St. Georg

Erbstreit: Erste Interessenten für das Hansa-Theater

Möchten weitermachen: die Betreiber Thomas Collien (l.) und Ulrich Waller vor dem Hansa-Theater

Möchten weitermachen: die Betreiber Thomas Collien (l.) und Ulrich Waller vor dem Hansa-Theater

Foto: dpa Picture-Alliance / Eventpress MP / picture alliance / Eventpress

Betreiber hoffen bei Versteigerung auf Lösung mit Inhaberfamilie und Investoren. Sorge vor großem, ausländischen Käufer in St. Georg.

Hamburg.  Für das Hansa-Theater und die Nachbargebäude, die wie berichtet am 3. Mai wegen Erbstreitigkeiten versteigert werden sollen, gibt es erste Interessenten. „Das ist bei derartigen Immobilien auch nicht anders zu erwarten“, sagt Anwalt Hans-Jürgen Buhlert, der wegen der nahe am Hauptbahnhof gelegenen Filetgrundstücke schon mehrere Anrufe erhielt. Buhlert vertritt die Interessen von Helga N., eine der Erbinnen. Sie hatte bereits 2014 vor Gericht eine Zwangsversteigerung der Immobilien beantragt, um sich ihr Drittel des Erbes auszahlen zu lassen.

Nachdem es zunächst so aussah, als hätten die beiden anderen Schwestern Immobilien und Theater behalten wollen, soll jetzt laut Anwalt Buhlert auch Gisela Baldermann dem Verfahren beigetreten und damit am Verkauf der Immobilien interessiert sein. Telse-Hedwig Grell hingegen hatte dem Abendblatt gegenüber erwähnt, nur eines der Häuser verkaufen zu wollen.

Komplizierte Versteigerung

So unterschiedlich die Vorstellungen und Absichten der Schwestern offenbar sind, so kompliziert könnte sich auch die Versteigerung der Immobilien gestalten. Alle angebotenen Grundstücke (Steindamm 11, 15 und 17 sowie Bremer Reihe 20/20a) sind durch das Hansa-Theater miteinander verbunden, wobei in drei Gebäuden auch Nebenräume des Theaters liegen. Das Grundstück Bremer Reihe 22/22a dagegen, das auch zu dem Ensemble gehört und Theaterflächen beherbergt, soll im Besitz der Schwestern bleiben. Dazu kommt, dass unter dem Parkplatz, den ein künftiger Eigentümer möglicherweise bebauen möchte, die U-Bahn-Linie 1 verläuft.

Am Fortbestehen des Hansa-Theaters sollen alle drei Schwestern interessiert sein. Doch über das „Wie“ sind sie sich nicht einig. Während Helga N. das Theater ihrem Anwalt zufolge gerne in eine Stiftung oder eine GmbH überführt hätte, heißt es von Gisela Baldermann, sie wolle den Betrieb alleine übernehmen – wohingegen Telse-Hedwig Grell, die dritte Schwester, es wohl gerne mit ihr gemeinsam führen würde.

Der Vertrag von Thomas Collien und Ulrich Waller, die das Theater nach mehrjähriger Schließung 2009 wieder zum Leben erweckten, ist für die nächsten zwei Jahre gesichert. „Wir wären auch gerne darüber hinaus involviert und bemühen uns derzeit, mit der Inhaberfamilie sowie mit Investoren eine Lösung zu finden“, sagt Collien.

Furcht vor großem Investor

Das hofft man auch in St. Georg. „Das Hansa-Theater ist unser Juwel. Wir befürchten, dass ein großer Investor es zerschlagen könnte“, sagt Quartiersmanager Wolfgang Schüler. Hartmut Sebold, der Grundstücke auf und um den Steindamm besitzt, macht sich Sorgen, weil unter den Interessenten auch ausländische Investoren sind. „Das Hansa-Theater und die Häuser ringsum gehören in Hamburger Hände“, so der Kaufmann. Die denkmalgeschützten,
sanierungsbedürftigen Gebäude müssten von jemandem ersteigert werden, der sich dem Stadtteil verbunden fühle – und sie nicht vernachlässigen würde, um sie dann abreißen zu können.

Das müsse mit aller Macht verhindert werden – nicht nur um des Theaters willen. „Wenn hier moderne Bürohäuser hinkommen, wird der Basar-Charakter des Steindamms zerstört“, befürchtet Sebold. Das würde dem Steindamm schaden, der sich unter anderem durch die bevorstehende Erneuerung des Areals auf einem guten Weg befinde und dem gesamten Stadtteil, der gegen sein durch Drogenmissbrauch und Prostitution geprägtes Image ankämpfe.

Ein Haus mit Geschichte

Und so spielt das 1894 eröffnete Haus, in dem weltbekannte Künstler auftraten (siehe weiter unten) und von weither angereiste Gäste Schlange standen, nun eine weit größere Rolle als die des bekannten Varietés am Steindamm. Das mittlerweile zum Politikum gewordene Theater wurde 1894 als Schankraum mit Schaubühne eröffnet, später zu einem Theater mit 1500 Plätzen ausgebaut, im Krieg zerstört und dann in seiner heutigen Form wieder aufgebaut – und bildete den Grundstock des Vermögens der Familie Grell. Doch seit dem Tod von Varieté-Chefin Telse Grell, die mit ihrem Mann Kurt das von dessen Vater Paul-Wilhelm gegründete Hansa-Theater viele Jahre führte, streiten sich ihre drei Töchter um das Familienerbe. Vor genau zwei Jahren, im März 2016, wurde bereits ein Grundstück in Timmendorf versteigert, das ihnen 4,1 Millionen Euro einbrachte. Jetzt sind das Hansa-The­ater und vier umliegende Gebäude an Steindamm und Bremer Reihe dran – einzeln, in Gruppen oder zusammen.

Anwalt Buhlert verweist darauf, dass das Hansa-Theater – sofern der neue Eigentümer es nicht bespielen will – an anderer Stelle wiedereröffnen könnte, samt Inventar, das aus der Versteigerungsmasse herausgekauft werden kann. Als „alter Hamburger“ wünsche er sich aber einen Investor, der „das Theater bespielen möchte und uns damit diese Hamburgensie auch in Zukunft erhält“. Wolfgang Schüler und Hartmut Sebold hoffen, dass das nur im Winter betriebene Hansa-Theater nicht nur erhalten, sondern durch einen zweiten Betreiber ganzjährig bespielt werden kann. Dafür hätte es in der Vergangenheit schon Interessenten gegeben, unter anderem den Circus Roncalli.

Wo es Karten für die neue Spielzeit gibt

Tickets für die 11. Spielzeit am Hamburger Hansa-Theater ab dem 16. Oktober 2018 gibt es in der Hamburger Abendblatt- Geschäftsstelle (Großer Burstah 18-32) und unter der Tickethotline 040 3030 9898.

Eröffnet wurde das Hansa-Theater 1894, 1929 umgebaut, 1943 zerstört, durch die Familie Grell wieder aufgebaut und 1945 als erstes Hamburger Theater wiedereröffnet. Von 1952 bis heute blieb es unverändert. Durch Auftritte inter­nationaler Stars wie der Ballerina Cléo de Mérode, dem Entfesselungskünstler Harry Houdini oder Josephine Baker, die hier ihr Bananenröckchen schwang, wurde das Varieté über Hamburgs Grenzen bekannt.