Hoffmann und Campe

„Je mehr Verlage eine Stadt hat, desto besser“

Hoffmann und Campe Verlegerin Birgit Schmitz; Kultur, Thomas Andre

Hoffmann und Campe Verlegerin Birgit Schmitz; Kultur, Thomas Andre

Foto: Andreas Laible

Hoffmann und Campes Programm-Verlagsleiterin Birgit Schmitz über Netflix, Ulrich Wickert und den Konkurrenten Rowohlt.

Hamburg. Birgit Schmitz, Jahrgang 1971, ist seit Juli 2017 neue Verlagsleiterin bei Hoffmann und Campe. ­Damit ist erstmals eine Frau Programmchefin im Traditionshaus am Harvestehuder Weg. Ein Gespräch über Verlage als Spiegelbild der Gesellschaft, über die Hoca-DNA und die Zukunft der Lesekultur – und eine Liste der zehn ­Titel, die für Birgit Schmitz jeder Mensch gelesen haben muss. Dass dort ausschließlich weibliche Autorinnen draufstehen, ist ein starkes Zeichen.

In der Branche kursiert die Zahl von sechs Millionen ­Lesern, die in den vergangenen fünf Jahren verloren gegangen sein sollen. Gucken denn jetzt wirklich alle lieber Serien?

Birgit Schmitz: Ich hatte auch schnell einen Netflix-Account, aber die erste ­Euphorie hat sich dann schnell gelegt. Das beobachte ich auch bei Freunden und Bekannten, denn die meisten sind stabile Leser oder Vielleser. Aber was diese sechs Millionen Buchkäufer ­angeht: Natürlich ist das eine gewaltige Zahl. Die sind vermutlich weg. Das ist keine Schwankung von zwei oder drei Prozent, das sind 20 Prozent. Man stößt heute auf Einschätzungen, laut denen die Lesefähigkeit von Studenten ­abnimmt. Das gibt zu denken. Gleichzeitig beweist das gedruckte Buch, dass es in sich ein stimmiges und kaum zu verbesserndes Medium ist. Der Reiz, 1000 Bücher auf einem elektronischen Lesegerät zur Verfügung zu ­haben, wurde jedenfalls gewaltig überschätzt.

Welche Trends und Strategien sehen Sie verlagsübergreifend auf dem Buchmarkt?

Es gibt seit vielen Jahren ein Potpourri an Diagnosen und Maßnahmen. Wir ­sehen den Streuverlust durch die vielen, vielen Bücher und die Konzentration auf Bestsellerlisten, wobei dortige Platzierungen mit weniger Verkäufen als früher verbunden sind. Auch Longseller gibt es nicht mehr automatisch. Die Konsequenz ist, weniger Bücher zu machen. Wobei Hoffmann und Campe da eher das Gegenbeispiel ist: Mit dem Imprint Atlantik haben wir uns noch breiter aufgestellt. Dahinter stand eine programmatische Idee, die es möglich macht, dass jedes Segment in sich schlüssig ist.

Ulrich Wickert erwartbar, die Braun-Brüder eine Überraschung

Beim schnellen Blick auf die Bestsellerlisten fällt auf: Andere Verlage tauchen derzeit ­öfter auf.

Die Bücher, die auf die Bestellerliste sollen, die landen da auch (lacht). Ulrich Wickert war wieder ein schöner Erfolg, der Titel der Braun-Brüder und Miniatur-Wunderland-Betreiber eine echte Überraschung. Wir machen aber auch jenseits der Liste viele Bücher, die sich gut verkaufen.

Wie wichtig ist Ihnen die Bestsellerliste?

Ich mag gute Verkaufszahlen, weil sie garantieren, dass ein Buch Leser hat. Ohne Leser und eine gewisse Öffentlichkeit existieren Bücher nicht. Wenn ein Buch weniger als 2000 Exemplare verkauft, ist das nicht gut für ­Autor und Verlag. Eine Auflage von 6000 bis 8000 verkauften Exemplaren ist ziemlich gut, die streben wir mit jedem Buch an – auch wenn es in diesem Bereich nicht auf der Bestsellerliste auftaucht. Richtige Bestseller braucht aber auch Hoca hin und wieder, kein Verlag kann ohne.

Bücher verkaufen, Lust auf Lesen machen – Sie haben es als neue Programmleiterin in der Hand. Was sind Ihre Ziele?

Zunächst einmal dem Kern von Hoffmann und Campe treu zu bleiben, also klassische, erzählerische Literatur zu verlegen. Und allen Büchern, die bei uns erscheinen, die oben erwähnten Leser zu verschaffen. Man kann sich bei diesem Vorhaben zwischen den Hoca-Autoren Heinrich Heine und Siegfried Lenz bewegen und überlegen, was dies für das Schreiben im 21. Jahrhundert ­bedeutet. Zwischen dem türkischen Journalisten Can Dündar, der seine Bücher bei uns verlegt, und Heinrich Heine besteht bedauerlicherweise eine Verbindung, wie Heine kann auch Dündar in seiner Heimat nicht veröffentlichen.

Publisher-at-large: Der Lektor an der langen Leine

Eine der letzten Unternehmungen Ihres Vorgängers war die Gründung des Tempo-Imprints. Ist dessen Zukunft gesichert?

Tempo ist unser Entdecker-Verlag. ­Dabei steht „entdecken“ nicht unbedingt für neu oder schräg, eher für ­mutig, unabhängig, relevant, auch wenn es sich um ein Thema handelt, das sich nicht auf der Bestsellerliste finden wird.

Was ist ein „Publisher-at-large“? Als solcher ist Kampa, der nach seinem Weggang seinen eigenen Verlag gegründet hat, weiter mit Hoca verbunden.

Der Begriff stammt aus dem amerikanischen Zeitungswesen. In unserem Zusammenhang könnte man ihn mit „Lektor an der langen Leine“ übersetzen (lacht), als jemanden, der sich um spezielle Projekte kümmert, aber mit dem Tagesgeschäft nichts zu tun hat. Das heißt konkret: Mit Daniel Kampa verwirklicht Hoca in Zukunft zum Beispiel die Simenon-Gesamtausgabe. Darüber hinaus ist er ein wertvoller Ansprechpartner, auf dessen Rat ich als verantwortliche Verlagsleiterin viel Wert lege.

Was ist die DNA des Verlags?

Verlage sind mehr als die Summe ihrer Autoren und Mitarbeiter. Der eine Verlag ist auf diesem Gebiet besonders stark, der andere auf jenem; es gibt keinen, der alles kann. Hoffmann und Campe ist ein Verlag, der nicht bei jedem Trend dabei sein muss. Bei einem großen Verlagshaus wäre das jedoch mein Anspruch und eine der zentralen Aufgaben. Hier geht es viel um Qualität, Zutrauen in Bücher und Autoren, auch in dem Sinne, sie bei der Arbeit zu unterstützen und ihnen mit den Mitteln eines Verlags zur Seite zu stehen: guter Pressearbeit, Vertriebsarbeit usw.

Sabine Cramer bei Dumont, Barbara Laugwitz bei Rowohlt, Felicitas von Lovenberg bei Piper, Sie bei Hoca – Verlegerinnen sind auf dem Vormarsch. Anders gesagt: Seltsam, dass auch in der Verlagsbranche so lange nur Männer bestimmten.

Bei Kiwi übernimmt 2019 Kerstin Gleba, bei Aufbau sind in der Dreierspitze zwei Frauen – wahrscheinlich ist das schon mehr als ein Trend, vor allem dem Generationenwechsel ­geschuldet und sicher einer Emanzipationsbewegung, die für ein neues Bewusstsein gekämpft hat. In den Verlagen war es in den vergangenen Jahrzehnten nicht anders als in ­anderen Bereichen der Gesellschaft. Jetzt ist Zeit für Veränderung.

Rowohlt: Geografische Nähe schafft Atmosphäre

Ist #MeToo in der Verlagsbranche ein großes Thema?

Ich halte es für selbstverständlich, über Sexismus nachzudenken und entsprechend zu handeln. Als denkender Mensch, also, seit ich 13 oder 14 alt war, für mich eine ganz normale Sache. #MeToo war in meinen Augen als heftiger Sturm absolut notwendig, das gilt auch für die „Time’s Up“-Bewegung. Entscheidend ist für mich nicht, ob Männer sich jetzt unsicher fühlen, Komplimente zu machen oder sich etwas ungerecht behandelt fühlen. Statt über Männer denke ich ­gerade mehr über Räume und Institutionen nach, die Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe ermöglichen, tolerieren und decken.

Wie groß war für Sie der Schritt, als verantwortliche Verlegerin zu Hoca zu gehen?

Es war mehr als ein Stadtwechsel. Ich bin jetzt in einem Verlag, in dem ich ­Gestaltungsspielräume habe, wie sie nur ein Autorenverlag bietet. Die Übersichtlichkeit kommt mir gelegen, und Hoffmann und Campe erscheint mir als ein Sehnsuchtsort, der eine lange Tradition hat, der seine Autoren verpflichtet war und ein Heimat geboten hat. Hier kommt die DNA des Verlags wieder ins Spiel, und gerade ist es mir wichtig, diese Geschichte gut kennenzulernen.

Sie haben in Köln, Salzburg und Berlin ­gearbeitet. Wie gut kannten Sie Hamburg?

Ich wollte während meines Studiums mal nach Hamburg wechseln, blieb dann aber erst einmal in Köln hängen (lacht). Ich kenne in Hamburg viele Leute, aber die Stadt leider noch weniger, als ich gerne würde. Als Buchmensch muss man aber abends oft ­lesen, dabei würden wir auch gerne einmal in eine Ausstellung gehen.

Im Herbst gibt es einen neuen Verlag in Hamburg.

Ich finde es super, dass Rowohlt in die Stadt zieht. Die geografische Nähe schafft eine andere Atmosphäre. Je mehr Verlage eine Stadt hat, desto besser. Auch wenn es ein bisschen schade ist, dass der Literaturbetrieb künftig auf internationale Starautoren verzichten muss, die zu ihrem Verlag nach Hamburg fliegen und sich dann in Reinbek verwundert die Augen reiben (lacht).