhnlich. Das hat mit den Gärballons für ihre Cider-Produk­tion zu tun, die sie nach und nach in den vierten Stock geschleppt hatten. „Die standen teilweise nicht nur in der Küche, sondern auch im Wohnzimmer, auf dem Esstisch. Überall, wo Platz war“, sagt Borkowski. Und wenn die Hefe im Apfelsaft arbeitet, blubbert es eben auch mal lauter. Inzwischen haben die beiden sich an den neuen Grundton in ihrem Leben gewöhnt. Und dabei auch noch das Rezept für einen Neustart gefunden.

Kein Zucker zugesetzt

Denn wie soll man es anders nennen, wenn eine Managerin sich nach knapp 20 Jahren in einem großen Hamburger Handelsunternehmen mit einer Cider-Produktion selbstständig macht. Kernhaus hat sie ihre Firma genannt, in Anspielung auf das Kerngehäuse als Keimzelle für ihren Apfelschaumwein. Auf der Basis von Bio-Apfelsaft gibt es Geschmacksvarianten mit Birne und mit Johannisbeere. „Wir verzichten komplett auf Zucker und Aromen“, sagt die 47-jährige Start-up-Unternehmerin. Ach ja, vegan und glutenfrei ist der spritzige, leichte Drink mit vier Prozent Alkoholgehalt auch noch. „Die Reaktionen sind sehr positiv.“

Idee kam auf einer Reise

Angefangen hat die Kernhaus-Geschichte vor knapp vier Jahren auf einer Reise mit Ehemann Martin Förster durch Australien und Neuseeland. „Es gab überall ganz selbstverständlich Cider. Wir haben alle Sorten probiert“, erzählt der 55-Jährige, der für gewöhnlich in seinem Architekturbüro in St. Georg Häuser entwirft. Naheliegend der nächste Gedanke: Warum gibt es in der Nähe des Obstanbaugebietes Altes Land vor der Tür nur so wenig Cider? Zurück in Deutschland fing Borkowski an zu experimentieren. „Anfangs nur als Hobby, zum Spaß“, sagt sie.

Welche Äpfel eignen sich, welche Gärhefe funktioniert? – die Hamburgerin las alles, was ihr in die Finger kam. Über Pflanzenkunde, Pressverfahren, Bakterien, pH-Werte. Mit Ehemann Martin Förster, der mit ihr in die Materie einstieg, besuchte sie ein Seminar bei einem Cider-Experten im englischen Herefordshire. Spätestens da wurde klar, dass Borkowski es mit einer eigenen Firma versuchen würde.

„Wir haben viel rumprobiert, bis wir die richtige Rezeptur hatten“, sagt die Gründerin. In den Gärballons setzte sie Saft und ausgesuchte Hefen an. Sie beobachtete, wie sich der Fruchtzucker in Alkohol versetzte. Testete Geschmack, Konsistenz, Farbe. Setzte Kohlensäure zu. „Alle Freunde mussten probieren“, sagt Förster. Nicht nur einmal hat sich eine Cider-Flasche nach dem Öffnen zur sprudelnden Fontäne verwandelt. Diese Zeiten sind vorbei. Die Prozesse in dem Naturprodukt haben sie jetzt im Griff. Die ersten 70.000 Flaschen Kernhaus-Cider hat eine Kelterei in Süddeutschland produziert. „Mehrere Tausend sind verkauft“, sagt die Hamburgerin. Inzwischen stecken 100.000 Euro in dem Unternehmen. Geld verdient die Gründerin noch nicht. Das soll sich in diesem Jahr ändern.

In britischen Pubs kommt der Cider aus dem Zapfhahn

Cider gilt als Trendgetränk mit Potenzial. Der Markt ist in den vergangenen Jahren gewachsen. 2017 wurden weltweit rund 2,2 Milliarden Liter des moussierenden Getränks produziert, das schon die alten Griechen kannten. Regional gibt es unterschiedliche Varianten, wie hessische Ebbelwoi (herb), bretonischen Cidre (süffig) oder spanischen Sidra (leicht). In England ist der Pro-Kopf-Verbrauch weltweit am höchsten, Cider kommt in jedem Pub in mehreren Sorten aus dem Zapfhahn.

In Deutschland ist Carlsberg mit Somersby Cider bundesweit vertreten. In Hamburg kam 2012 der regionale Cider-Pionier Elbler auf den Markt. Lazy Fox hat mit Sorten wie Ingwer-Minze Cider einen anderen Geschmack verpasst. Und seit vergangenem Jahr machen die Altländer Obstbauern Jon Kotulla und Sönke Seebohm mit der Craft Beer Brauerei „Von Freude“ den „Craft Cider“ Zwutsch, sortenrein aus Wellant-Äpfeln. Ein weiteres Indiz für die Aktualität des Getränks: Die Frank­furter Apfelweinmesse heißt jetzt
CiderWorld. Zum Branchentreffen Mitte April haben sich 95 Aussteller aus 30 Nationen angesagt. Ein neuer Rekord.

Präsentation auf Internorga

Auch die Kernhaus-Macher werden dabei sein. Bis Dienstagabend stellen sie ihren Cider noch auf der Internorga in Hamburg vor. Parallel zum Aufbau von Vertriebsstrukturen testet Gründerin Borkowski neue Sorten. Allzu viel verraten will sie nicht, aber es gab Probeläufe mit Kräutern. Ansonsten setzt sie auf heimische Obstsorten. Deswegen kann es in den nächsten Wochen auch durchaus sein, dass es in ihrer Wohnung blubbert, gurgelt und zischt. Die Gärballons stehen bereit. Aber jetzt kennen sie und ihr Mann ja den Sound des Ciders.

Der Test:

Produkt: Kernhaus Cider gibt es in zwei Sorten. Die Basis ist jeweils Apfelwein, der mit Direktfruchtsaft von Birne oder (schwarzer) Johannisbeere verfeinert wird. Verwendet werden ausschließlich Bio-Zutaten – und kein zusätzlicher Zucker. Das Getränk hat einen Alkoholgehalt von vier Prozent, ist vegan (keine Gelatine bei der Filterung) und glutenfrei. Abgefüllt ist es in handelsüblichen 0,33-Liter-Pfandflaschen.


Aussehen: Je nach Geschmacksvariante ist der Cider gelblich-weiß oder hellrot. Er perlt leicht durch den Zusatz von Kohlensäure. Der Namenszug Kernhaus mit einem stilisierten Apfel-Kerngehäuse im Logo ist prägnant. Auf dem Etikett sind Abbildungen der verwendeten Früchte im Stil eines Kupferstichs.
Geschmack: Der Cider ist angenehm leicht, spritzig und nicht süß. Er schmeckt in der hellen Variante im Abgang ganz leicht nach Birne (11 Prozent). Beim roten Cider ist die Johannisbeere (4 Prozent) deutlich präsenter. Dadurch wird er insgesamt säuerlicher. Der Alkohol kommt geschmacklich nicht durch. Im Vergleich zu anderen Produkten auf dem Markt ist der Kernhaus Cider weniger apfelig. Einigen Testern war er geschmacklich „zu dünn“.


Preis/Verfügbarkeit: Bislang gibt es Kernhaus Cider in Hamburg im Getränke-Paradies Wolf in der Schanzenstraße, bei Graeff Getränke Am Osdorfer Born sowie in einigen Restaurants darunter Bullerei (Schanze) und Klippkroog (Altona). Der Handelspreis mit gut zwei Euro pro Flasche ist vergleichbar mit Konkurrenzprodukten. Über www.kernhaus.com kann man sich den Cider zusenden lassen. Der 6er-Karton kostet 16 Euro plus Porto und Pfand.


Fazit: Nicht nur im Sommer eine echte Alternative für Nicht-Bier-Trinker: frisch und fruchtig, dabei ohne künst­liche Zusätze. Das Abendblatt-Gesamturteil lautet: 4,5 von fünf Sternen.

Alle bisherigen Folgen gibt es online unter www.abendblatt.de/testserie