Hamburg

Was Scholz und Tschentscher unterscheidet

Der Bürgermeister und sein Nachfolger sind sich zwar sehr ähnlich – aber politische „Zwillinge“ sind sie bei Weitem nicht

Hamburg. Es war an einem winterlichen Februartag. Olaf Scholz und Peter Tschentscher saßen nebeneinander und informierten über die Zukunft eines großen Hamburger Unternehmens. Während der Senator über finanzielle Details und eine mögliche Dividende referierte, griff der Senatschef plötzlich zum Mikrofon und stellte klar: „I want my money back!“ Dass ausgerechnet er, der einst linke Sozialdemokrat, die erzkonservative britische Ex-Regierungschefin Maggie Thatcher zitierte, amüsierte Scholz prächtig.

Anders als Scholz scheut Tschentscher markige Worte

Das war im Februar 2012, es ging um die Reederei Hapag-Lloyd, und die Szene spielte im Hamburger Rathaus. Wer wollte, konnte schon damals beobachten, dass diese beiden Politiker – der bisherige und der künftige Bürgermeister – sich zwar in vielem ähneln, dass sie aber auch sehr unterschiedliche Charakterzüge haben. Über ein so bedeutendes Thema wie Hapag-Lloyd einen lockeren Spruch machen? Käme Tschentscher vermutlich nie in den Sinn. Eine markige Ansage, deren Erfüllung er selbst kaum garantieren kann? Würde er wohl ebenfalls scheuen.

Mit Blick auf den 28. März 2018 ist dieser Unterschied wichtig. Dann soll Tschentscher zum Bürgermeister gewählt werden. Vielfach war vom „Zwilling“ die Rede, von einer bloßen Scholz-Kopie, die auf Scholz folge, wenn dieser als Bundesfinanzminister nach Berlin wechselt. Tatsächlich sind beide eher spröde, intellektuelle Arbeitstiere, detailversessen, immer die Kontrolle behaltend. Oberflächlichkeit ist ihnen fremd. Aber Zwillinge?

Dass das nur bedingt stimmt, war auch vielfach zu beobachten. Sechs Jahre nach dem Hapag-Deal saßen Scholz und Tschentscher wieder nebeneinander. Wieder ein kalter Februartag, wieder ging es um ein großes Unternehmen: den Verkauf der HSH Nordbank. Diesmal war der Schauplatz Kiel, und an ihrer Seite waren noch Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) und Finanzministerin Monika Heinold (Grüne). Gefragt wurden die vier, welche Fehler sie möglicherweise in dem ganzen Drama gemacht haben. Und was sagte Scholz? „Wir sehen keine Fehler bei uns.“ Punkt. Die anderen drei schwiegen. Doch man ahnte, was sie dachten: Oha, so absolut hätte ich das jetzt nicht formuliert ...

Vielleicht ist das der größte Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Bürgermeister: Trotz aller Sachlichkeit und Nüchternheit gehörten zu Scholz’ politischem Instrumentenkasten auch immer die markigen Worte. Von seinem unmissverständlich formulierten Führungsanspruch, als er 2009 aus Berlin nach Hamburg zurückkehrte („Wer Führung bestellt, bekommt sie auch“), über seine Wahlversprechen („Was ich verspreche, halte ich auch“) und die Herabsetzung des grünen Koalitionspartners („Es geht nicht um einen Umbau, sondern um einen Anbau“) bis zu „keine Fehler“ bei der HSH – Scholz verkaufte seine Politik mit einem Selbstbewusstsein, das mitunter an Überheblichkeit grenzte. Das ging lange gut und bescherte ihm und seiner Partei hohe Zustimmungswerte. Doch spätestens mit dem G-20-Gipfel zeigte sich, dass Ansagen wie „Wir können die Sicherheit garantieren“ auch zum politischen Bumerang werden können – weil sie eben nicht eintrafen.

Dass Tschentscher den Mund kaum so voll nehmen wird, ist aber nicht einfach eine Lehre daraus: Es entspricht auch nicht seinem Naturell. Der künftige Bürgermeister ist ein sehr bedächtiger Mensch, eines seiner Lieblingsworte ist „Plausibilität“: Was er sagt oder tut, muss plausibel sein, es muss stimmen, sich gegen andere Formulierungen oder Lösungen durchgesetzt haben. Großspurigkeit, die sich bei näherem Hinsehen als solche entlarven lassen könnte, gehört nicht zu seinem Repertoire.

Im Gegensatz zu Scholz, der sich nur in der Öffentlichkeit keine Emotionen gestattet, abseits von Mikrofonen und Kameras aber ein unterhaltsamer, ja sogar witziger Gesprächspartner sein kann, bleibt Tschentscher stets in diesem Modus. Selbst enge Weggefährten haben ihn kaum einmal lachend oder feixend erlebt. Man darf gespannt sein, wie das bei den Bürgern ankommt – authentisch ist es allemal.

Unterschiedlich verliefen auch die Wege ins Bürgermeisteramt: Während der Jurist Scholz gleich hoch einstieg und sich erst nach Stationen als Bundestagsabgeordneter, Kurzzeit-Innensenator, SPD-Generalsekretär und Bundes-Arbeitsminister vollends der Landespolitik widmete, hat der habilitierte Labormediziner Tschentscher die klassische Ochsentour hinter sich: Bezirksabgeordneter und Kreisvorsitzender in Hamburg-Nord, Bürgerschaftsabgeordneter, Senator, Bürgermeister. Das dürfte mit dazu beigetragen haben, dass der Finanzsenator, obwohl er manchen sozialdemokratischen Wunsch abschlagen musste, innerparteilich sehr beliebt ist, während Scholz vor allem großer Respekt entgegengebracht wird.

Tschentscher wird mehr Zeit für Hamburg haben

Dieser beruhte auch auf seinen bundespolitischen Rollen, etwa: Partei-Vize, Koordinator der SPD-regierten Länder, Beauftragter des Bundes für die kulturelle Zusammenarbeit mit Frankreich. Tschentscher profilierte sich außerhalb Hamburgs dagegen nur zaghaft – aber immerhin so erfolgreich, dass er kürzlich zum Vorsitzenden der Finanzministerkonferenz gewählt wurde. Dieses Amt muss er nun aufgeben und kann sich voll auf Hamburg konzentrieren. Ob dieser Unterschied zu Scholz ein Vor- oder ein Nachteil wird? Abwarten.